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Brüggen
US-Spezialisten suchen 1945 abgestürzten Piloten

Brüggen: US-Spezialisten suchen 1945 abgestürzten Piloten
Am Deichweg sucht das Ausgrabungsteam nach den sterblichen Überresten eines Piloten, der dort 1945 abgestürzt sein soll. Wo der Metalldetektor anschlägt, stecken sie ein Fähnchen in die Erde. An den Gestellen im Hintergrund hängen Siebe. Dort wird die Erde vorsichtig nach Metallteilchen durchsucht. FOTO: Heike Ahlen
Brüggen. Auf einem Acker in Brüggen soll 1945 ein Flugzeug abgestürzt sein. Archäologen aus den USA sieben dort jetzt auf der Suche nach Überresten die Erde. Von Heike Ahlen

 Ein grauer Januartag 1945. Die Wetteraufzeichnungen notieren für Brüggen Null Sonnenstunden, eine geschlossene Schneedecke von gut 25 Zentimetern und Temperaturen zwischen minus zwei und minus zehn Grad.

Der Zweite Weltkrieg geht dem Ende entgegen. Deutsche Truppen geben Heinsberg auf, einen Tag später sprengen sie einen Brückenkopf in Roermond, die Alliierten bombardieren Bahnlinien in Deutschland, vor allem um Krefeld.  Von einem Standort in Belgien aus beteiligen sich auch amerikanische Piloten an den Angriffen. Bis auf einen kehren alle zurück.

Das könnte der Anfang der Geschichte sein, die aktuell in Brüggen geschrieben wird. Oder auch nicht. Ein Team der "Defense POW/MIA Accounting Agency" (DPAA) aus den USA ist aktuell mit archäologischen Arbeiten auf einem Acker am Deichweg in Brüggen beschäftigt. Und die Ausgrabungsleiterin Penny Minturn bittet dringend darum, keine Details über das Internet in alle Welt hinaus zu schicken. Die Archäologin ist die einzige Zivilistin im Team, die anderen 15 Mitglieder sind Soldaten. "Sie dürfen in der Zeit, in der sie unterwegs sind, nichts in sozialen Medien posten, ihre Familien nicht darüber informieren, woran sie arbeiten", erklärt Sergeant First Class Marianne Salcepuedes, den alle nur "Sal" nennen.

Es gehe um die Hoffnung, die in den Familien, die immer noch auf eine endgültige Nachricht über den Verbleib ihrer Angehörigen warten, aufkeimen und vielleicht enttäuscht werden könnte. "Denn wir finden nicht immer etwas", erzählt Minturn. "Und manchmal etwas ganz anderes, als wir gesucht haben." Es sei schon vorgekommen, dass alles stimmte – ein Ort und auch die Tatsache, dass dort ein Flugzeug abgeschossen worden war. Allerdings handelte es sich da um ein deutsches Flugzeug, nicht um die vermisste amerikanische Maschine. Und so könnte eine Familie irgendwo in den USA hoffen, dass sich nun endlich das Schicksal des Onkels klärt - und das vielleicht vergeblich. Denn die Hinweise, die die Historiker und Archäologen der DPAA erhalten, sind manchmal vage. "Meist können nur noch Menschen berichten, die Geschichten aus dem Krieg von ihren Eltern oder Nachbarn gehört haben. Augenzeugen gibt es immer weniger."

Davon, dass auf dem Feld am Deichweg im Januar 1945 ein Flugzeug abgestürzt sein soll, haben die Ermittler, die auf der ganzen Welt tätig sind, zum ersten Mal im Jahr 2005 gehört. Derjenige, der sie informiert hat, hieß Hans-Günther und beschäftigte sich hobbymäßig mit der Geschichte des Zweiten Weltkriegs. "Seinen Nachnamen habe ich nicht erfahren", sagt die Archäologin. "Wir arbeiten blind." Das bedeute, dass das Archäologenteam sich nicht mit der Vorgeschichte beschäftigt. "Wir suchen nach einem Flugzeug und nach menschlichen Überresten, mehr müssen wir nicht wissen", erklärt sie. "Wenn wir uns darauf konzentrieren, etwas Bestimmtes zu finden, dann deuten wir vielleicht Funde falsch, arbeiten nicht mehr wissenschaftlich korrekt."

Der Kontakt zu Hans-Günther, die Suche in Archiven und Bibliotheken, die Befragung von möglichen Zeugen – das alles hat ein anderes Team gemacht.

Wo dann die Archäologen hingeschickt werden, wird nach einem ausgeklügelten Punktesystem entschieden. Wie sicher sind die Hinweise? Wie viele Soldaten könnten dort gefunden werden? Gibt es noch direkte Angehörige wie eine Ehefrau oder ein Kind? Oder nur weitläufige Verwandte? Wie aufwändig ist eine archäologische Suche? Wie erfolgversprechend?

Die Hinweise in Brüggen sind sehr konkret, das abgesteckte Areal auf dem Feld überschaubar. "Allerdings hat am Montag schon ein Fahrradfahrer angehalten und uns gesagt, wir würden an der falschen Stelle suchen", berichtet die Archäologin. "Ich habe das notiert – für den Fall, dass wir tatsächlich hier nichts finden."

Der Metalldetektor hat am Montag im Minutentakt angeschlagen. Überall dort, wo er das tat, stecken nun Fähnchen. Das sei nicht ungewöhnlich, sagt Sal. "Teile von Traktoren, Nägel, Metallstücke, die mit anderem Schutt im Feld vergraben worden sind – all das finden wir." Eine Handvoll Metallstücke hat das Team am Dienstagmittag bereits gefunden. Ob sie wirklich aus dem Zweiten Weltkrieg stammen? "Das können wir noch nicht sagen, es ergibt sich noch kein Bild", erklärt Minturn.

Die Arbeit läuft routiniert, aber vorsichtig. Das Erdreich, das durch Siebe geschüttet wird, um Metallteile herauszufiltern, wird gesammelt, damit es später auch wieder die oberste Schicht des Feldes bildet. Wie tief hier gegraben werden muss, ist auch noch nicht klar. "Es wird tief sein", vermutet die Archäologin. Ihre Kollegen haben einen Augenzeugenbericht von zwei Tagen nach dem Absturz. "Da soll es einen Trichter gegeben haben, der sich bereits völlig mit Wasser gefüllt hatte, weil das Grundwasser hier so hoch liegt."

Am Dienstag nächster Woche ist der Auftrag des Teams hier beendet – egal, was bis dahin klar oder nicht klar ist. "Vielleicht bedeutet das, was wir finden, dass recht bald im Anschluss ein anderes Team weitermacht, vielleicht erst in einem Jahr, oder vielleicht …" Sie spricht den Satz nicht zu Ende. Denn wenn es keinerlei Aussicht auf Erfolg gäbe, könnte es auch sein, dass die Suche nach dem Vermissten und seinem Flugzeug endgültig eingestellt wird.

Aber das Team hofft, dass es anders sein wird. Denn auch, wenn niemand von ihnen je einem Angehörigen die Nachricht überbracht hat, dass sterbliche Überreste gefunden wurden, wissen alle, wie groß die Erleichterung ist, wenn endlich klar ist, was mit Vater, Großvater oder Onkel geschah. Und das wünschen sie auch der ihnen unbekannten Familie des vermissten Soldaten.

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