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Viersen
Textilproduktion für die Malerrolle

Viersen: Textilproduktion für die Malerrolle
Bei Führungen erläutert Walter Tillmann Kindern im Textilmuseum, wie früher gesponnen wurde und wie man Stoffe herstellte. FOTO: Busch
Viersen. Von der einst blühenden Textilherstellung zwischen Niers und Grenze ist nicht mehr viel geblieben. Stoffe werden kaum noch gewebt, technische Textilien sind gefragt. Nur im Museum "Die Scheune" entstehen noch "echte" Gewebe. Von Manfred Meis

Vom Textilfaden kommt Hans Willi Lersmacher nicht los. Der gelernte Weber und Textilingenieur leitet heute Kurse im Handweben im Nettetaler Textilmuseum "Die Scheune", nachdem er rund 40 Jahre lang Web- und andere Maschinen bei dem Lobbericher Teppichbodenhersteller "Longlife" (früher Krey & Cleven) am Laufen hielt. Der gebürtige Süchtelner lernte das Weberhandwerk bei Christoph Andreae, wo schon sein Vater Willi Obermeister war. Von Großvater Johannes hat er noch eine Jubilarurkunde der Diergardt-Stiftung aus dem Jahre 1927.

Lersmacher erwarb während der Lehre die Fachschulreife und verließ anschließend die damalige Ingenieurschule Krefeld als Textil-Ing. (grad), um erst einmal zwei Jahre in Bayern zu arbeiten. Dann kam er 1976 als Stellvertreter des Webereileiters zu "Longlife" und rückte nach dessen Tod an seine Stelle. Das Berufsleben endete kurz vor dem 60. Lebensjahr abrupt, als "Longlife" 2008 die Produktion einstellte und das Unternehmen liquidierte. Ein typisches Textilerleben?

Der gelernte Weber und Textilingenieur Hans Willi Lersmacher gibt im Textilmuseum Kurse. Hier zeigt er, wie man einen Webstuhl bedient. FOTO: Busch

In den vergangenen Jahrzehnten wurde es fast zur Regel. Aber vorher bot die Textilindustrie den Menschen hier rund 150 Jahre lang eine berufliche Heimat von der Lehre bis zur Rente. In vielen Familien - wie bei den Lersmachers - gibt es eine Textiltradition, weil die Herstellung von Stoffen der erste große Industriezweig war. Er blühte Mitte des 19. Jahrhunderts hier auf, als Baumwolle und Seide den Flachs ablösten. Er hatte über Jahrhunderte immer wieder geblüht, um den Rohstoff für die Leinen-Hausweberei zu liefern. Als sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Weltmärkte immer weiter öffneten und auch die Produktion wegen der niedrigeren Löhne lukrativ wurde, wurde das Ende der heimischen Textilindustrie eingeläutet.

Es hat immer schon Krisen gegeben, die viele Firmen mit Zusammenschlüssen zu meistern suchten, vor allem in den 1920er und 1930er Jahren. So entstand in Krefeld die Vereinigte Seidenweberei AG (Verseidag), in Oedt die Girmes AG mit der Joh. Girmes AG in Oedt, der Grevelour AG in Grefrath und der Niedieck AG in Lobberich. Während Verseidag-Unternehmen heute noch technische Gewebe herstellen, ist von den Girmes-Werken hierzulande nichts mehr geblieben. Nach dem Wiederaufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg folgten ab 1960 Krisen im Zehn- bis 15-Jahre-Rhythmus. Ihnen fielen in Viersen Firmen mit altbekannten Namen zum Opfer: Viersener Aktien-Spinnerei, Mechanische Weberei Ströpen, Wittemann, Dörrenberg, Pongs & Zahn, GreefGoeters, Beckers & Hüskes, Fürwentsches, Viktor Achter, Christoph Andreae, Rossié, um nur einige zu nennen. In Waldniel schloss die Wuppertaler Kunstseiden AG (Kuag) 1975 ihr Werk, in Amern machte Gebhardt zu. Als gegenüber im leerstehenden Verwaltungsgebäude der früheren Niedieck AG schon die ersten Fensterscheiden zu Bruch gingen, wurden bei "Longlife" auf der westlichen Seite der Niedieckstraße in Lobberich noch eifrig die mit zahlreichen Design-Preisen ausgezeichneten Teppichböden produziert. Durch die Wirtschafts- und Finanzkrise 2008 fielen weltweit Aufträge weg, so dass die Inhaber Hans-Jürgen und Harald Cleven den Betrieb einstellten und jetzt das Gelände für einen Wohnpark vermarkten.

Stehen blieb nur ein dreigeschossiger Bau aus dem Jahre 1902, den de Ball "von gegenüber" errichtet hatte. Auf dem de Ball/Niedieck-Gelände gibt es inzwischen keine Fabrikationsräume mehr, vielmehr werden hier wie bei "Longlife" die ersten Einfamilienhäuser und Seniorenwohnungen errichtet: eine neue Heimat vielleicht auch für ehemalige Textiler.

Inzwischen ist ein kleines Wunder passiert: In früheren Hallen des Armaturenherstellers Rokal/Hansa an der Robert-Kahrmann-Straße in Lobberich hat sich mit "Pile Fabrics" ein Hersteller von technischen Textilien niedergelassen, den frühere Girmes-Mitarbeiter zunächst in Viersen aufgebaut hatten. Das Unternehmen stellt nicht nur Plüsche und Velours für hochwertige Farbroller her, sondern auch Textilien für Großfilteranlagen und Waschstraßen oder für die Reinigung (Handschuhe, Wischmops). Auch die Hebekissenproduktion von Girmes führt das Unternehmen weiter, das neuerdings auch Turnhallenmatten und "Surfbretter" anbietet. Und in Dülken produziert weiterhin Weyermann & Söhne wie seit 1839 Futterstoffe; das Unternehmen hat seit einigen Jahren auch zwei Tochterfirmen in Wegberg (technische Textilien) und Premnitz (Kettproduktion).

Quelle: RP
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