| 00.00 Uhr

Josip Drmic
"Ich wehre mich"

Viersen. Josip Drmic war nach seinem schweren Knorpelschaden wieder da. Doch dann kam ein Rückschlag. Im Interview spricht er über seinen Weg zurück in die Bundesliga und seine große Hoffnung für das neue Jahr.

Herr Drmic, kann man es so zusammenfassen: Es war für Sie ein Jahr des Bangens und Hoffens?

Drmic Vielleicht. Es gab Höhen und Tiefen, viel harte Arbeit, Niederschläge, Enttäuschungen, dann wieder starken Glauben an mich selbst. Es war ein Jahr, in dem ich eine große Entscheidung treffen musste, wie es nach der Prognose weitergeht. Ich bin immer noch in dem Prozess, es ist noch nicht vorbei. Positiv ist, dass ich wieder laufen kann, dass ich wieder spielen kann und einige Minuten bekommen habe, sogar einmal von Anfang an.

Hatten Sie Ziele für das Jahr?

Drmic Viele. Dass ich sie erreicht habe, würde ich nicht sagen. Ich wollte mitspielen, wollte erfolgreich sein, auch mit dem Nationalteam - all das hat leider nicht geklappt. Es ging langsamer voran, als ich gehofft hatte.

Im neuen Jahr gibt es sicherlich neue Ziele. Gehört die WM in Russland, für die sich die Schweiz qualifiziert hat, dazu?

Drmic Es steht etwas Großes an. Ob ich dabei sein kann, hängt von vielen Sachen ab. Wie läuft es im Verein? Wie entscheidet sich der Trainer? Wenn es Gott will, läuft alles gut und ich bin dabei.

Stichwort Gott: In dem Rap-Song, den Freunde für Sie geschrieben haben, heißt es: "Gott schaut auf dich." Sind Sie gläubig?

Drmic Jeder hat für sich etwas, an das er glaubt. Ich glaube stark, dass es etwas Großes gibt, das auf mich runterschaut und mir hilft. Was auch wichtig ist, ist, an sich selbst zu glauben.

Ist die Weihnachtszeit eine Zeit, in der Sie auch noch mal richtig zur Besinnung kommen und über all das, was im vergangenen Jahr passiert ist, nachdenken?

Drmic Ich bin bei meiner Familie, uns bedeutet Weihnachten viel. Allerdings haben wir am letzten Weihnachtsfest einen Onkel verloren - das hat das Fest überschattet und wird sicherlich auch jetzt eine Rolle spielen. Aber ich freue mich auf die Tage mit meiner Familie. Sicherlich werde ich in diesen Tagen auch an die Menschen denken, die in den letzten Monaten für mich da waren. Ich habe gemerkt, wer echte Freunde sind und wer nicht nur da ist, wenn ich erfolgreich bin. Ich habe gemerkt, wer für mich da ist, auch, wenn es um Kleinigkeiten geht.

Wer hat Ihnen vor allem geholfen, als es um die Entscheidung ging, wie es weitergeht nach der zweiten Operation im Mai?

Drmic Es gab viele Meinungen, viele Infos. Auch wenn es ein Arzt mit einem großen Namen ist, kannst du nicht sicher sein, ob er recht hat mit dem, was er sagt. Diese Erfahrung habe ich auch schon gemacht. Es war sehr schwierig. Ich habe mir drei Wochen intensive Gedanken gemacht, Borussia hat mich dabei immer unterstützt und gesagt, ich soll mir Zeit nehmen. Ich habe gelernt: Am Ende kann nur ich selbst entscheiden, aus dem Bauch, mit dem Herz. Ich musste entscheiden, welches Gespräch mir am meisten gebracht hat, wer mir am besten helfen kann. Man muss Vertrauen haben.

Dabei schien es, als sei alles überstanden. Sie waren schon recht lange zurück nach der ersten OP, am 22. April gegen Dortmund sollten Sie dann eingewechselt werden und haben Trainer Dieter Hecking gesagt, dass es nicht geht. Was war da los?

Drmic Ich habe gemerkt, dass es im Knie nicht dasselbe Gefühl war wie in den Tagen davor. Es war nicht mal ein Schmerz, sondern ganz einfach dieses Gefühl, dass etwas nicht stimmt, dass es nicht stabil ist, dass es nicht halten wird. Eine Knorpelgeschichte ist sehr speziell. Ich habe zum Trainer gesagt: Lass' den anderen bitte drin, ich werde es nicht schaffen.

Wie schwer war es, sich das einzugestehen?

