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Kreis Viersen
Warum Spargelbauern auf Folie setzen

Kreis Viersen: Warum Spargelbauern auf Folie setzen
Spargelbauer Hermann Ingenrieth aus Brüggen mit Spargel und den ersten Erdbeeren im Folientunnel. FOTO: Busch
Kreis Viersen. Die Spargelsaison startete in diesem Jahr so früh wie noch nie. Das Wetter und der Anbau unter Kunststoffplanen machten es möglich. Auf den Feldern sieht das nach viel Müll aus. Ist es aber nicht, meinen Experten. Von Emily Senf

Landwirt Hermann Ingenrieth und seine Kollegen wissen, was die Kunden wollen. Weiß soll der Spargel sein, gerade gewachsen, 16 bis 26 Millimeter im Durchmesser haben und einen geschlossenen Kopf. Dann zählt er nach der EU-Sortierungsnorm zur Handelsklasse I, dann wird er in den Supermärkten angeboten, und dann lässt sich mit dem Gemüse auch Geld verdienen.

Noch immer ist auch der Spargelanbau natürlich zunächst einmal auf das Wetter angewiesen. Der Winterfrost ließ das Gemüse treiben, der warme März half beim Wachsen. Rund 14 Tage früher als sonst konnten die Landwirte im Rheinland ernten. Doch seit Jahren schon setzen sie zusätzlich Plastikfolie ein. Vielerorts sind die Felder unter den Kunststoffplanen geradezu begraben. Ohne gehe es kaum noch, sagt der Brüggener Spargelbauer Ingenrieth. "Wirtschaftlich kann man es sich nicht erlauben, auf die Folie zu verzichten."

Im Februar hat Ingenrieth (58) auf seinen rund acht Hektar großen Spargelfeldern auf dem Genholter Hof in Brüggen die Dämme gezogen, aus denen die Pflanze wächst, und hat die Folie darübergelegt. Zeigt die schwarze Seite nach oben, will der Landwirt Temperatur in die Dämme bekommen, damit der Spargel wächst. Dreht er sie auf die andere, weiße Seite, versucht er, die Sonneneinstrahlung abzumildern und das Wachstum zu verlangsamen.

Dadurch kann er kurzfristig etwa auf Preisschwankungen reagieren. "Damit der Verkauf hinterherkommt, darf nicht zu viel auf einmal wachsen", sagt Ingenrieth. In sogenannten Mini-Tunneln ist der Treibhauseffekt noch größer, der Spargel wächst noch früher.

Die Folie dient nicht nur zur Wärmeregulierung, sie verhindert auch, dass das Gemüse zu viel Sonne abbekommt. Denn schon der Kontakt mit normalem Tageslicht könne dazu führen, dass sich die Köpfe bläulich bis violett verfärben. Am Geschmack ändere das kaum etwas, aber "diesen Spargel will kein Kunde haben", sagt Ingenrieth. Der Unterschied zwischen den Handelsklassen mache etwa einen Euro pro Kilogramm aus.

Spargel ist noch immer das beliebteste Gemüse der Deutschen. Bundesweit wird er auf 22 Prozent der Äcker angebaut. Allein in NRW gibt es 410 Betriebe, die Gemüsespargel ziehen und vertreiben. Laut Landwirtschaftskammer NRW liegt die jährliche Ernte landesweit bei bis zu 17.500 Tonnen. Das sind etwa 20 Prozent der gesamtdeutschen Produktion.

Ist die Saison am 24. Juni (Johannistag) vorbei, rollen Ingenrieth und seine Kollegen die Planen zusammen und lagern sie für den Winter ein. Rund 50 Cent kostet der Meter Folie. Etwa acht bis zehn Jahre hält das Plastik, bevor es erneuert werden muss - das sei die Nutzungsdauer eines Spargelfeldes, sagt Martin Cieslewicz von der Firma Firmenich aus Solingen, die die Folie für Spargelfelder herstellt. Auch danach sei sie nicht völlig wertlos. Die Folie bestehe aus Polyethylen, "ein wertvoller Recyclingstoff", sagt Cieslewicz. "Wer uns die Folie besenrein zurückgibt, bekommt dafür Geld von uns." Ist sie voller Sand, wird sie gereinigt, geschreddert und etwa zu Müllbeuteln weiterverarbeitet. "Die Folie ist vom Kohlendioxid-Ausstoß geringer als der Spargel aus Peru, der einen weiten Lieferweg hat", sagt Cieslewicz.

Nach Angaben des Rheinischen Landwirtschafts-Verbands macht die Spargelfolie 0,1 Prozent des gesamten Verpackungsmülls in Deutschland aus. Der Naturschutzbund NRW sieht die Folie nicht als Gefahr für die Umwelt, eher als Randproblem beim Spargelanbau. Sehr selten nur gerieten Teile davon in die Natur, sagt eine Sprecherin. Das seien weniger als 0,01 Prozent des Mülls, der in der Umwelt verstreut sei.

Der Brüggener Ingenrieth nutzt seit diesem Jahr die Folie nicht mehr nur für seinen Spargel. Dank Mini-Tunnel sind seine Erdbeeren seit diesem Wochenende reif zur Ernte - rund einen Monat früher als sonst.

Quelle: RP
 
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