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Viersen
Thank you for the music

Viersen. Das 30. Jazzfestival ist zu Ende. Es war imposant, es war laut, es war schön Von Gert Holtmeyer, Dieter Mai, Ottmar Nagel, Birgitta Ronge (Text) und F.-H. Busch (Fotos)

Zu Recht begann das Jazzfestival zum 30-jährigen Bestehen im Keller, der jahrelang Ali Haurands musikalische Heimat war und der seit Freitag seinen Namen trägt. Brechend voll war es, als Haurand mit seinen alten Kameraden vom European Jazz Sextet dort aufspielte. Jiri Stivin ist auf der Flöte wie auf dem Saxophon nach wie vor ein Meister, die Saxophon-Kollegen Alan Skidmore und Gerd Dudek verstehen sich ebenfalls auf ihr Metier. Die Rhythmusgruppe ist nicht nur für Takt und Rhythmus da. Ali Haurand (Bass), Steve Melling (Piano) und Drori Mondlak (Schlagzeug) bestechen wie die Bläser durch ihre vitalen Improvisationen. Das Publikum hörte mit viel Vergnügen Jazz pur und nicht Jazz light, unter anderem mit Themen des alten Haurand-Freundes John Coltrane. gho l

Nils Landgren mischt Stile und Genres. Der Posaunist und Vokalist war mit kleiner wie mit großer Besetzung in den großen Saal gekommen. Wie im barocken Concerto grosso wetteiferte eine kleine solistische Besetzung mit einem ganzen Orchester. Klein ist die Jazz-Combo. Mit Jan Lundgren am Flügel, Lisa Wulff (Bass) und Wolfgang Haffner (Schlagzeug) sorgte Landgren für Drive und Synkopen-Rhythmen. Die Bochumer Symphoniker sorgten unter Leitung von Jörg Achim Keller, der auch für die Arrangements verantwortlich zeichnet, für einen kompakten Gesamtklang. Hier werden Hot und Sweet gemischt, Vitales und Kuscheliges wechseln einander ab. Begonnen wurde mit einem schwedischen Volkslied, dass auf ganz eigene Art und Weise zugeschnitten wurde. Bei "Stars in your Eyes" ließ die Licht-Regie die Sterne funkeln. Zum Abschluss gab es eine Zugabe voller Witz und Originalität: Landgren baute seine Posaune auseinander und wieder zusammen. Zuerst spielte er auf dem ganzen Instrument, dann nur noch auf dem Zug, auf dem Mundstück, schließlich nur noch mit Lippen und Zähnen. Anschließend lief es in umgekehrter Reihenfolge wieder bis zur zusammengesetzten Posaune. gho l

Sichtlich Spaß machte dem "artist in residence" des Festivals, Florian Weber, der Auftritt mit Hip-Hop-Künstler Samy Deluxe. Es wurde jedenfalls viel gelacht. Klar war auch, dass mit einer Probe am Nachmittag - wie der Rapper mehrfach betonte - natürlich kein stilistisch ausgeklügeltes Konzept umzusetzen war. Den Fans war das auch nicht so wichtig, trotz mehrerer musikalischer Pannen wie "Einsatz verpasst" oder "Text vergessen" entwickelte sich ein gutes Konzert. Das lag sicherlich an der Bühnenpräsenz von Samy Deluxe, der die unterschiedlichsten Themen in seinen Texten verarbeitet, gesellschaftliche wie persönliche oder spaßige. Er kann mit dem Publikum umgehen, freut sich über das Zusammenspiel mit den guten Musikern und findet zu einer Improvisation über den Ort des Geschehens - nämlich ein Jazzfestival. Das kommt authentisch rüber, ist witzig, natürlich, spontan. Kein Wunder, dass sich Jazzer Florian Weber auf die Tour mit Samy freut, kann er doch eines seiner Markenzeichen, nämlich mit allem möglichen musikalischen Material arbeiten zu können, dort bestens umsetzen. Vielleicht nutzen es die beiden Musiker, der Fusion von Hip-Hop und Jazz weiter näher zu kommen. Einen ersten Ansatz haben sie in Viersen gemacht. nag l

