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Viersen
Von Sündenböcken und Opferlämmern

Viersen: Von Sündenböcken und Opferlämmern
FOTO: Ferl
Viersen. Wäre Jesus bloß Zimmermann gewesen, wäre er,  wie so viele Sündenböcke, schnell in Vergessenheit geraten. Doch als Sohn Gottes wurden sein Tod und seine Auferstehung zu einem Sonderfall, der eine Religion begründete.  Der Sündenbock-Mechanismus greift noch heute. Sabine Janssen hat fünf Beispiele aus Viersen.

Eva Ix (52) ist Sündenbock von Beruf. Wenn irgendwo in Viersen eine Laterne kaputt ist oder Müll auf der Straße herumliegt, hört sie sich die Klagen an. Sie selbst kann rein gar nichts dafür – eine hervorragende Voraussetzung für einen Sündenbock, aber sie hört den verärgerten Bürgern zu und leitet ihr Anliegen an die richtige Stelle weiter. Beschwerdemanagement eben. Per E-Mail, Telefon und Brief ist das bei der Stadt möglich. Seitdem vielerorts der Dienstleistungsgedanke Einzug gehalten hat, ist das ein psychologischer Kniff, um Menschen ernst zu nehmen und zugleich bei guter Laune zu halten. "Ich nehme die Beschwerden nie persönlich", sagt die städtische Mitarbeiterin aus dem Büro der Bürgermeisterin fröhlich. "Achtzig Prozent der Menschen ist damit geholfen, dass ihnen jemand zuhört und ihre Belange ernst nimmt – und einige wollen einfach ihren Frust los werden."

Wer anders glaubt, lebt gefährlich. Religiöse Minderheit eignen sich prinzipiell prima als Sündenbock. Das war im alten Judäa so und gilt auch für die Bahai seit der Gründung ihrer Religion 1863 im Iran. Die Bahai glauben wie Juden, Christen, Muslime an Gott und die mystische Einheit der Religionen. In den iranischen Medien werden ihre Anhänger verleumdet, ihre führenden Köpfe zu Haftstrafen verurteilt. Familie Meyers gehört in Viersen zur Bahai-Gruppe. "Man bezeichnet unsere Religion oft fälschlicherweise als Sekte", sagt Georg Meyers (53). Er ist als junger Mann aus katholischem Elternhaus konvertiert. Viele Jahre später trat seine Frau aus der evangelischen Kirche aus. Nachteile haben sie durch ihre Andersgläubigkeit nie erfahren. "Es ist eine schöne, weltumspannende Gemeinschaft", sagt Petra Meyers (53). Regelmäßig machen die Viersener auf das Schicksal der Bahai im Iran aufmerksam und laden zum Tag der Menschenrechte zu einem Konzert ein – dieses Jahres mit Gitarrist und Liedermacher Hugh Featherstone am 10. Dezember, 20 Uhr, im Stadthaus Viersen .

Für die einen ist Thomas Küppers (48) der Kopf eines merkwürdigen Vergütungskonstruktes. Für die anderen ist er der "arme Herr Küppers", der ins Kreuzfeuer der Öffentlichkeit geraten ist. Als Sündenbock eignet sich der Wirtschaftsförderer und GMG-Geschäftsführer nicht. Denn per Definition sind Sündenböcke nicht aktiv an dem eigentlichen Sachverhalt beteiligt. Sie sind zufällig dort, wo die Menge einen Schuldigen braucht: Hexen, Barbaren, Juden, Flüchtlinge, Krüppel und andere Randgruppe eignen sich da hervorragend. Manch einer schimpfte in der "Causa Küppers" auch über die böse Presse. Merke: Auch der Überbringer der schlechten Nachricht wird gern zum Sündenbock gemacht, aber das ist eine andere Geschichte.

Wenn elf Kicker miserabel spielen, ist die Schuldfrage leicht geklärt. Man schimpfe in schöner Eintracht auf den "Schiri". Weiteres Krisenmanagement? Überflüssig. Fußball-Schiedsrichter Roland Inderhees (44) kennt das Prinzip. "Ja, da fallen manchmal böse Worte." In der Kreisliga A sei er mal in die Schusslinie geraten. "Ich hatte drei rote Karten vergeben. Die Mannschaft stieg anders als erwartet nicht auf. Und der Mäzen sagte zu mir: Sie haben mich richtig Geld gekostet." Dabei seien Schiedsrichter sowie schon opferbereit, findet Inderhees. Jede Woche stehen sie ehrenamtlich in ihrer Freizeit auf dem Platz.

Mit Galgenhumor betrachtet hat Franz Lohbusch (64) es gut getroffen. Früher gingen die Überlebenschancen eines Sündenbocks gegen Null. Heute muss sich der stellvertretende Fraktionschef der Viersener Linken "nur" gegen virtuelle Verfolgung im Internet und in Gerichtsprozessen gegen Rechtsextreme und Populisten wehren. "Ich bin für meine politische Überzeugung eingetreten. Ich gehe auf Demos gegen Rechts, und so bin ich für NPD, Pegida & Co. zum Feindbild geworden", sagt Lohbusch. Fotos von sich fand er später begleitet von Beleidigungen bei Facebook wieder. Er klagte und gewann vor Gericht. Rechtsextreme und Nationalisten arbeiten besonders gern mit Sündenböcken. Dazu genügt ein Blick in die deutsche Geschichte.

Quelle: RP
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