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Kreis Viersen
Tour de Frust

Kreis Viersen: Tour de Frust
FOTO: Kristians Sics/istockphoto
Kreis Viersen. Bei der Tour de France 2017 ist der Kreis Viersen unter die Räder gekommen. Die Enttäuschung in den Rathäusern und bei Radsportvereinen ist groß Von David Beineke und Martin Röse

Die Hoffnungen haben sich nicht erfüllt: Die Teilnehmer der Tour de France werden sich südlich des Kreises Viersen auf den Weg von Düsseldorf nach Frankreich machen. Vier Städte und Gemeinden im Westkreis hatten damit geliebäugelt, dass die Radrennfahrer über ihre Straßen fahren: Nettetal, Brüggen, Niederkrüchten und Schwalmtal. "Die Tour hätte der Region einen guten Schub gegeben", ist Martina Baumgärtner, Prokuristin der Kreis-Wirtschaftsförderungsgesellschaft Region Invest Viersen überzeugt.

Gestern hatten die Organisatoren der Tour de France den Streckenplan in Paris präsentiert. Nach dem Auftakt in Düsseldorf führt die Strecke durch Mettmann, Erkrath, Meerbusch, Neuss, Kaarst und Mönchengladbach Richtung Aachen zur belgischen Stadt Lüttich.

Noch am Sonntag war der ehemalige Radrennprofi Sven Teutenberg vom Tour-de-France-Komitee Düsseldorf im Kreis Viersen, hatte sich den möglichen Streckenverlauf angeschaut und war ihn auch abgefahren. Teutenberg ist Ansprechpartner der Kommunen, die sich als Etappenstation beworben hatten. "Er sagte mir, das hätte prima gepasst", berichtet Baumgärtner. Gestern rief er sie von der Präsentation des Tourverlaufs in Paris an, teilte ihr mit, dass der Kreis Viersen nicht berücksichtigt wird. "Es lag am Zielort Lüttich", erklärt Baumgärtner. Den müssen die Fahrer auf direktem Weg erreichen. "Eine Schleife durch den Kreis Viersen war da leider nicht mehr drin."

Die Entscheidung aus Paris sorgte gestern auch für überwiegend betrübte Gesichter bei den Bürgermeistern von Nettetal, Brüggen, Niederkrüchten und Schwalmtal sowie Radsportlern aus dem Grenzland. "Das ist sehr schade für die Stadt Nettetal", erklärte Bürgermeister Christian Wagner (CDU). Die ersten Vorplanungen von Vereinen hatten bereits begonnen." Er verwies auf den hohen Stellenwert, den der Radsport in Nettetal genießt. Jedes Jahr lobt die Stadt den Großen Preis von Nettetal bei einem Rennen in Breyell aus. Unumwunden gibt er zu: "Ich bin traurig." Da stimmt auch Wilfried Schmitz in seiner Funktion als Vorsitzender des SC Union Nettetal und dessen Radsportabteilung ein: "Die Enttäuschung ist groß. Düsseldorf hat sich gestern in Paris hervorragend präsentiert, aber als dann der weitere Streckenverlauf bekanntgegeben wurde, hat sich meine Stimmung schnell verschlechtert." Doch von Resignation ist Schmitz weit entfernt. Das am Tag vor dem Tourstart geplante französisch geprägte Stadtfest auf dem Lamberti-Markt inklusive eines Radrennens soll es eventuell trotzdem geben. "Schließlich sind wir nur 25 Kilometer von der Strecke in Mönchengladbach entfernt", betont Schmitz. Der in der Region bekannte Senioren-Radrennfahrer Thomas Meiners, auch Mitglied bei der Union, findet es schade, dass die Tour nicht ins Grenzland kommt. "Das hätte der Region Aufwind gegeben. Die meisten Vereine haben Nachwuchssorgen, in dieser Hinsicht hätte die Tour de France ihnen gutgetan", sagt der 57-Jährige. "Für mich war damals Didi Thurau im Gelben Trikot auch ein großes Vorbild." Thurau ist auch ein gutes Stichwort für den Dülkener Rainer Beckers, der in fünf vergangenen Jahren Deutschlands bester Mastersfahrer war - allerdings aus anderer Sicht. "Aktuell haben wir in Deutschland zwar gute Profis, aber keine Vorbilder wie Didi Thurau und Jan Ullrich, die bei der Tour ganz vorne mitgefahren sind", sagt der 49-Jährige, der deswegen auch keinen großen Effekt für die Nachwuchsgewinnung gesehen hätte. Auch sonst stand er einem Tourverlauf durchs Grenzland eher skeptisch gegenüber: "Natürlich ist das ein tolles Erlebnis für die Fans. Aber Nutzen und Aufwand stehen für mich in keiner guten Relation. Der Werbeeffekt ist nicht so groß, wie die Franzosen immer behaupten."

