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Brüggen
Timo Wopp mäandert durch die Widersprüche der Zeit

Brüggen: Timo Wopp mäandert durch die Widersprüche der Zeit
Comedian Timo Wopp war im Kulturforum Schloss Dilborn beinahe durchweg körperlich im Einsatz, bezog spöttisch sein Publikum ein und kommentierte Reaktionen aus den Zuschauerreihen. FOTO: Jörg Knappe
Brüggen. "Moral — eine Laune der Kultur" heißt Timo Wopps aktuelles Programm. Er gastierte im ausverkauften Kulturforum Schloss Dilborn. Hier gab er der Orientierungslosigkeit ein Gesicht — das seine Von Angela Wilms-Adrians

Mit dem gängigen Bild eines Diplom-Kaufmanns hat Timo Wopp so gar nichts gemein - auch wenn sich da irgendwie ein BWL-Studium in die Vita geschmuggelt hat. Da hat sich wohl eher seine damalige Parallelwelt als professioneller Jongleur durchgesetzt sowie obendrein die diebische Freude, den moralischen Kompass erzittern zu lassen. Denn Wopp jongliert nicht mit Bilanzen, sondern mit Worten und Dingen.

Das tat er im Kulturforum Schloss Dilborn mit seinem aktuellen Programm "Moral - eine Laune der Kultur". Dabei war er beinahe durchweg körperlich im Einsatz. Hier und da begleitete er die Wortspielereien mit sportlichem Einsatz, um gleich drauf die mangelnde Fitness zu karikieren. Selbst in diesen Momenten redete er sich um Kopf und Kragen. Gerade noch in die Menge geworfene Behauptungen wurden relativiert, neu formuliert, doch nicht, um entschärft verklausuliert daher zu kommen.

Stattdessen gab es noch eine gute Portion Bosheit obendrauf. Mit der Wahrheit jonglierte Wopp ebenfalls gerne, um sich den Merkwürdigkeiten einer Zeit voller Widersprüche zu widmen. Eines mied der Comedian gewissenhaft und bewusst: die politische Korrektheit. Da wühlte er sich lieber durch das Spektrum der Ressentiments und Verstrickungen, um frech zu entlarven und in Frage zu stellen - nicht zuletzt sich selbst.

Das alles inszenierte er in atemberaubendem Tempo. Politik fiel hier und da als Stichwort, doch das große Interesse galt der Gemengelage von Befindlichkeiten und Sonderbarkeiten, die dann doch wieder mehr als privat und der eigenen Erfahrungswelt gar nicht so weit entrückt waren.

So pflückte Wopp seine Themen im Privaten und Öffentlichen. Bei alledem fand er die Zeit, sein Publikum spöttisch einzubeziehen. Er könne hoffentlich als Mann den Erwartungen eines hochintellektuellen Kabarettpublikums gerecht werden, so Wopp. Mit gewissenhaftem Blick vermutete er in den ersten Reihen die Brüggener Bildungselite. Bissig persiflierte er das Bild des Oberstudiendirektors und "Feuilletonlutschers", der die Pointen geistig zerlegt.

"Wer hat denn hier die AfD gewählt?", fragte Wopp von der Bühne und betonte keck, dass Denunziation durchaus erwünscht sei. Mochten die Besucher anfangs über seine Kommentare auf Publikumsreaktionen überrascht gewesen sein, griffen einige bald den Spielball auf und reagierten mit witzigen Zurufen. Als ein Gag eher für stumme Verwirrung als Lacher sorgte, behauptete Wopp, das nächste Programm heiße "Brüggen sehen und sterben".

"Ich kann nicht mehr heftiger sein als die Realität, ich will nicht mehr heftiger sein als die Realität", versicherte der Gast, um doch schonungslos Selbstbetrug und Trends aufzuspießen. Der zweifache Vater karikierte gedanklich flexible Eltern, die gegen jede Form von Apartheid sind - außer bei den eigenen Kindern. Zur Digitalisierung fragte er sich, welche Schlüsse die Algorithmen aus seinem "schizophrenen Kaufverhalten" ziehen könnten. Im Dickicht von Erziehungs- und Optimierungsfragen stellte er fest, Kinder müssten heute nicht mehr erzogen, sondern chemisch richtig eingestellt werden.

Zum erklärten Schwerpunkt Moral begab sich der Kabarettist gerne auf Glatteis, um etwa keck zu fragen: "Bedeutet moralisch einwandfreies Verhalten, dass man nicht erwischt wird?" Dieser Auslegung wären vermutlich auch die Verantwortlichen bei VW gefolgt, so seine Vermutung.

Scheinbar spielerisch, dabei pfiffig verpackt war die Kombination von Wortspielerei und Jonglage zu Moral und Populismus, bis eine der hin und her sortierten Boxen zu Boden fiel. Wopp erklärte den Akt zum "postfaktischen Jonglieren". Das sähe nur so aus, als wäre etwas schiefgelaufen.

Für sein Programm recherchiere er nicht, behauptete der Comedian und outete sich als AfK, eine "Alternative für Kabarett". Schließlich führe zu viel Wissen nur zu Selbstzweifeln. Am Ende rief er ins Publikum: "Ich habe alles gegeben, um zu zeigen, dass ich euch kein Beispiel sein kann. Ich habe der Orientierungslosigkeit ein Gesicht gegeben - und zwar mein eigenes".

Quelle: RP
 
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