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Viersen
Stoffmarkt — allein unter Frauen

Viersen: Stoffmarkt — allein unter Frauen
FOTO: Röse Martin
Viersen. Unser Autor hat mal einen Schal gestrickt. In der dritten Klasse. Das ist Jahrzehnte her. Seither machte er um alles, was mit Wolle und Nähen zu tun hat, einen großen Bogen. Bis gestern in der Viersener City Von Martin Röse

Es gibt viele hässliche Dinge auf der Welt. Ich bekenne: Eines von ihnen habe ich selbst produziert. Ich war jung, ging gerade in die dritte Klasse der Grundschule, als meine katholische Religionslehrerin (Frau Casper selig) aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen plötzlich anfing, auch noch ein weiteres Fach zu unterrichten. Textiles Gestalten. Himmel hilf! Da saß ich mit einem blauen Wollknäuel, zwei Plastikstricknadeln und verstrickte mich in dem Versuch, irgendetwas zustande zu bringen, das unter den gestrengen Augen der Lehrerin als Schal durchgehen konnte. Das Ergebnis war löchrig, schief, schräg, es hatte komische Franseln und zu allem Überfluss kratzte es auch. Meine Mutter hatte Tränen in den Augen. Ich dachte, vor Rührung. Bis ich die Note bekam.

Seither gehe ich allem, was mit Stoffen und Nähen und Stricken zu tun hat, aus dem Weg. Bis gestern. Weil der deutsch-holländische Stoffmarkt in der Viersener Fußgängerzone nun mal so lang ist, dass man ihm schlicht nicht aus dem Weg gehen kann. Fasziniert betrachte ich Holzknöpfe in Fußballform, blicke in bunte Muster, befühle einen Kork-Leder-Stoff aus Portugal (irgendwie weich und trotzdem krümelig) und schneide einem Totenkopf auf einer silberfarbenen Gürtelschnalle eine Grimasse.

Beim Blick auf die Stände wird mir bewusst: Dieser Markt ist männerfreie Zone. Überall Frauen. Junge, ältere, ganz Alte. Zum Teil allein, zum Teil zu zweit, zu dritt. Inga Lankes aus Amern zum Beispiel steht am Bündchen-Stand, zusammen mit ihrer Mutter. Im Kinderwagen mit dabei: der fast zweijährige Sohn. Er darf tragen, was sie näht. "Angefangen habe ich vor gut einem Jahr mit kleineren Sachen. Schals", sagt sie. Ich muss schlucken. Aber dann ist ihr gelungen, was mir immer verwehrt blieb. "Ich habe dann auch Jacken und Hosen genäht." Jetzt sucht sie Bündchen (vier Euro) für Stoff, den sie gekauft hat.

Hinter dem Stand nebenan: Melanie Schemeit aus Gelsenkirchen. Seit anderthalb Jahren verkauft sie auf dem deutsch-holländischen Markt Stoffe. "Heute lief's ziemlich gut", sagt sie. "Bei dem Regen heute früh hatte ich schlechteres erwartet." Am Abend wird sie alle Stoffe in einen großen Transporter laden, dann nach Wittlich fahren. Dort ist der deutsch-holländische Stoffmarkt morgen zu Gast. "Geschlafen wird im Hotel", berichtet sie. So handhabt das auch Katrin Förster. Mit 14 hat sie mit dem Nähen angefangen. "Das habe ich mir irgendwie selbst beigebracht. Ich hatte mir direkt eine Bluse ausgesucht und dann festgestellt, dass das doch ganz schön anspruchsvoll war." Trotzdem blieb sie dabei. "Es macht Spaß, weil man da immer ein Unikat kreiert."

Hinter den Stoffen - vom unifarbenen Jersey für zwölf Euro den Meter bis zum Wollstoff für 29 Euro - hängen Kleider und Shirts. "Die habe ich selbst gemacht." Die Anleitungen verkauft sie mit. Ihr Stand ist der vorletzte. Und dann, ganz am Ende der Fußgängerzone, treffe ich doch noch einen Mann: Manfred Gerhardt aus Holzwickede. Vor zwölf Jahren fuhr er mal nach Frankreich, weil es dort die besten Bänder gibt. Er verkauft sie in seinem Bändershop. "Auch aus Spanien beziehen wir unsere Waren." Hunderte Bänder in allen Längen, Farben und Materialien bietet er an. Einige wenige lässt er selbst produzieren: "Diese hier", sagt er und zeigt auf ein elastisches und reflektierendes Material. "Das ist Paspel." Seine Erfahrung: Stoffe kaufen viele Kundinnen online, aber die Bänder dann doch vor Ort. "Am Bildschirm sind die Farben manchmal nicht so genau." Das verstehe ich. Ein anderes Produkt aus dem Bändershop aber nicht: Wozu, bitte, braucht man einen Endlosreißverschluss?

Quelle: RP
 
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