"Wir sind enttäuscht", sagt dagegen Michael Pesch (CDU), Bürgermeister von Schwalmtal. "Das war eine große Chance, wäre ein einmaliges Ereignis gewesen! Durch die Tour hätten wir weltweit mit unserer Stadt werbewirksam in Erscheinung treten können - und unseren Bürgern das drittgrößte Sportereignis der Welt vor ihrer Haustür bieten können." Ein kleiner Trost sei für ihn, dass die Sprintwertung in Mönchengladbach stattfindet. "Das ist nicht weit weg, das können sich auch die Schwalmtaler problemlos anschauen." Er selbst will auf jeden Fall dabei sein. Und er betont: "Den Gemeinden, durch die die Tour führt, wünsche ich alles Gute."

Kalle Wassong (parteilos), Bürgermeister der Gemeinde Niederkrüchten, zeigte sich gestern ebenfalls betrübt: "Es ist schade! Ich hatte schon einige Zusagen und Anmeldungen von Vereinen und Unternehmen, uns bei der Tour zu unterstützen. Wir hätten ein buntes Fest daraus gemacht." Wassong hätte die Tour de France gerne dazu genutzt, eine gemeinsame Veranstaltung für alle Ortsteile auf die Beine zu stellen. "Ein Gutes aber hat die Absage", erklärt Niederkrüchtens Bürgermeister mit einem Schmunzeln. "Die Schützen in Gützenrath haben an dem Tag ihren Klompenball. Der kann nun unbehelligt gefeiert werden." Nach Feiern ist dem Süchtelner Sebastian Stamm, derzeit das größte Radsporttalent im Grenzland, nach der gestrigen Entwicklung nicht zumute. "Wann hat man als Kommune schon mal die Chance, bei einem solchen Weltereignis eine Rolle zu spielen", sagte der 17-Jährige, "wenn Kinder dieses Spektakel gesehen hätten, wäre sicher das eine oder andere in einen Verein gegangen, um den Sport mal auszuprobieren." Allerdings: Die Stadt Viersen hatte darauf verzichtet, sich für die Tour zu bewerben.

"Wir hätten die Tour gerne gehabt", sagt hingegen Frank Gellen (CDU), Bürgermeister von Brüggen. Erfahrungen mit großen Rennsportereignissen hat die Burggemeinde bereits gesammelt: "Wir waren jetzt Anfang des Monats zum zweiten Mal Teiletappe der Olympiastour. Die Veranstaltung war sehr gut besucht, und wir haben festgestellt: Wir waren gut gerüstet", sagt Gellen. Er lobte die Wirtschaftsförderung für ihr Engagement.

Und auch wenn es mit der Tour de France nichts geworden ist, vielleicht führt mittelfristig doch ein größeres Radsportereignis mitten durch den Westkreis: Es gibt Bestrebungen, die Deutschland-Tour zu reaktivieren. Baumgärtner: "Bei der wäre auch die Verweildauer in den Städten länger."

Quelle: RP
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