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Viersen
Tod als Abschluss des Lebens annehmen Den Tod als Abschluss des Lebens annehmen

Viersen: Tod als Abschluss des Lebens annehmen Den Tod als Abschluss des Lebens annehmen
Zur Ausstellung gehören ein Sarg und ein großes Gänsespiel, in dessen Mitte Dirk Windbergs und Harald Hüller (r.) stehen. FOTO: Busch
Viersen. Ein großes Gänsespiel, in dem der Tod lauert. Ein offener Sarg mit Fotos von Menschen vor und kurz nach ihrem Tod. Der Brief eines Mädchens, dessen Oma im Sterben lag: Das gehört zur interaktiven Ausstellung "Über den Tod (hinaus)". Von Daniela Buschkamp

Ein dunkler, schlichter Sarg steht in der St. Notburga-Kirche. Der offene Deckel gibt den Blick in das Innere frei - auf gestreiften Satin, mit dem die Sargwände ausgeschlagen sind. Und auf schwarz-weiße Fotografien, die Menschen kurz vor und kurz nach ihrem Tod zeigen. Es sind berührende Porträts, bei denen sich der Betrachter als Voyeur, als Eindringling fühlen könnte. Das muss er aber nicht - im Gegenteil. Denn er erfährt auch die Lebengeschichten dieser Menschen. Und: "Diese Bilder bringen den Besucher mit dem Tod in Berührung. So nah erlebt man den Tod heute kaum noch", sagt Harald Hüller (52), Jugendseelsorger für die Region Kempen/Viersen. Der Sarg bildet eine Station in der neuen Ausstellung "Über den Tod (hinaus)", die ab dem morgigen Sonntag, 1. November, in dem Gotteshaus an der Notburgastraße für Besucher ab neun Jahren gezeigt wird.

Morgen begehen katholische Christen mit Allerheiligen einen Tag, der der Erinnerung an geliebte Verstorbene gewidmet ist. Für Harald Hüller und Dirk Windberg, Jugendbeauftragter für die Jugendkirche Viersen, war dies der richtige Zeitpunkt, um die interaktive Ausstellung nach Viersen zu holen. Zuvor war diese in der Krefelder St.-Elisabethkirche gezeigt worden. Nach dem Abbau in Viersen geht sie wieder zurück nach Krefeld.

"Das Thema Tod liegt uns sehr am Herzen, denn über den Tod wird nicht geredet, vor allem nicht mit Kindern und Jugendlichen", sagt Dirk Windbergs. Dabei erleben viele von ihnen bereits in der Kindheit, dass das Leben von Großeltern, Verwandten oder auch das des Haustieres endet. "Auf Fragen erhalten sie oft keine Antworten. Der Tod ist ein Tabu", sagt Hüller, der auch als Notfallseelsorger tätig ist. Mit der Ausstellung solle nun nicht nur ein Tabu gebrochen werden - der Tod soll zurück in das Bewusstsein der Kinder und Jugendlichen geholt werden. Möglich, dass dabei schmerzhafte Erlebnisse wieder aufkommen. "Darauf sind wir vorbereitet. Wir lassen die Ausstellungsbesucher nicht mit ihrer Trauer allein, sondern fangen sie auf", sagt Windbergs. So soll die Präsentation in einer Gruppe erlebt werden; nach dem Rundgang folgen Gruppenarbeit und weitere Gespräche. Gegliedert ist die Ausstellung in drei unterschiedliche Bereiche: Der erste Schwerpunkt heißt "Den Tod annehmen". Dabei sollen die Besucher das Lebensende als natürlichen Vorgang kennenlernen. Die Krefelder Ausstellungsmacher haben sich dabei von dem Bild eines Menschen begleiten lassen, der "spürt, dass sein Leben zu Ende geht und der sein Leben so gelebt hat, dass er in der Lage ist, den Tod anzunehmen". Den Tod als Abschluss des biologischen Lebens erkennen und letztlich akzeptieren - dabei helfen etwa fünf durchsichtige Plastikkisten. Sie enthalten Porträts von Männern und Frauen aus Krefeld, die diese von der Kindheit bis ins hohe Alter zeigen. Die einzelnen Fotos sollen einer Person zugeordnet werden. Dazu müssen die Besucher einen intensiven Blick auf die Gesichter werfen und die Veränderungen erkennen - und werden vielleicht von der Auflösung überrascht sein.

"Mit dem Tod verhandeln" lautet das Thema des zweiten Ausstellungsbereiches. Was tun Menschen, um die Zeit aufzuhalten und so lange wie möglich jung auszusehen, zu leben oder das biologische Ende heraus zu zögern? Eine Reflexion, zu der Hüller und Windbergs die jungen Besucher führen möchten: "Egal, was du tust, um Alter und Tod aus dem Weg zu gehen: Der Tod kommt sowieso. Überlege also, was dir wichtig ist, bevor er kommt." Zu den Mitmach-Stationen zählen etwa Videokurzfilme, das Bild "Jungbrunnen" von Lukas Cranach oder eine Tafel, auf der der Satz "Bevor ich sterbe, möchte ich ...." komplettiert werden kann.

Aus der Perspektive der eigenen Sterblichkeit den Wert des Lebens erkennen: Damit beschäftigt sich der dritte Schwerpunkt "Memento mori". Beim Gänsespiel mit Zahlen von 1 bis 65 würfeln die Teilnehmer und gehen je nach Wurf zu den nummerierten Kartons. Dort finden sie Fragen, die zu einer moralischen Entscheidung zwingen, etwa "Nur für Geld arbeiten?" oder "Für andere ohne Bezahlung da sein?". Für jede Entscheidung gibt es Punkte; das Ziel ist, möglichst viele Punkte zu erreichen. Allerdings: Ohne Vorwarnung kann man auf den Tod treffen - das Spiel (das Leben)ist damit aus."Dabei kann man über den Sinn seines Lebens nachdenken", sagt Dirk Windbergs. Die zentrale Frage lautet: Was ist ein gutes, was ist ein Wert-volles Leben?

Danach geht es zum Ausgang, vorbei an dem Sarg - und zurück in ein Leben, in dem jetzt, nach der Ausstellung, vielleicht auch der Tod einen Platz findet.

Quelle: RP
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