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Viersen
Von Aleppo an die Hochschule

Viersen: Von Aleppo an die Hochschule
Als Anis Masri vor zwei Jahren nach Nettetal kam, konnte er kein Wort Deutsch. Im Sommer erhielt er sein C1-Sprachzertifikat, das ihn zum Studium an der Hochschule berechtigt. Rechts neben ihm: Susanne Floete, seine erste Sprachlehrerin der Flüchtlingshilfe Nettetal. FOTO: Burghardt
Viersen. Anas Masri floh vor dem syrischen Militär, schaffte ohne Vorkenntnisse die Qualifikation in Deutsch, die zum Studium in Deutschland berechtigt. Mittlerweile lebt der 25-Jährige in Viersen und bereitet sich aufs Master-Studium vor Von Joachim Burghardt

Anas Masri verbeugt sich, reicht die Hand und sagt: "Willkommen, ich freue mich." Der junge Mann bittet in seine kleine Wohnung in der Viersener Innenstadt, bietet "Tee, Kaffee oder Wasser" an, und das in allerbestem Deutsch, einer Sprache, von der er vor zwei Jahren vor seiner Flucht aus Syrien noch kein Wort kannte. Mittlerweile hat er alle Sprach-Qualifikationen geschafft, bereitet sich aufs Master-Studium in Betriebswirtschaftslehre in Mönchengladbach vor.

So weit wie Masri haben es nicht viele der Flüchtlinge gebracht, die damals in unsere Region kamen: "Ausbildung, Arbeitsstelle oder Studienplatz sind eher die Ausnahme", weiß er. Weshalb er durchaus "ein bisschen stolz" sei, meint er leicht verlegen und schränkt gleich ein: "Ich habe noch nichts Konkretes erreicht, und ich weiß nicht, was auf Dauer wird."

Diese Ungewissheit, sie macht Masri zu schaffen seit seiner Flucht aus Aleppo, wo er sein BWL-Studium mit dem Bachelor abschloss - und eigentlich zum Militär musste. "Aber ich will und kann keinen Menschen töten", sagt er leise. Ihm blieb nur die Flucht aus dem kriegsgebeutelten Land. Ab in die Türkei, drei Monate lang gearbeitet, "aber keinen Lohn bekommen", Verzweiflung, Heimweh, doch es gab kein Zurück, unterm syrischen Regime drohten ihm Zwangsrekrutierung oder kurzer Prozess, also weiter, nach Deutschland per Schiff, Bus, zu Fuß. "Gefährlich" sei die Weiterreise gewesen, die ihn nach schließlich nach Nettetal führte.

Notunterkunft in Lobberich: "Acht Mann auf einem Zimmer, eine Dusche für 40 Leute, nichts zu tun, nur warten, alles war fremd", umschreibt er die ersten Wochen. Dann ein Lichtblick: Die Flüchtlingshilfe Nettetal hatte Sprachkurse organisiert. "Ich weiß noch, wie Asan im August 2015 da saß, kein Wort Deutsch konnte, aber konzentriert alles aufnahm", erinnert sich Susanne Floete; seine Sprachlehrerin von damals ist zu Besuch beim 25-Jährigen. Masri zeigt ihr eine Pinnwand mit Fotos von Verwandten und Freunden - und natürlich sein Zertifikat "Deutsch C1 Hochschule", das ihn zum Studium in Deutschland berechtigt.

Viel Lob von Floete für ihren ehemaligen Sprachschüler, weil er "nach den Kursen in Lobberich aus eigenem Antrieb weitermachte". Masri winkt ab: "Die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Nettetaler Flüchtlingshilfe haben mir sehr viel geholfen." Morgens Begleitung bei Behördengängen, nachmittags deutsche Grammatik lernen - die Ehrenamtler motivierten Masri, sein Asylantrag wurde derweil bewilligt, sein BWL-Bachelor der Uni Aleppo anerkannt.

Masri zog nach Viersen, absolvierte weitere Deutschkurse an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach, blieb zielstrebig, aber doch nicht glücklich, weil einsam, nicht nur, weil die Familie ihm fehlt: "In Nettetal habe ich mehr Freunde und Kontakte, hier in der großen Stadt ist manches eher anonym." Sich einbringen, Integration leben will er, habe einigen Organisationen in Viersen seine ehrenamtliche Mitarbeit angeboten, etwa als Dolmetscher für Flüchtlinge: "Aber ich habe nie eine Reaktion bekommen." So konzentriert sich Masri weiter auf die Uni, hat sich als Gasthörer fürs Master-Studium Betriebswirtschaftslehre/Business Management eingeschrieben. Um studieren zu können, muss er eine weitere Sprachhürde überwinden, die Qualifikation in Englisch für die Hochschule. Floete ermutigt ihn: "Das schaffst du, und das Master-Studium auch."

Quelle: RP
 
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