| 07.30 Uhr

Viersen
Fünfjährigen getötet – lebenslange Haft für Lucas Stiefvater

Urteil im Luca-Prozess: Lebenslange Haft für Stiefvater Martin S.
Die Angeklagten im Gerichtssaal. Sie verdecken ihre Gesichter mit Aktenmappen. FOTO: Hans-Peter Reichartz
Im Prozess um den Tod des fünfjährigen Luca aus Viersen hat das Gericht sein Urteil gesprochen. Sein Stiefvater wurde zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt, seine Mutter soll für zwei Jahre und acht Monate ins Gefängnis. Von Nadine Fischer, Mönchengladbach

Als würde er sich gelangweilt einen Film anschauen, verfolgte Martin S. die Urteilsverkündung. Beinahe regungslos saß der 27-Jährige am Dienstag im dunkelblauen Kapuzenpullover auf der Anklagebank und sah starr Richter Lothar Beckers an, während der ihn zu lebenslanger Haft verurteilte. Martin S. hat in der Nacht vom 22. zum 23. Oktober 2016 den fünf Jahre alten Luca in dessen Kinderzimmer getötet – "daran haben wir keinen Zweifel", sagte Beckers. Indizien und die Ergebnisse der rechtsmedizinischen Untersuchung der Leiche waren für die siebte große Strafkammer am Landgericht Mönchengladbach ausschlaggebend. Der Junge hatte Blut eingeatmet und schwere innere Verletzungen. Doch daran sei der Fünfjährige nicht gestorben: "Luca ist ganz am Ende erwürgt worden", sagte der Richter.

"Was in der Nacht passiert ist, haben wir nicht vollständig ermitteln können", räumte Beckers ein. Sicher sei: Martin S. und dessen damalige Lebensgefährtin Amanda Z., Lucas Mutter, seien zur Tatzeit die einzigen handlungsfähigen Personen in der Wohnung in Dülken gewesen. "Mit direktem Vorsatz" sei Luca getötet worden, "dafür hatte Frau Z. nach unserer Überzeugung kein Motiv – aber Herr S. hatte ein Motiv". Das könne sadistische Lust gewesen sein, wie es der sachverständige Gutachter am fünften Prozesstag ausgeführt hatte. Auch Wut darüber, dass Luca seinen Stiefvater in der Kita und bei Ärzten beschuldigt hatte, ihn geschlagen zu haben, hält die Kammer für einen möglichen Beweggrund. Oder Eifersucht, denn: "Luca war das Bindeglied zwischen Frau Z. und dem Kindsvater", begründete Beckers.

Martin S. habe Luca "grausam misshandelt", sagte er, das komme einem Mord gleich. Weil aber nicht festzustellen sei, ob der Täter bereits von Beginn an die Absicht hatte ihn zu töten, sei kein Mordmerkmal erfüllt. Deswegen wurde der Viersener wegen Totschlags verurteilt – und nicht, wie von der Staatsanwaltschaft gefordert, wegen grausamen Mordes. In besonders schweren Fällen sei dennoch eine lebenslange Strafe für dieses Vergehen anwendbar, erläuterte der Richter. "Davon haben wir Gebrauch gemacht." Der Verteidiger des Verurteilten, Hendrik Rente, kündigte an, Revision einzulegen. Ob auch Amanda Z. das Urteil anfechtet, werde noch geprüft, sagte ihr Verteidiger Felix Menke: Die Kammer hat für sie zwei Jahre und acht Monate Freiheitsstrafe wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen durch Unterlassen vorgesehen. Menke hatte Bewährung gefordert. "Wir müssen das jetzt erst mal sacken lassen", sagte er.

Richter Beckers nannte Amanda Z. eine "schlechte Mutter", die 25-Jährige sei eigensüchtig, es sei ihr vor allem darum gegangen, ein bequemes Leben zu führen. "Sie hat Luca allein gelassen, und das ist das Schlimmste. Deshalb wird sie auch verurteilt." Amanda Z. habe ihren Sohn nicht vor Misshandlungen geschützt, ein vom Familiengericht auferlegtes Kontaktverbot zu Martin S. ignoriert. Beckers: "Sie hätte nur, unterstützt vom Jugendamt, Herrn S. auf Abstand halten müssen."

Der Staatsanwalt hatte fünf Jahre Haft für Amanda Z. gefordert. Davon wich die Kammer unter anderem ab, weil die Viersenerin "soweit sie konnte" ein Geständnis abgelegt habe, begründete Beckers. Martin S. äußerte sich bis zuletzt nicht. Der Haftbefehl gegen ihn bleibt bestehen.