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Viersen
Traumatische Erlebnisse auf der Flucht

Viersen: Traumatische Erlebnisse auf der Flucht
Sie trafen sich jetzt mit 51 Flüchtlingen an der Bahnhofstraße in Viersen zum gemeinsamen Essen und Erzählen: Naci und Nevin Binbay, Dr. Muataz Shwash, Menekse Yavuz und Tamer Felaki (v.l.). FOTO: Jiota Kallianteris
Viersen. Zwei Viersener Vereine packten an und kochten, backten, deckten die Tische ein und aßen mit den Flüchtlingen. Von Jiota Kallianteris

Seit Monaten hatten viele Flüchtlinge, die kürzlich in Viersen angekommen sind, kein warmes Essen und kein Fleisch zu sich genommen. Denn als gläubige Muslime können sie kein Fleisch essen, das nicht nach bestimmten Regeln zubereitet wurde. Das Essen muss "halal" sein. Das ist ein arabisches Wort. Es bedeutet "erlaubt" oder "zulässig". Mit "halal" bezeichnen Muslime alle Dinge und Handlungen, die nach islamischem Recht erlaubt oder zulässig sind. Das gilt auch für Schlachtung von Tieren und die Zubereitung des Essens.

Seit der Ankunft der Flüchtlinge aus Syrien in Viersen betreut Tamer Felaki ihre Landsleute. Sie hat sich als Übersetzerin angeboten. Die Syrerin ist als ehrenamtliche Arabischlehrerin tätig und hat viele Geschichten gehört. Über traumatische Erlebnisse auf der Flucht und monatelange Fußmärsche, von Menschen, die auf der Flucht ihre Angehörigen zurücklassen mussten, von Hunger und Durst. Das habe sie sehr berührt, erzählt sie. "Diese Leute wissen nicht, wie es weitergeht, und sie sind froh, mit uns in ihrer Muttersprache sprechen zu können."

Sie erzählte ihrer Freundin Menekse Yavuz von den unvorstellbar schlimmen Erlebnissen der Flüchtlinge - und auch davon, dass diese seit Monaten weder warme Speisen noch Fleisch gegessen hatten. Die Idee eines gemeinsamen Essens mit Speisen, die nach den islamischen Vorschriften "halal" zubereitet wurden, war geboren. Yavuz sprach mit dem Verein IGMG (Islamische Gemeinschaft Milli Görüs) an der Bahnhofstraße in Viersen. Naci Binbay, Erster Vorsitzender des Vereins, und alle anderen Mitglieder sagten sofort ihre Unterstützung zu.

Die Kosten und die Arbeit für das Mahl mit den 51 Flüchtlingen teilten sich die IGMG und der Deutsch-Türkische Elternverein Vitev, dessen Gründerin und Vorsitzende Yavuz ist. Vitev ist seit sieben Jahren ehrenamtlich an Viersener Grundschulen tätig. Der Verein unterstützt Kinder mit, aber auch ohne Migrationshintergrund bei den Hausaufgaben, gibt Nachhilfeunterricht und steht für (Krisen-)Gespräche als Dolmetscher im Südstadtbüro zur Verfügung. Die Mitglieder beider Vereine also packten das Projekt gemeinsam an: Sie kochten, backten, deckten die Tische ein und aßen schließlich gemeinsam mit den Flüchtlingen. Überschwänglich bedankten sich die Flüchtlinge bei den Initiatoren, immer und immer wieder. Viel Unterstützung gab es auch von Privatleuten, etwa von dem syrischen Arzt Dr. Muataz Shwash, der sich ebenfalls sofort bereit erklärt hatte, als Übersetzer zu helfen, und seine syrischen Landsleute von Dülken zur Bahnhofstraße zu bringen. Seit Ankunft der Flüchtlinge ist Shwash in seiner Freizeit vor Ort und besucht die Flüchtlinge in ihrer Unterkunft am Ransberg.

Dort leben die Flüchtlinge derzeit noch in einer Turnhalle. Als vor einigen Wochen rund 150 Flüchtlinge in Viersen ankamen, musste sich die Stadt innerhalb kürzester Zeit mit der Aufgabe auseinander setzen, allen ein Obdach zu bieten und sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten um sie zu kümmern. Auch die Hilfe aus der Bevölkerung war enorm. Viele Viersener spendeten, boten ihre Hilfe an. Übersetzer meldeten sich. Das gemeinsame Mahl nun war eine besondere Aktion, über die sich die Flüchtlinge sehr freuten. Im Namen seiner Schützlinge sprach Shwash den Initiatoren seinen Dank aus, und der Abschied war sehr ergreifend für alle: Manch eine Träne der Rührung und Dankbarkeit floss.

"Es ist gut zu wissen, dass es für die Stadt und für die Menschen viel Unterstützung und Engagement aus der Bevölkerung gibt. Das lässt gegenseitiges Vertrauen und Verständnis wachsen, eine gute Basis für ein Leben miteinander", sagt Menekse Yavuz. "Dies wünschen wir uns für alle Menschen, nicht nur in Viersen, sondern überall."

Quelle: RP
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