Drmic Beim ersten Mal war es ja so, dass ich im Spiel mit dem HSV gegen Leverkusen einen Schlag bekommen habe. Ich saß im Bus und das Knie war extrem dick. Jetzt hatte ich nichts. Es waren keine Schmerzen da, keine Schwellung, du merkst einfach, dass es nicht geht. Ehrlich gesagt, wenn ich die anderen sehe, die einen Musekelfaserriss haben oder einen Knochenbruch - ich würde mit ihnen tauschen. Da weiß man, wo man dran ist, man weiß, was zu tun ist, um zurückzukehren. So steht man vor der großen Ungewissheit.

Trotzdem heißt es in einer Textzeile des Songs: "Nur im Dunkeln kann man Sterne sehen." Das klingt nach Hoffnung.

Drmic Der Text beschreibt meine Situation. Die Jungs kennen mich sehr lange. Als die Verletzung kam, war es, als habe jemand das Licht bei mir ausgemacht. Um mich herum war wirklich nur Dunkelheit. Das Schlimmste war nicht einmal die Diagnose, sondern es waren die anderen Leute. Die haben mich runtergedrückt. Ich habe überall gehört, dass die Karriere vorbei ist. Ich hätte besser von Anfang an nicht 1000 verschiedene Meinungen eingeholt, sondern einen kleinen Kreis mit Menschen gehabt, die mich kennen und denen ich vertraue, die mir sagen: So machen wir das, diesen Weg gehen wir. Ich hatte das Glück, dass ich zur richtigen Person gegangen bin - zu der Person, von der ich glaube, dass es richtig ist für mich.

Wer war das?

Drmic Es ging um die Operation. Die habe ich von Dr. Gruber in Nürnberg machen lassen. Ich kenne ihn aus meiner Zeit beim 1. FC Nürnberg. Wir haben alles mit Borussia besprochen, sie hat mich auch unterstützt. Er hat Erfahrung, auch Dieter Hecking kennt ihn. Ich bin froh, dass es so gekommen ist.

Beschreiben Sie Ihr Knie.

Drmic Eigentlich müsste ich Ihnen Bilder zeigen, es ist ja kompliziert. Ich glaube, man kann sagen, dass eigentlich fast jeder Fußballer einen Knorpelschaden hat. Bei manchen ist es Grad eins, zwei, drei, bei manchen Grad vier. Manche spielen ohne Knorpel, manche mit 80 Prozent. Es wirkt sich einfach bei jedem anders aus. Bei mir ist es eine kleine Stelle - manche stört so etwas nicht, aber bei mir ging es eben nicht.

Wie wichtig ist die Psyche? In dem Song heißt es: "Bleib fokussiert, es ist ein steiler Weg." War das entscheidend?

Drmic Ja. Natürlich ist der Kopf sehr wichtig. Auch der Song hat mir geholfen. Es waren viele Bausteine, die mich gestützt haben. Manche Leute können dir in gewissen Situationen mehr helfen, manche weniger. Aber wichtig ist, dass sie da sind.

Hat Sie diese Zeit als Mensch verändert?

Drmic Ich sehe die Dinge anders, sehe manches distanzierter, achte mehr auf kleine Sachen. Ich gehe nicht mehr einfach raus und spiele Fußball. Am Anfang ist jede Minute ein Glücksgefühl, jetzt kommt langsam die Normalität, das Höher, Schneller und Weiter. Trotzdem besinne ich mich immer wieder darauf, wie gut es sich anfühlt, dass ich wieder spielen kann. Ich habe gelernt, dass nichts selbstverständlich ist.

Spielt noch Angst mit?

Drmic Nein. Sonst würde ich nicht auf dem Platz stehen.

2018 bietet eine große Chance, wir sprachen es schon an.

Drmic Natürlich arbeite ich daran, es zu schaffen, zur WM zu fahren. Ob es sich so entwickelt, weiß ich nicht. Ich denke einfach von Training zu Training, versuche immer das Beste zu geben, hadere mit mir, wenn es nicht so ist. Große Ziele erreicht man in kleinen Schritten. Auch das habe ich gelernt. Man muss nur daran glauben und hart arbeiten.

Sind Sie mit dem Schweizer Nationaltrainer Vladimir Petkovic im Gespräch?

Drmic Ja, wir haben viel gesprochen in den letzten Monaten. In der ganz, ganz schweren Zeit war er da, hat mich gefragt, wie es geht. Das hat mir geholfen. Zuletzt haben wir am Rande des Play-offs gegen Nordirland gesprochen. Es ist sehr speziell. Ich weiß, dass ich dazu gehöre, er hat mir viel Vertrauen gegeben mit den Gesprächen.

