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Schwalmtal
So wurde früher in Waldniel Sankt Martin gefeiert

Schwalmtal: So wurde früher in Waldniel Sankt Martin gefeiert
Die unbekannte Autorin malte St. Martin hoch zu Ross. Er trägt Bischofskleidung, ihm folgen die Zugteilnehmer mit Laternen - und in kurzen Hosen. FOTO: Ronge
Schwalmtal. Eine Waldnielerin hat vor 100 Jahren das Brauchtum beschrieben. Die Pestmühle spielte dabei eine wichtige Rolle

Es ist ein kleiner Schatz, den Karl-Heinz Schroers da erhalten hat: Bei der Sichtung alter Unterlagen der Familie fand Helga Kulow-Hoster ein Büchlein, das vor etwa 100 Jahren von einer jungen Waldnielerin geschrieben worden sein dürfte. In sauberer Handschrift hat die unbekannte Vorfahrin notiert, wie man damals in Waldniel den Martinstag feierte. Schroers freute sich sehr, als er das Büchlein erhielt - auch deshalb, weil die Mühle an der Friedenstraße erwähnt wird, mit deren Geschichte sich Schroers für ein Buch befasst hat, das der Kirchbauverein 2005 herausgegeben hat. Darin beschreibt der Heimatforscher, dass die Mühle, die heute stets als Pestmühle erwähnt wird, mit der Pest gar nichts zu tun hat: Die Windmühle wurde 1828 gebaut. Da waren die Zeiten der Pest längst vorbei.

1909 hatte die Gemeinde die Mühle gekauft, um sie als Aussichtsturm herzurichten. 1910 wurde sie umgebaut. Am Martinstag, 10. November, wurde auf der Mühle gar ein Feuerwerk abgebrannt. Die unbekannte Waldnielerin schreibt über den Martinszug: "Nach etwa einer Stunde hatten wir den jetzigen Aussichtsturm, eine frühere Windmühle, erreicht. Hier sollte ein Feuerwerk abgebrannt werden. Auf dem langen Weg waren viele Fackeln ausgelöscht, andere gedrückt worden, und man sah viele betrübte Gesichter. Doch diese hellten sich wieder auf beim Anblick der bunten Raketen, die von der Spitze des Turmes in die Luft gischten. Ein Knall - und sie lösten sich in rote, blaue und grüne Sternchen auf, die langsam zur Erde niederglitten. Große Feuerräder drehten sich! Es war ein wunderschöner Anblick!"

Reizvoll für heimatkundlich Interessierte sind die weiteren Beschreibungen zum Martinsfest: "Besonders bei uns auf dem Lande wird dieser Tag fast als Feiertag betrachtet", berichtet die Waldnielerin. "Die Kinder haben schulfrei." Sie erzählt davon, wie zwei Mitglieder des St.-Martin-Vereins von Haus zu Haus gehen, um "Geld, Äpfel, Birnen und andere Leckerbissen" für die Martinstüten zu sammeln. Wie Fackeln auch aus Runkelrüben oder Kürbissen gebastelt werden, die mit buntem Papier hinterklebt wunderschön leuchten. Dass am Tag vorher die schönsten Fackeln prämiert werden. Welche Lieder ("St. Martin, St. Martin" und "Loop, Müller, loop") gesungen werden, und wie der reitende St. Martin aussieht - gehüllt in einen weiten, violetten Mantel und mit der Bischofsmütze auf dem Kopf.

Vor 100 Jahren versammelten sich die Kinder an einer früheren Schule außerhalb Waldniels und zogen fast durch alle Straßen. "Die Bürgersteige waren voll von Menschen, die dem Martinszuge zusahen. Wie wurden die schönen selbstgemachten Fackeln bewundert, die Häuser, Kirchen, Schlösser, Burgen darstellten", heißt es im Büchlein. Die Häuser waren mit Papierlämpchen geschmückt, kurzum: "Der ganze Ort hatte ein festliches Aussehen."

Das Heft will Schroers nun an den Heimatverein weitergeben, damit die Erinnerungen bewahrt werden. Das dürfte dem Wunsch der Waldnielerin entsprechen, die ihre Aufzeichnungen so beendete: "Ich hoffe, dass dieser schöne alte Brauch bei uns am Niederrhein noch lange bestehen bleibt."

Info Der Zug durch Waldniel startet heute um 17.15 Uhr an der Grundschule.

(biro)
 
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