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Viersen
Unter Mackensteinern

Viersen. Auf diesem Feld soll ein großes Logistikzentrum entstehen. Anwohner sind entsetzt. Jetzt kam die Bürgermeisterin zu Besuch

Viersens Bürgermeisterin weht der Wind ins Gesicht. Sabine Anemüller steht auf einem Anhänger, der sonst Möhren geladen hat, sie spricht an diesem nieseligen Montagabend zu rund 60 Anwohnern von Mackenstein; Regentropfen werden übers freie Feld in den offenen Anhänger getragen.

Es geht an diesem Abend, wie Fontane sagen würde, um "ein weites Feld". Weizen wächst darauf, noch, denn auf dem Acker sollen künftig Arbeitsplätze sprießen. Der Online-Badhändler Reuter möchte ein Logistikzentrum an der Straße Mackenstein errichten; rund ein Drittel der derzeit 400 Mitarbeiter wohnt in Viersen. Kommt die Erweiterung des Gewerbegebietes, wird das Logistikzentrum gebaut, sollen jedes Jahr rund 50 neue qualifizierte Jobs hinzukommen. Rund 200 Millionen Euro Umsatz erzielte das Unternehmen zuletzt, das Bernd Reuter vor rund 25 Jahren als Ein-Mann-Handwerksbetrieb in Niederkrüchten gründete. Seit Jahren steigen Umsätze und Mitarbeiterzahlen zweistellig, im aktuellen Logistikzentrum arbeitet das Personal rund um die Uhr im Drei-Schicht-Betrieb, weil das Lager aus allen Nähten platzt.

Die Gewerbesteuer kann die Stadt Viersen, die sich in der Haushaltssicherung befindet, natürlich gut gebrauchen. Das macht Sabine Anemüller an dem Abend auch deutlich, als die Mackensteiner ihr vorschlagen, Reuter das Logistikzentrum doch auf dem Venete-Gelände errichten zu lassen. "Da gäb's auch eine direkte Autobahnanbindung", erklärt ein Anwohner. "Das wäre aber nicht in Viersen", entgegnet die Bürgermeisterin. "Ich wäre verrückt, dieses Unternehmen in eine andere Kommune ziehen zu lassen, statt ihm eine alternative Fläche zur Verfügung zu stellen", hatte die Sozialdemokratin kürzlich auf ihrer Facebook-Seite gepostet.

Die Anwohner haben Regenschirme aufgespannt, aber das ändert nichts an dem grundsätzlichen Gefühl, das sie haben: Die Stadtspitze lässt sie im Regen stehen. Sie fürchten den Wertverlust ihrer Häuser, Lärm- und Abgasbelastung. "Wir fühlen uns von der Politik nicht ernst genommen", sagt eine Frau. Hinter ihr hängt an einem weiteren Anhänger eine Skizze des geplanten künftigen Reuter-Logistikzentrums. Nur eine Konzeptstudie, wie das Unternehmen betont. Mit 312 Meter Länge, 120 Meter Breite und bis zu 25 Meter hohen Hallen aber doch in Dimensionen vorstoßend, die den Charakter Mackensteins verändern würden. "Wir durften unser Haus nur anderthalbgeschossig bauen", sagt ein Anwohner. "Sonst passe unser Wohnhaus nicht ins Landschaftsbild, hieß damals die Begründung der Stadt."

Die Anwohner haben sich ins Verfahren eingelesen, sie stellen detaillierte Fragen, die Stimmung ist nicht aufgeheizt, sondern - wenn dieses Wort denn eine Stimmung beschreiben kann -: sachlich. "Der versprochene Flüsterasphalt entfaltet seine Wirkung erst ab 60 km/h", sagt einer, ein anderer weist darauf hin, dass Flüsterasphalt nur das Abrollgeräusch der Lkw verringere, nicht aber die Anfahrgeräusche. Die Anwohner heben hervor, dass das Gewerbegebiet nur für Kleinbetriebe ausgewiesen sei. Sie berichten von morgendlichen Einfädelungsschwierigkeiten in den jetzt schon stockenden Verkehr und äußern kurz darauf die Sorge um eine Insolvenz des Unternehmens. "Wenn sich die Firma als Blase entpuppt, haben wir hier noch eine große leere Halle stehen", sagt einer. Die Technische Beigeordnete Beatrice Kamper erläutert , warum die leer stehende Halle von Akzo Nobel nicht infrage kommt. "Auch wenn sie leer steht, der Mieter zahlt an den Eigentümer Miete; die Halle befindet sich nicht im städtischen Besitz, und ich kann sie nicht enteignen."

Die Bürgermeisterin erklärt, man befinde sich im laufenden Verfahren, betont: "Wenn im September die erneute Offenlage beraten wird, wird Herr Reuter ganz viel nachgearbeitet haben. Wir haben ihm ganz viele Hausaufgaben mit auf den Weg gegeben, damit hatte er nicht gerechnet." Es werde unter anderem eine große Grünbepflanzung der Halle geben. Eine Anwohnerin erklärt: "Wir wohnen am Feld, zum Glück in Richtung Dülken. Wir wurden gezwungen, unsere Pflanzen in Viererreihen anzulegen, damit der Blick auf unser Haus nicht stört."

Kamper erläutert das weitere Verfahren: dass die Firma Reuter ihre Pläne überarbeitet, sie voraussichtlich nach September öffentlich ausgelegt werden, Bürger Anregungen geben und Einwendungen machen können. "Prüfen Sie die neuen Pläne, erneuern Sie gegebenenfalls Ihre Hinweise!", rät sie den Anwohnern. Und doch wird deutlich, dass es den Menschen in Mackenstein und Hausen weniger darum geht, ab welchem Tempo nun genau Flüsterasphalt seine volle Wirkung entfaltet und welche Pflanzen nun den Blick aufs Logistikzentrum am erträglichsten machen können. Ihnen geht es darum, dass das große Logistikzentrum nicht vor ihrer Haustür landet. Wichtiger als das "Wie" ist ihnen ein "Ob überhaupt". Doch das "Ob überhaupt" wurde im Stadtrat bereits mit breiter Mehrheit aus CDU, SPD, FürVie und FDP mit ja beantwortet.

"Wir möchten Ihnen unsere Bedenken ganz herzlich mit auf den Weg geben", sagt Moderator Ulrich Schumann, selbst Anwohner aus Hausen, zum Schluss. "Und wir fordern, dass im Verfahren geltendes Recht Anwendung findet." Anemüller sagt: "Mir war klar, dass ich hier nicht gerade beklatscht werde. Wir nehmen die Anregungen mit. Danke für die Einladung." Martin Röse

Quelle: RP
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