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Viersen
Wie Viersen als Weberstadt groß wurde

Viersen: Wie Viersen als Weberstadt groß wurde
Dieses Bild hing in den 1950er-Jahren im Bahnhof. Später wurde es in mehreren Gaststätten aufgehängt, bevor es im Haus Waldfrieden in der Bockerter Heide landete. Als das Restaurant schloss, erhielt der Heimatverein das Bild. FOTO: Kaiser
Viersen. Der Verein für Heimatpflege zeigt ab Sonntag im Viersener Salon in der Villa Marx eine neue Ausstellung. Unter dem Motto "Viersen, du alte Weberstadt" erfahren Besucher, wie bedeutend das Textilgewerbe einst für die Region war Von Birgitta Ronge

Für die Eröffnung am Sonntag sollten Besucher schon mal üben: "Viersen, du alte Weberstadt, die Rot und Blau als Farben hat, blühe und gedeihe ..." Unter dieses Motto hat der Verein für Heimatpflege seine aktuelle Ausstellung gestellt, die jetzt im Viersener Salon in der Villa Marx zu sehen ist. Viersens Stadthymne nimmt Bezug auf das Textilgewerbe, das für die Region einst sehr wichtig war. Die Arbeit mit dem Garn prägte über lange Zeit das Leben der Menschen und das Gesicht der Stadt.

Welche Bedeutung das Textilgewerbe für die Stadt Viersen an der Schwelle zum Industriezeitalter hatte, beleuchtet die Schau auf abwechslungsreiche Art und Weise. Sie basiert auf drei Büchern Walter Tillmanns, die der Verein für Heimatpflege herausgegeben hat - über Pongs & Zahn, Diergardt und die Viersener Aktienspinnerei.

Kuratorin Britta Spies zeigt die Frucht eines Kapok-Baumes und ihre Fasern. Mit den leichten, wasserdichten Fasern wurden früher Rettungsringe befüllt. FOTO: Ronge Birgitta

Walter Tillmann und seine Ehefrau Hildegard haben für die Ausstellung viele Dinge zur Verfügung gestellt, die aus Viersener Produktion stammen, darunter Wäsche, die mitten im Raum gezeigt wird: das Leinenhemd mit Monogramm, das Leinennachthemd mit zarter Borte, die rot-weiß karierte Leinenbettwäsche, das grobe Scheuertuch mit dem Schriftzug Taco, das die Firma Taschen & Co. produzierte. Eine Leinenbluse und ein blaugemusterter Rock kleiden eine Schneiderpuppe - den Rock nähte Hildegard Tillmann in den 1950er-Jahren selbst aus Viersener Stoffen.

Doch bis aus einem Stoff ein Kleid genäht werden kann, müssen viele Arbeitsschritte erledigt werden. Zunächst muss aus einer Faser Garn gesponnen werden - am Niederrhein häufig aus Flachs. Wie aus den Stängeln der Pflanze Schritt für Schritt ein Leinenfaden wird, ist in einem Schaukasten zu sehen.

Hildegard Tillmann und ihr Mann Walter Tillmann haben für die Ausstellung in Viersen viele Exponate zur Verfügung gestellt, darunter Leinenwäsche. FOTO: Ronge Birgitta

Daneben liegt das Handwerkszeug, das man früher benötigte, um daheim zunächst das Garn, dann den Stoff herzustellen. In der Regel saß die Frau am Spinnrad und fertigte aus der Faser einen Faden. Dafür brauchte sie auch eine Spindel - das Gerät, an dem sich im Märchen Dornröschen sticht und in einen hundertjährigen Schlaf fällt. Typisches Handwerkszeug für den Hausweber, der daheim am Webstuhl aus dem Garn den Stoff anfertigte, war das Weberschiffchen, mit dem der Schussfaden zwischen den Kettfäden hindurchgeführt wird.

Mit der Zeit wurde die Technik verbessert. Die Gewebe wurden feiner, die Farben und Muster reicher. Konnten am Webstuhl zunächst nur Streifen- oder Karo-Stoffe hergestellt werden, erfand der französische Weber Joseph-Marie Jacquard 1805 die Methode, mit Hilfe von Lochkarten am Webstuhl auch sehr komplexe Muster einzuarbeiten. Damit hielten erstmals Blumen und Ornamente Einzug in die textile Welt, die nicht aufgestickt, sondern in den Stoff gewebt wurden.

So sehen die Kokons der Seidenraupe aus. Hinten im Bild ist violettfarbener Seidenfaden zu sehen. FOTO: Ronge Birgitta

Eine große Faszination übten Samt- und Seidenstoffe auf die Menschen aus. Um Samt zu fertigen, wurde beim Weben ein weiterer Faden als Schlinge eingearbeitet, der später aufgeschnitten wurde - so entsteht das flauschige Gefühl, wenn man über Samt streicht. Anfangs wurde Samt aus Seide hergestellt. Seide war sehr kostbar. Um einen Seidenfaden zu gewinnen, musste man die Kokons der Seidenraupen sammeln, die sich von den Blättern des Maulbeerbaums ernähren. Die Kokons sind etwa so groß wie Wachteleier - in einer Vitrine sind diese Gebilde zu bestaunen.

Aus dem feinen Faden des Kokons lässt sich Seidengarn herstellen. Für die Menschen, die es sich leisten konnten, ein Glücksfall: Samt- und Seidenstoffe waren die Basis für Kleider in so leuchtenden Farben, wie man sie mit Leinen kaum hätte erzeugen können. So sind im Viersener Salon auch einige Exponate aus Samt und Seide zu sehen, darunter Samtbänder, mit denen man Kleider schmückte, ein Seidenzylinder, ein Samtkleid mit Bolero, Seidengarn natürlich und eine Farbmusterkarte, die den Farbenreichtum der Seidenstoffe zeigt.

Ausgehend von diesen Grundtechniken gibt die Ausstellung einen Einblick in Leben und Werk der Unternehmer Carl Zahn (1866-1942) und Friedrich von Diergardt (1795-1869), auf einer Leinwand sind darüber hinaus Briefköpfe weiterer Firmen aus Viersen, Dülken und Süchteln zu sehen, darunter Hoogen, Spoer und Jansen, Brües. So, wie das Garn das Leben zunächst der Hausweber, dann der Arbeiter in den Fabriken prägte, so prägten die Unternehmer das Gesicht der Stadt, indem sie Villen bauten, sich für den Bau von Kindergärten und Krankenhäusern einsetzten oder Stiftungen gründeten.

Weil der Verein für Heimatpflege Wissenswertes nicht nur in trockener Theorie, sondern auch mit Spaß vermitteln will, gibt es in der Ausstellung eine Quiz-Vitrine: Darin liegen lauter Dinge, die der ein oder andere ältere Besucher vielleicht noch kennt oder zu benutzen weiß. Man kann ein Säckchen mit "Fühlproben" kaufen und Flachsfasern streicheln. An Touchscreen-Schirmen zeigen kurze Filmsequenzen, wie Flachsanbau, Handwebstuhl, Dampfmaschine funktionieren. Und für alle, die Redewendungen, Sprichwörter auf Platt und Märchen lieben, gibt es ein Quiz, ebenfalls am Bildschirm. Denn das Garn prägte das Leben der Menschen so stark, dass es sich in Begriffen wie "sich verhaspeln" oder "etwas durchhecheln" erhalten hat - auch, wenn das Spinnen und Weben nicht mehr zum Alltag gehört.

Quelle: RP
 
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