Für den Abschluss des ersten Festivalabends sorgte Fanfare Ciocarlia, ein Ensemble, das als Vorreiter des Balkan Beat gilt, einer Musik, die durch ihre Energie mitreißt. Nun - an den Musikern sollte es nicht liegen, dass dieser Anspruch nur von einer kleinen Gruppe feierfreudiger Musikfreunde abgerufen wurde. Denn die Musik wurde mit einer derart infernalischen Lautstärke in die Halle gedröhnt, dass die meisten Besucher diese relativ fluchtartig verließen. Wie schade um diese tolle energetische Musik, die man aufgrund der Besetzung ja schon fast ohne Verstärkeranlage hätte präsentieren können. nag l

In einen Rausch spielten sich Jin Jim am Samstag auf Bühne 2. Angetrieben vom Jubel der Besucher beendeten die vier jungen Musiker aus Köln, Bonn und Peru ihren Auftritt erst, als der Schlussapplaus für Headliner Bosse schon verklungen war. Von Anfang an legten Jin Jim ihren folkloristisch angehauchten High-Speed-Jazzrock als fröhlichen Parforce-Ritt durch die musikalischen Genres an. Da folgten Hip-Hop-Beats auf kammermusikalisch anmutende Passagen, furiose Rockjazz-Explosionen mündeten in Flamenco-Harmonien. Stets im Zentrum des experimentierfreudigen Quartetts: Querflöten-Virtuose Daniel Manrique Smith. Frontmann mit Querflöte - das ließ an die britischen Progressive-Rock-Ikonen Jethro Tull denken. Wie deren Mastermind Ian Anderson zog auch Daniel Manrique Smith alle Register: vom scharfen Überblasen über lyrische Passagen bis zum parallelen Mitsingen. Virtuose Beherrschung ihres Instruments, präzises Timing und perfekte Abstimmung prägten auch die tadellose Bühnenarbeit von Bassist Ben Tai Trawinski, Drummer Nico Stallmann und Gitarrist Johann May. Diesen hungrigen Musikern zuzusehen, wie sie sich am überbordenden Buffet der jüngeren Musikgeschichte bedienten, machte einfach Spaß. dmai l

Eine wunderbare Zeit bescherte die WDR Big Band den Festivalbesuchern am Samstagabend. Unter Leitung von Hilarío Durán entführte das Ensemble in die Karibik, in die "Cuban Night". Pianist Durán, in Havanna geboren, komponiert, arrangiert und versteht es, Musiker wie Zuhörer mit unglaublicher Energie durch die Nacht zu begleiten. Immer wieder sprang er auf, gestikulierte, spielte stehend am Flügel weiter, erzählte Geschichten zur Musik wie die vom Lada, der ihn im Stich ließ, und nahm mit Horacio Hernández (Schlagzeug) und Sebastian Nikoll (Percussion) das Publikum ganz gefangen. Als Sängerin Yma America zur Band stieß, waren die Zuhörer längst dem Zauber des Latin Jazz völlig erlegen und wippten beseelt mit. Da verließ Durán für kurze Zeit den Flügel, um mit ihr über die Bühne zu tanzen. biro l

