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Interview mit Heiner Barz
"Waldorfschulen bieten Antworten auf die heutigen Schulprobleme"

Waldorfpädagogik und Anthroposophie – sind das Randerscheinung unserer Gesellschaft?

Heiner Barz Nein, das kann man so nicht sagen. Das ist schon eine breite Strömung. Waldorfschulen sind nur ein Teil davon. Die Anthroposophie hat in vielen Bereichen unseres Lebens Spuren hinterlassen. In der Wirtschaft beispielsweise. Ich denke da an den Gründer der Drogeriekette dm, an Wala-Kosmetik, an die Demeter-Naturprodukte. Bei der biologischen Landwirtschaft standen anthroposophische Ideen Pate. Medizin und Naturheilverfahren sind ebenfalls stark davon beeinflusst. Jeder vierte Internist ist beispielsweise Anthroposoph. Die Universität Witten-Herdecke ist eine renommierte anthroposophische Gründung. Auf Architektur und Kunst hat die Anthroposophie Einfluss genommen. Das Goetheanum in der Schweiz ist das erste Gebäude aus Sichtbeton weltweit. Man sieht daran, dass Anthroposophen durchaus fortschritts- und zukunftsorientiert sind.

Was macht die Waldorfschulen so attraktiv?

Barz Das liegt zum einen daran, dass Eltern mit den staatlichen Schulen oft unzufrieden sind. Der Leistungsdruck hat die letzten Jahre noch einmal zugenommen und das bringt viele Probleme mit sich: Schulangst, Prüfungsstress mit allen psychosomatischen Folgen. Zum anderen sind die Waldorfschulen wirklich gut und attraktiv. Sie bieten Antworten auf die heutigen Schulprobleme. Da gibt es mehr individuelle Förderung, der Unterricht ist lebensnah und handlungsorientiert.

Wieweit erhalten an Waldorfschulen weltanschauliche Fragen nach Steiner Raum?

Barz Steiners Lehre ist nicht Unterrichtsgegenstand – wohl aber orientiert sich der Waldorflehrplan an den Entwicklungsgesetzmäßigkeiten von Kindheit und Jugend, wie Steiner sie beschrieben hat. Das Bedürfnis von Kindern nach Anschaulichkeit und Bewegung oder auch nach Vorbildern und stabilen Klassengemeinschaften wird dort stärker aufgegriffen.

Was ist der Verdienst der Waldorfpädagogik? Beeinflusst sie die Pädagogik der öffentlichen Regelschulen?

barz Es gibt in der Waldorfpädagogik beispielsweise den sogenannten Epochenunterricht, also einen fächerübergreifenden Zugang zu einem Thema. Nehmen wir das Thema Wald. Man kann ihn unter biologischen Aspekten betrachten. Man kann mathematische Berechnungen zum Holzertrag anstellen. Man kann die Darstellung des Walds in der Lyrik studieren. Und wenn einige Bundesländer nun das Sitzenbleiben abschaffen wollen, ist das ebenfalls etwas, was die Waldorfpädagogik von Anfang an vorgemacht hat.

Wie sind die Erziehungsratgeber von Christa Beichler einzuordnen?

Barz Der Name der Autorin ist mir vor etwa 30 Jahren in der Fachliteratur begegnet. Sie ist sicherlich nicht die wichtigste Stimme der heutigen Waldorfpädagogik.

HEINER BARZ, PROFESSOR FÜR ERZIEHUNGSWISSENSCHAFTEN, LEHRT AN DER HEINRICH-HEINE-UNIVERSITÄT DÜSSELDORF. ER LEITET DORT DIE ABTEILUNG FÜR BILDUNGSFORSCHUNG. BARZ IST AUTOR EINER STUDIE ÜBER SCHÜLER AN WALDORFSCHULEN. DIE STUDIE IST UNTER DEM TITEL "BILDUNGSERFAHRUNGEN AN WALDORFSCHULEN. EMPIRISCHE STUDIE ZU SCHULQUALITÄT UND LERNERFAHRUNG" ERSCHIENEN.

Quelle: RP
 
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