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Jazzfestival
Im Forscherlabor des Jazzpianisten

Viersen. Für den Jazzpianisten Florian Weber wurde der kleine Saal der Festhalle beim Jazzfestival zum Forscherlabor. Als "artist in residence" hatte Weber Musiker eingeladen, um mit ihnen mehrere Sets zu präsentieren. Zum European Jazz Meeting kamen überwiegend Vertreter der jüngeren Musikergeneration, die mit technischer Brillanz erfrischende Spielarten einer zeitgemäßen Jazz-Auffassung zu Gehör brachten. Saxophonistin und Flötistin Anna Lena Schnabel, Gitarrist Axel Zajac und Drummer Israel Varela agierten frisch und freudvoll, Fels in der rhythmischen Brandung blieb jederzeit Michel Benita am Kontrabass.

Im musikalischen Zwiegespräch mit Weber offenbarten die Mitstreiter ihre jeweilige besondere musikalische Gabe. Schnabel etwa entlockte ihrem Instrument mal lyrische Klänge, ansatzlos und weich, beherrschte die Disziplin dreckig-überblasen dabei nicht minder. Wenn Zajac nicht gerade perlende Akkord-Kaskaden produzierte, verweilte er zwischendurch gerne in tieferen Gefilden und unterfütterte das Bass-Fundament der Band so mit einer zusätzlichen Armierung. Varela komplettierte den Reigen mit einer ganz eigenen Spielauffassung: Der Mexikaner gab den Spitzenkoch, der den Deckel seines brodelnden Chili-Kochtopfs hin und wieder nur einen Spalt weit öffnet, um Druck abzulassen und das Aroma zu erhaschen.

Einen Spaziergang an der Küste jenes Kontinents, der immer noch den Jazz repräsentiert, bot das zweite Projekt Webers an diesem Abend, betitelt "New York Jazz Quartett". Unaufgeregt, hochkonzentriert, im besten Sinne "cool" bearbeitete da Saxophonist Greg Osby sein Instrument, ohne eine Miene zu verziehen. Im Gegensatz zu Schlagzeuger Nasheet Waits, dessen Zunge stets auf dem Weg zur Nasenspitze schien, wenn er mit schweißbenetzter Stirn dem Weg der Kompositionen Webers auf seinen Notenblättern folgte. In dieser unmittelbaren Körperlichkeit war der Drummer dem Pianisten nicht unähnlich. Auch Weber überließ sich nun im Spiel sich selbst und ließ die Zuhörer so auch zu Zusehern werden. Weber sprach, sang, weinte und lachte seine Stücke mit, in Symbiose mit dem Instrument, ganz wie Drummer Waits mit dem seinen. Für die Tiefe im Takt sorgte, wie schon im ersten Set, Bassmann Benita. Gemeinsam entwickelte das Quartett einen elegischen Soundtrack, der vor dem inneren Auge des Zuhörers Bilder entstehen ließ. Und unversehens bekam ein gleichsam endlos scheinendes Musikstück - das historische Zeitmaß "eine Albumseite" war längst gesprengt - einen finalen Dreh und löste sich in funky interpretierte, groovende Blues-Akkorde auf. Der Name des Kontinents: Amerika. Und dann war da noch der Mann, dessen Namensnennung die Herzen eingefleischter Jazzfans höher schlagen ließ: Mehrfach erwähnt und im Programmheft auch als Mitwirkender auf der Hauptbühne angekündigt, war das große Rampenlicht offenbar seine Sache nicht. Und so betrat Cool-Jazz-Legende Lee Konitz erst um Mitternacht die Bühne 2 zum Duett mit Florian Weber. Dort machte der 88-jährige Jazz-Veteran klar, wo es langgehen sollte: Mit den Worten "We don't read music!" räumte er erst einen Notenständer beiseite und dann das Mikrofon: "I don't need this microfone!" Was er und Weber dann zelebrierten, war Jazz in Reinform: ein Flügel, ein Saxofon, unverstärkt, pur. Auf den Jazz-Standard "Stella by Starlight" folgte eine Improvisation über von Weber vorgegebene Motive. Konitz zeigte sich in bestechender künstlerischer Form. Da spiegelte jeder einzelne Ton ein reiches, musikalisches Leben wider. So wählte Konitz niemals die naheliegendste harmonische Antwort auf Webers Vorlagen. Unfassbar kreativ setzte er seine Markierungen, oftmals haarscharf neben die Erwartungshaltung der Zuhörer, perfekte "Blue Notes" eben. Teilweise sogar mit dem nächstliegenden Intrument umgesetzt, der Stimme. Ergebnis: Lang anhaltender Applaus, Gänsehaut inklusive. DIETER MAI

Quelle: RP
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