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Viersen
Wie die Politik Schule macht

Viersen: Wie die Politik Schule macht
Mehr als 400 Schüler, Eltern und Lehrer besuchten die Sitzung des Schulausschusses im Forum. Mangels genügend Sitzplätzen verfolgten viele von ihnen die Debatte im Stehen. Schüler des Clara-Schumann-Gymnasiums trugen einheitliche gelbe T-Shirts. FOTO: Martin Röse
Viersen. So gut besucht war ein Schulausschuss wohl noch nie: Mehr als 400 Schüler, Lehrer und Eltern verfolgten die leidenschaftliche Debatte über die künftige Schullandschaft. Gleich mehrere neue Ideen sollen geprüft werden. Von Martin Röse

Als alle Reden gehalten waren, als jedes Argument ausgesprochen war und Viersens ehrenamtliche Schulpolitiker mit den Stimmen von CDU, FDP, Grünen, Die Linke und FürVie die Entscheidung getroffen hatten, dass eine Entscheidung über mögliche Schulschließungen erst am 13. Dezember getroffen werden soll, da machte sich draußen vor dem "Forum" am Rathausmarkt so etwas wie Niedergeschlagenheit breit.

"Diese Entscheidung kommt psychologisch zu spät. Mitte Dezember haben die Eltern schon entschieden, auf welche Schule sie ihr Kind schicken werden", sagte Silvia Handke, Lehrerin am Clara-Schumann-Gymnasium. Sie trug, wie auch die anderen Lehrer und Schüler des städtischen Gymnasiums, ein gelbes T-Shirt mit dem Konterfei der Pianistin und Komponistin, die der Schule ihren Namen gab. In kleineren und größeren Grüppchen standen Lehrer, Eltern und Schüler diverser weiterführender Schulen nach der Schulausschuss-Sitzung am Donnerstagabend beisammen.

Mehr als 400 Zuhörer waren zu der Sitzung gekommen, um sich anzuhören, wie die Politiker über den Vorschlag der Schulverwaltung denken, die 440 Schüler starke Realschule an der Josefskirche auslaufen zu lassen. Hatten, mangels Sitzplätzen, stehend mucksmäuschenstill den Wortbeiträgen der Schulpolitiker, Pflegschaftsvertreter und Lehrer gelauscht, spendierten vereinzelt Applaus - wenn ihr jeweiliger Schulleiter sich für den Erhalt seiner Bildungseinrichtung aussprach.

Das Problem: Nach der Prognose des Schulministeriums wird die Zahl der Schüler künftig zurückgehen, und die Primus-Schule benötigt ab Sommer 2020 ein Gebäude für einen Zweitstandort. "Die Primus-Schule bestimmt den Zeitpunkt, aber nicht den Inhalt", betonte Schulausschuss-Vorsitzender Jürgen Moers zu Beginn der Sitzung, in der Kritik in vielerlei Richtungen ausgeteilt wurde.

Die CDU kritisierte den engen Zeitplan, den das Schulministerium vorgegeben habe - und Fraktionsvorsitzender Stephan Sillekens kritisierte auch die Bürgermeisterin. "Was das Ministerium zeitlich vorgibt, ist ein Anschlag auf die Verantwortlichkeit der kommunalen Ebene. Mitten in den Sommerferien wurde der Schuldezernent einbestellt. Da hätte ich mir ein deutliches Wort der Vorsitzenden des Rates gewünscht."

Der Leiter der Realschule an der Josefskirche warf der Verwaltung vor, ein falsches Bild seiner Schule gezeichnet zu haben. "Laut Schulverwaltung leistet sie wenig, sie hat nur wenige Anmeldungen, blutet von selbst aus, deshalb kann man sie auch direkt schließen", sagte Konrektor Hartmut Banniza, bevor er das Bild einer funktionierenden Bildungsinstitution in der Südstadt mit zahlreichen Projekten und Kooperationen dagegensetzte. Dass die Schülerzahlen sinken, sei auch dem Umstand geschuldet, dass die Stadt Viersen zu wenig für die Anbindung der Schulen an die Stadtteile getan habe. Er betonte: "Solange die Entscheidung (einer Schließung) im Raum steht, ist die Rufschädigung immens und wird den Bestand der Schule gefährden."

Gunter Fischer, Schulleiter des Clara-Schumann-Gymnasiums, kritisierte, die Politik habe viel zu spät reagiert. "Schon vor zwei Jahren, als das ursprünglich als Zweitstandort der Primus-Schule vorgesehene Gebäude an den Kreis vermietet wurde, hätte jedem klar sein müssen, dass es Klärungsbedarf gibt. Was geschah? Nichts!" Das Clara-Schumann-Gymnasium sei immer wieder Spielball im Schulausschuss gewesen. "Es ist schon beachtlich, dass sich das Clara dennoch so gut gehalten hat."

Die SPD warb für eine frühestmögliche Entscheidung: "Eine ideale Lösung gibt es nicht", erklärte Ratsherr Jörg Dickmanns, aber es gibt eine Möglichkeit, wie sowohl die Realschule als auch das Clara-Schumann-Gymnasium erhalten bleiben können. Die SPD favorisiere die Einrichtung eines Hauptschulzweiges an der Realschule an der Josefskirche - bei Schließung der Süchtelner Hauptschule. Allerdings war die SPD die einzige Fraktion, die der Lösung zum jetzigen Zeitpunkt etwas abgewinnen konnte. Sillekens warf der SPD vor, die Hauptschule "zur Schlachtbank zu führen", obwohl alle Schulleiter auf den Erhalt der Hauptschule gedrängt hätten.

Die SPD-Variante ist aber ebenfalls Teil des Prüfauftrags. Untersucht werden soll auch, ob ein Oberstufenzentrum in Viersen möglich ist, ob der Kreis seine Förderschulstruktur ändern wird und wie sich die Gründung einer zweiten Gesamtschule auf die Funktion der Anne-Frank-Gesamtschule auswirken würde. Ebenfalls in der Überlegung: Wie kann die Schließung aller Schulen, außer Grundschulen, und die anschließende Neugründung einer Hauptschule, einer Realschule, eines Gymnasiums und einer Gesamtschule umgesetzt werden?

Quelle: RP
 
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