Für die Viersener Festivalbesucher ist Wolfgang Haffner ein guter Bekannter, war er doch im vergangenen Jahr "artist in residence". Auch in diesem Jahr durfte der Echo-prämierte Schlagzeuger eine Band nach eigenem Gusto zusammenstellen und mit ihr die letzte wirkliche Jazz-Performance am Samstag auf der Hauptbühne darbieten. Eine vorzügliche Wahl. Mit einer haffnerschen Eigenkomposition ging das All Star Quartett aus dem Stand in die Vollen. Haffners unverwechselbarer, treibender Groove gab den Takt vor, zu dem seine Mitmusiker von den ersten Takten an klarmachten, welche Qualitäten hier vereinigt waren. Was folgte, war eine Reminiszenz an den Jazz. Thema des Abends waren Standards. Haffner und seine Mitstreiter dokumentierten den zeitlosen Reichtum, der den Genre-Klassikern innewohnt, in beeindruckender Weise. Miles Davis' "So What" etwa präsentierte das Quartett in gefühlt eineinhalbfacher Geschwindigkeit. Pianist Michael Wollny war kaum zu bändigen, auch Vibraphonist Christopher Dell spielte sich in einen Rausch. Immer wieder von Applaus unterbrochen wurde auch das perkussiv angelegte Bass-Solo Danielssons, das in einen elegisch getragenen Zwischenpart mündete. Und dann erklang sei wieder die "Melodie" des Bebop-Klassikers. Hingerissenes Publikum. dmai l

Sängerin Lisa Bassenge ist in Viersen ein gern gesehener Gast. Nach fünf Jahren kehrte die Berlinerin nun zum Festival zurück, um ihre "Canyon Songs" zu präsentieren - Coverversionen bekannter Interpreten wie Rickie Lee Johnes, Tom Waits oder The Doors, und das so entspannt und tief versunken, dass auch der Zuhörer schier ertrank in diesem Meer der Melancholie, das die Künstlerin da auszugießen verstand. Begleitet von Andreas Lang (Bass), Tino Derado (Klavier), Tobias Backhaus (Schlagzeug) und Echo-Jazzpreisträger Tobias Hoffmann (Gitarre) versetzte sie die Besucher in die Canyons Amerikas. Leider hatten nur wenige Gäste die Chance, diese betörend schönen Songs zu hören, musste Bassenge doch im kleinen Saal auftreten. biro l

Das junge deutsche Jazz-Trio Three Fall begann in der Ursprungsbesetzung, die zwei Jahre zuvor an gleicher Stelle erstmals Kritiker und Zuhörer aufmerken ließ. Till Schneider (Posaune), Lutz Streun (Saxophon, Bassklarinette) und Sebastian Winne (Schlagzeug, Percussion) bewiesen abermals, dass auch gänzlich ohne klassisches Bass- und Akkord- Instrument die Herstellung von Groove der Güteklasse 1 möglich ist. Mit zunehmender Spieldauer mischten sich in die Bläser-Arrangements tanzbare Afrobeat-Elemente. Dies war die Ankündigung für Sängerin Melane Nkounkolo, die bei Three Fall neuerdings die temperamentvolle Soul-Queen gibt. Charismatisch, stimmgewaltig und mit ansteckender Tanzfreude brachte sie Bewegung in den Keller. Als zum Finale ihre Mitmusiker Rage Against The Machines "Killing in The Name Of" ebenfalls zur Hardcore-Funk-Nummer veredelten, gab es endgültig kein Halten mehr: Viersen tanzte. dmai l

Getanzt wurde auch am Samstag mit Bosse. Sänger Axel Bosse witzelte, er habe wahrscheinlich die wenigsten Zuhörer, schwitze aber am meisten, doch das stimmte nicht: Von ihm und seiner Band ließen sich die Besucher gern zum Tanzen verführen. "Engtanz" heißt sein aktuelles Album, bekannte Hits wie "Dein Hurra", "So oder so" oder "Steine" begeisterten die Zuhörer, die sangen, klatschten oder eng an den Partner gelehnt da standen und lauschten. Dass sie auf einem Jazzfestival eingeladen waren, vergaßen die Musiker nicht: Für das Stück "Du federst" zeigte die Band, was sie draufhatte, flog auch zum Reggae und zurück. Sie würden gern wiederkommen nach Viersen, bekannte Axel Bosse abschließend, nicht ohne dem Festivalteam noch einmal Danke zu sagen. biro

Quelle: RP
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