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Viersen
Wenn aus dem Schaf ein Kampfschaf wird

Viersen: Wenn aus dem Schaf ein Kampfschaf wird
Auch, wer am Boden liegt, darf nicht aufgeben, sagt Trainer Eric Nitschke. Er zeigt Frauen wie RP-Redakteurin Constanze Juckenack, wie sie sich gegen einen Angreifer wehren könnten. FOTO: Franz-Heinrich Busch
Viersen. Seit der Silvesternacht in Köln bieten immer mehr Trainer Selbstverteidigungskurse für Frauen an. Doch was bringt das? Unsere Autorin hat eine Probestunde besucht. Von Constanze Juckenack

Eric Nitschke geht mir an die Gurgel. Seine Finger schließen sich um meinen Hals. Er schiebt mich nach hinten, ich schwanke, verliere die Kontrolle. Wenn Nitschke jetzt zudrückt, wird mir in 30 Sekunden schwindelig, nach einer Minute bin ich bewusstlos. Obwohl seine Hände locker um meinen Hals liegen, fällt mir das Atmen schwer. Was, wenn das hier kein Test wäre? Nitschke ist muskulös, erprobt in internationalen Kampfsportarten. Den soll ich abwehren?

"Es gibt Situationen, in denen du Gewalt nur mit größerer Gewalt bekämpfen kannst." Das hat Nitschke vor dem Testkampf gesagt. Ich muss mich wehren, jetzt. Ich trete, schlage, ab und zu treffe ich. Ich biege Nitschkes kleine Finger nach außen, damit er meinen Hals loslässt.

Würgen im Stehen: Die Hände um die Handgelenke des Angreifers legen, seine Arme auseinanderreißen, den Kopf packen und aufs Knie knallen. Wenn's geht, jetzt noch die Faust in den Nacken schlagen, dann abhauen. FOTO: Busch, Franz-Heinrich sen. (bsen)

Er grinst.

"Das war's? Mehr kommt nicht? So wirst du mich nicht los. Und hör auf, mich gegen das Schienbein zu treten. Das tut mir nicht weh, aber du stehst nicht mehr sicher und brichst dir im schlimmsten Fall den Zeh." Er schubst mich um.

FOTO: Busch, Franz-Heinrich sen. (bsen)

Jedes Jahr zeigen etwa 30 Frauen im Kreis Viersen an, dass sie vergewaltigt wurden. Etwa 100 Mal wird der sexuelle Missbrauch von Kindern angezeigt, der Polizei kommen etwa 30 weitere Straftaten aus dem Feld sexualisierter Gewalt zu Gehör. Das seien nicht alle Taten, sagt Polizeisprecherin Antje Heymanns. "Bei Sexualdelikten haben wir ein großes Dunkelfeld." Berichten Medien wenig über Sexualstraftaten, werden sie seltener angezeigt, als wenn gerade ein spektakulärer Fall durch die Presse geht. Zugleich steigt nach intensiven Berichten die Nachfrage nach Angeboten wie "Lady Defense" bei Eric Nitschke: In seinem Dülkener "Fit and Fight Sports Club" vermittelt er, wie sich Frauen zur Wehr setzen können. Sind solche Kurse sinnvoll?

Zumindest rät die Kriminalhauptkommissarin Gesa Brauer-Ebner dazu, an Selbstbehauptungskursen teilzunehmen. Sie arbeitet bei der Viersener Polizei in der Abteilung zur Prävention von Kriminalität. Früher hat sie selbst solche Kurse gegeben. "Sie helfen Frauen, sich klar zu werden, wie sie sich im Ernstfall wehren können." Konkrete Angebote möchte sie nicht empfehlen - was eine Frau lernen kann und will, sei individuell. Besonders sinnvoll findet die Polizistin Kurse, die vermitteln, wie sich eine Frau ohne Waffen wehren kann. "Ein Pfefferspray zum Beispiel haben viele nicht parat, wenn es drauf ankommt. Wenn doch, kann der Täter es ihnen wegnehmen", sagt sie. "Drei Dinge kann er ihnen nicht wegnehmen: Stimme, Hände und Füße." Also solle man lernen, sich damit zu verteidigen.

Würgen im Liegen: Erst die Hände um die Handgelenke des Angreifers legen, die Beine hinter seinem Kopf verschränken. Dann seine Arme auseinanderreißen - so kugeln die Ellbogengelenke aus. Zuletzt ins Gesicht treten (s. oben). FOTO: Busch, Franz-Heinrich sen. (bsen)

Nitschke würgt mich wieder. Wie ging das gleich? Genau, ich lege meine Hände um seine Handgelenke, reiße seine Arme auseinander, trete ihn gleichzeitig ins Gemächt. Dann drücke ich seinen Kopf nach unten, schlage ihm die Faust in den Nacken, renne weg und rufe Hilfe für den Typen, den ich soeben verdroschen habe.

Nicht schlecht, sagt Nitschke. "Jetzt wolltest du mich vermöbeln. Sehr gut. Du musst zu Gewalt bereit sein, wenn jemand dein Leben oder deine sexuelle Selbstbestimmung bedroht", erklärt er. "Aus dem Schaf wird kein Wolf. Aber ein Kampfschaf kann aus ihm werden. Und das schlägt den Wolf vielleicht in die Flucht." Ohne diese Einstellung helfe die beste Technik nicht weiter. Wichtig sei es auch, in einer Stresssituation reagieren zu können. Viele Opfer verfallen in eine Schockstarre, die es zu überwinden gilt. Frauen, die länger bei Nitschke trainieren, werden zur Übung von unterschiedlichen Männern angegriffen und lernen, sie abzuwehren. Außerdem vermittelt er hilfreiche Techniken. Viele davon stammen aus dem israelischen Selbstverteidigungssystem Krav Maga.

Zu Hause möchte ich mein Wissen festigen. "Tu mal so, als wolltest du mich würgen!", fordere ich meinen Mann auf. Er legt seine Hände um meinen Hals. Irgendwie steht er anders als Nitschke. Ich reiße seine Hände auseinander, mein Tritt ins Gemächt verfehlt ihn. Ich schimpfe. "Nee, du greifst mich falsch an! Du stehst ganz schief und musst die Beine auseinander machen, sonst treffe ich nicht!" Nach drei Versuchen steht er richtig, der simulierte Tritt hätte gesessen, wir liegen lachend auf dem Boden.

Ins Lachen mischt sich Sorge. Wenn ein Kerl mich wirklich angreifen will, kann ich ihn kaum bitten, sich bitte so hinzustellen, dass meine Tritte seine empfindlichste Stelle treffen. Ich merke, dass eine kurze Einheit bei Nitschke mir nicht reicht, um einen gewaltbereiten Mann abwehren zu können. "Ich kann einer halbwegs fitten Frau in etwa 20 Stunden eine Nahkampfausbildung vermitteln", sagt Nitschke. Ich überlege, ob ich nach der Probestunde weitermachen soll.

Nach dieser ersten Stunde kann ich - zumindest theoretisch - drei typische Angriffe abwehren. Ein bisschen sicherer fühle ich mich schon. Darin lauert die nächste Gefahr: Denn mit Hilfe meiner gewachsenen Selbstsicherheit steigt meine Neigung, Risiken einzugehen. "Sei aufmerksam. Du solltest dich nicht in eine Situation begeben, in der du angegriffen werden kannst", sagt Nitschke. Ein Ort fühlt sich gruselig an? Umdrehen! Ein Typ wirkt aggressiv? Abhauen!

Vielleicht ist das der wichtigste Rat, den Nitschke mir gegeben hat.

Quelle: RP
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