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Viersen
Sorge um Brauch: Keiner heischt mehr

Viersen: Sorge um Brauch: Keiner heischt mehr
Sabine Beeck mit den Töchtern Hanna (links) und Amelie beim Martinszug. Geheischt wird aber nicht. FOTO: paka
Viersen. Nach dem St.-Martinszug an fremden Türen schellen, Martinslieder singen und auf eine süße Belohnung hoffen: eine Seltenheit. Immer weniger Kinder in Viersen heischen. Warum ein alter Brauch zu verschwinden droht. Von Daniela Buschkamp und Jiota Kallianteris

Viele Dülkener vermissen die zu St. Martin erleuchteten und geschmückten Häuser; auch die heischenden Kinder bleiben immer öfter zuhause. Für Andreas Goßen, Leiter des Dülken-Büro, Anlass für einen Appell: "Schmücken Sie die Häuser, öffnen Sie singenden Kindern die Tür." Der Sinn des St.-Martinsfestes liege im Teilen und somit auch im Teilhaben lassen. "Gerade Ältere, die den Brauch aus ihrer Jugend kennen, freuen sich sicher, wenn Kinder ihnen St.-Martinslieder vorsingen", meint Goßen.

Das Heischen, die Bitte um (süße) Gaben, hat eine lange Tradition. In Köln tauchte es bereits um 1520 auf, wie Helena Siemes und Gerd Philips in ihrem Buch "Durch das Jahr: feste und Bräuche am Niederrhein" schreiben. Darin erinnert sich die Viersener Mundartdichterin Agnes Neef Winz: "In unserer Kinderzeit (um 1890) war der Martinstag verknüpft mit Fackeln, Singen und .Krieje' (etwas bekommen)." Zum Heischen hätten die Großen die Kleinen in die Mitte genommen, singend sei es zu den Nachbarn gegangen, deren Kinder sich inzwischen in gleicher Weise in Bewegung gesetzt hatten. Zu hören waren typische Heischelieder wie "Hier wohnt ein reicher Mann" oder in Dülken: "Di Löit en de Hand, dat Keärtske aanjebrant, loop, Möler, loop!"

Und heute? Viertklässlerin Hanna (9) bastelt gern Laternen und vor dem St.-Martins-Zug ist sie immer noch aufgeregt: "Am schönsten finde ich, wenn St. Martin dem Bettler seinen Mantel gibt." Singen und heischen - das macht sie nicht: "Ich kriege ja eine Süßigkeitentüte." Auch Amelie (11) findet es schön, "mit leuchtenden Laternen durch die Straßen zu gehen: St. Martin sollen uns daran erinnern, dass wir anderen helfen sollen, denen es nicht so gut geht wie uns - das gefällt mir. Aber singend von Tür zu Tür zu ziehen, das haben wir nicht gemacht. Das war nach dem Zug immer zu spät." Auch Jason (8) und Janina (7) sagen: "Wir ziehen nicht singend von Tür zu Tür." Bei ihrer Mutter Bianca Buschhausen (39) war das noch anders: "In der Grundschule gab es zwei Züge: den Schulzug und den Süchtelner Hauptzug. Auf der weiterführenden Schule hatten wir dann nur noch den Hauptzug. Danach ist man mit Freunden von Tür zu Tür gezogen und hat für die Menschen St.-Martinslieder gesungen." Doch als Mutter ist die Viersenerin heute vorsichtiger: "Meine Kinder lasse ich nicht alleine von Tür zu Tür ziehen. Außerdem ist es dann immer schon viel zu dunkel." Auch Mutter Sabine Beeck sagt: "Alleine würde ich meine Mädchen nicht gehen lassen."

Verschwindet das Heischen also? "Nein", sagt Lothar Beeck, seit 13 Jahren Vorsitzender des St.-Martinsvereins Krefelder Straße. Heute seien es mehr die ausländischen Kinder, die mit ihrer Laterne von Tür zu Tür gehen und St.-Martinslieder singen: "Die haben ihre helle Freude daran."

Quelle: RP
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