Sie hatten mit Ihrem Last-Minute-Tor gegen Lettland im Frühjahr Anteil daran, dass die Schweiz zur WM fährt. War dieses Tor Ihr Highlight in diesem Jahr?

Drmic Auf jeden Fall.

Wie sehr macht das Mut, wenn man merkt, dass auch positive Sachen passieren? Zeigt das, dass es sich lohnt, Ziele zu haben?

Drmic Manchmal muss man große Ziele haben, manchmal kleine. Es muss eine Mischung sein. Man sollte selbstbewusst sein und die großen Ziele anpeilen als Motivation. Aber man darf auch nicht zu arrogant sein. Wichtig ist, dass man nichts für selbstverständlich hält. Petkovic hat mir klar gesagt, dass er Spieler braucht, die spielen - ich muss also meine Spiele machen, um mich zu empfehlen.

Dieter Hecking hat sie immer wieder gebracht seit Ihrer Rückkehr. Spüren Sie auch sein Vertrauen?

Drmic Ja, natürlich. Ich bin ihm sehr dankbar, dass er mir so schnell die Chance gegeben hat. Es ist nicht selbstverständlich, wenn ein Spieler so lange raus war. Er hat mir immer gesagt: ,Wenn Du Gas gibst, werde ich dich bringen.' Das hat er dann getan. Ich habe mich aber auch im Training angeboten, denke ich. Es ist immer ein Geben und Nehmen.

Wie wichtig war für Sie das Testspiel gegen Bielefeld, in dem Sie zwei Tore erzielt und zwei Tore vorbereitet haben?

Drmic Für mich war es sehr gut. So bekommt man wieder das Gefühl für das Spiel, vor allem, weil ich 70 Minuten spielen konnte. Wenn man spielt, kommt man wieder in die Situationen, die es nur im Spiel gibt, die man nicht trainieren kann.

Es gibt keine Situationen mehr, in denen Sie an das Knie denken, wie damals in Dortmund?

Drmic Wenn ich am Ball bin, vergesse ich das alles. Ich sehe das sehr positiv - und hoffe, dass es so bleibt.

Was machen Sie an den Tagen ohne Fußball? Können Sie da richtig abschalten?

Drmic Man muss die Mischung finden. Man darf nicht zu viel wollen, zu hart arbeiten. Aber ich bin noch nicht bei 100 Prozent. Darum versuche ich, die freien Tage für einen Arztbesuch oder eine zusätzliche Trainingseinheit zu nutzen. Aber es gibt auch Tage, an denen ich nichts mache und chille.

Im Sommer sind Sie umgezogen. Auch für den Kopf?

Drmic Das kann man so sagen. Ich wollte eine Veränderung, einen Neustart. Darum bin ich nach Düsseldorf gezogen. Mir hat mal jemand gesagt, dass so etwas helfen kann. Ich denke, ich habe es richtig gemacht.

Sie haben mal gesagt, dass Sie alles dafür tun, um wieder fit zu werden. Das haben Sie getan. Sind Sie auch besondere Wege gegangen?

Drmic Das ist richtig. Wenn es meinem Körper guttut, warum sollte ich das nicht tun? Ich habe alles umgedreht und geschaut, was mich stärkt. Heilen kann den Knorpelschaden niemand - aber ich habe einen Weg gefunden, damit wieder zu spielen.

Das heißt, dass Sie im vergangenen halben Jahr viele richtige Entscheidungen getroffen haben?

Drmic Wenn man alle Karten auf den Tisch legt und daran denkt, dass ich am 18. Mai operiert wurde und dann die Frage gestellt wurde ,Wie ist es möglich, dass Josip Drmic wieder Fußball spielt?', dann ist die Antwort: Er ist wieder da. Auch, wenn noch nicht alles wieder optimal ist. Aber ich denke, ich habe vieles richtig gemacht.

Sie gehen aber davon aus, dass Sie den Kampf gewinnen?

Drmic Ich bin noch dabei - mit positiven Gedanken nach vorn. Ich werde nicht aufgeben, ich glaube an mich. Wie heißt es bei Rocky Balboa: Keiner schlägt dich so hart wie das Leben. Aber ich sage: Ich wehre mich.

DAS GESPRÄCH FÜHRTEN KARSTEN KELLERMANN UND JANNIK SORGATZ

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Josip Drmic: "Ich wehre mich"


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.