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Viersen
Vater und Sohn überfliegen Polarkreis

Vater und Sohn über den Wolken
Vater und Sohn über den Wolken FOTO: Milstrey
Viersen. Über den Wolken fühlt sich Hans-Rudolf Milstrey am wohlsten. Dort ist die Luft dünner, das Flugzeug gleitet ruhiger, Kopfhörer dämpfen die Motorgeräusche, und kein anderes Lebewesen ist zu sehen. "Das ist so erholsam", sagt der 72-Jährige aus Süchteln. In diesen Momenten ist das Gefühl, ganz viel Glück zu haben, am größten. Von Emily Senf

Milstrey, einst Chefarzt am St.-Irmgardis-Krankenhaus in Süchteln, ist in den 80er Jahren der Liebe zu Flugzeugen verfallen. Bis 2008 besaß er eigene Maschinen, nach der Wende hatte er Tagesrandflüge für Unternehmen in Ostdeutschland organisiert. Mit seinem 23 Jahre alten Sohn Max hat sich der Rentner nun einen Herzenswunsch erfüllt: Mit einem Motorflugzeug starteten die beiden Anfang Mai zu einer Tour ans Nordkap. Neun Tage waren sie unterwegs, verbrachten 22 Stunden in der Luft - und noch bevor sie den Polarkreis überquerten, hatte die skandinavische Landschaft Vater und Sohn begeistert.

Das Nordkap auf der norwegischen Insel Magerøya ist zwar nicht der nördlichste Punkt Europas, aber ein beliebtes Ziel für Touristen. Die hinausstehende Felswand ragt an ihrem höchsten Punkt 307 Meter über dem Eismeer empor. Als die Milstreys das Kap erreichten, hatten sie mit der geliehenen viersitzigen Mooney M20R Ovation 2 knapp 3000 Kilometer zurückgelegt. "Das war der Wahnsinn", sagt der Sohn. "Ein einmaliges Erlebnis."

Max Milstrey war 13 Jahre alt, als seine Laufbahn im Cockpit begann. Zehn Jahre später ist er begeisterter Segelflieger, seit 2016 besitzt er die Lizenz für Motorflüge. Erst vor kurzem katapultierte der Maschinenbaustudent sich mit dem 19-jährigen Felix Rommelaere aus Willich beim dezentralen weltweiten Streckensegelfliegen an die Weltspitze. Sie waren mit ihren über 40 Jahre alten Segelflugzeugen, einer DG 100 und einer Standard Cirrus, elf Stunden in der Luft und legten dabei 835 Kilometer zurück.

Auf die Flugreise gen Norden machten sich Vater und Sohn vom Verkehrslandeplatz Mönchengladbach aus. Etappenziele waren etwa Olso, Bergen, Bodø, die Lofoten, Stockholm und Gotland. Mit der 270 PS starken Maschine flogen sie durchschnittlich rund 150 Knoten (etwa 270 Stundenkilometer) schnell. In Oslo besuchten sie einen alten Kommilitonen des Vaters, in Anklam Verwandte, die dort leben. Regelmäßig schickten sie mit ihrem Smartphone Fotos an ihre Familie in Süchteln.

Nachdem die Hobby-Piloten in Skandinavien angekommen waren, flogen sie fast nur noch in Hans-Rudolf Milstreys Lieblingshöhe: über den Wolken. Es gab eine Situation, die der 72-Jährige zwar nicht als brenzlig bezeichnen will, aber doch als unruhig. In Bergen war die Maschine bei Regen nass geworden. Nach dem nächsten Start, in etwa 3000 Metern Höhe bei bis zu minus 15 Grad vereiste sie. "Dadurch ging der Autopilot nicht", sagt Hans-Rudolf Milstrey. Max übernahm, darum sei es eben nicht brenzlig geworden. "Er ist ein ausgezeichneter Pilot", sagt sein Vater. "Ich habe auf der Reise viel von ihm gelernt." Dabei hätte es auch schiefgehen können, berichtet er und meint damit nicht das Fliegen. "Es war unser erster Urlaub zu zweit", erklärt Max Milstrey. Der Vater sagt: "Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass man sich aufeinander verlassen kann, nur weil man eine Familie ist."

Mitte Mai landeten die beiden nach gut 3300 nautischen Meilen (etwa 6000 Kilometern) wieder auf dem Flugplatz in Mönchengladbach. Schon denkt Hans-Rudolf Milstrey, der bereits vor 25 Jahren mit Freunden zum Nordkap geflogen war, an die nächsten Flugreisen - über die baltischen Staaten etwa oder ein Rundflug über Frankreich. "Ich habe Blut geleckt", sagt der 72-Jährige und lächelt.

Sohn Max freut das umso mehr. "Er hatte vor unserem Trip gesagt, dass er mit dem Fliegen aufhören will", sagt er. Auch der 23-Jährige würde sofort wieder mit seinem Vater in Richtung Wolken abheben.

Quelle: RP
 
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