| 00.00 Uhr

Serie Mein Jahr In China
"Wir sind arm, dafür aber glücklich"

Serie Mein Jahr In China: "Wir sind arm, dafür aber glücklich"
Leon Zehner (2.v.r.) aus Amern ist als Freiwilliger in der Entwicklungshilfe tätig. Die jungen Leute brachten Kleiderspenden zu einer Schule in ein kleines Bergdorf, um sie dort an Kinder und Erwachsene zu verteilen. FOTO: Leon Zehner
Viersen. Leon Zehner ist seit Herbst in der Provinz Yunnan. Er arbeitet dort als freiwilliger Helfer in der Entwicklungshilfe. Der 18-Jährige aus Amern lernt viel Armut kennen. Mit anderen Freiwilligen brachte er Kleiderspenden in ein Bergdorf. Von Leon Zehner

HeWen, der Lehrer aus Huanglongdeng, führt uns Freiwillige durch seine Bergschule. Die Schule hat einen Klassenraum und einen Lehrer. Die Bedingungen im Klassenraum sind katastrophal: Bänke und Tische sind kaputt, eine Tafel gibt es nicht. Einige von den etwa 20 Schülern müssen stehen, weil nicht ausreichend Bänke vorhanden sind. Die Schüler sind fünf bis 16 Jahre alt. Während wir uns die Schule anschauen, tanzen die Schüler auf dem Schulhof.

Im Unterricht geht es darum, den Schülern Chinesisch beizubringen. Das ist nämlich nicht ihre Muttersprache. Alle Schüler gehören der Lisu-Minderheit an und sprechen deren Sprache, die sich grundlegend von Chinesisch unterscheidet. Als HeWen uns beim Essen verrät, dass er den Schülern nicht mal jeden Tag Reis bieten könne, wird klar, wie schlecht es um die Schule steht.

Aus meiner Erfahrung heraus weiß ich, dass es für Chinesen nicht typisch ist, sich selbst als bedürftig darzustellen. Zu groß ist die Scham. Der Anlass unseres Besuchs ist eine Kleiderverteilung: Nachdem wir von Chinesen auf die Gegend Dahua aufmerksam gemacht wurden und uns die Schulen selber angeschaut hatten, planten wir die Aktion in Zusammenarbeit mit HeWen. Anfang Mai machten wir uns auf den Weg nach Dahua, um die Aktion durchzuführen. HeWen hatte 20 Esel organisiert, die die Kleidung in die zwei Stunden entfernten Bergdörfer transportierten. Als klar wurde, dass die Esel nicht ausreichten, packten sich einige Eselbegleiter bis zu fünf Kleidungssäcke und damit 75 Kilo auf den Rücken. Vor allem in den Bergdörfern, wo Maschinen bei der Arbeit fehlen, sind Chinesen noch zu unglaublichen Leistungen fähig. Allerdings werden sie dadurch meist nicht älter als 65 Jahre. Oben angekommen, warteten über 100 Kinder aus drei verschiedenen Bergschulen. Da wir keinen Raum zur Verfügung hatten, breiteten wir die Kleidung draußen auf einer Tischtennisplatte aus. Während der Verteilung halfen uns die chinesischen Lehrer. Durch ihre Hilfe konnten wir den Kindern noch vor Dämmerung die nötige Kleidung geben, sodass sie noch zurück in ihr Dorf wandern konnten.

Danach gaben wir noch Kleidung an Erwachsene aus, wobei wir da nur kontrollierten, ob sie nicht zu viel Kleidung mitnahmen. Eine Verteilung wie bei den Schülern, wo wir aussuchen, was die Kinder bekommen, wäre unangemessen. Denn den Chinesen ist es peinlich, dass jüngere Menschen ihnen helfen. Und dann noch aus dem Ausland. Von daher ließen wir sie selber die Kleidung aussuchen.

Am nächsten Tag besuchten wir die drei Bergschulen, unterrichteten die Kinder und spielten mit ihnen. So kamen wir zur Schule in Huanglongdeng, die bei uns allen den heftigsten Eindruck hinterlassen hat. Kurz bevor wir die Schule in Huanglongdeng verlassen wollten, fragte mich HeWen: "Habt ihr ein wenig Geld, damit wir neue Bänke und Schulmaterialien kaufen können?" Da unsere Organisation nicht reich ist, antwortete ich ihm, dass das leider nicht möglich sei. Allerdings hatten wir Schulmaterialien gesammelt, die wir der Schule gerne geben würden. Obwohl es nur eine kleine Geste war, löste es bei HeWen große Freude aus.

Ein Grund, warum ich nicht nach Australien oder in die USA ging, war, dass ich Armut erleben wollte. Damit verbunden war ich daran interessiert, was wirklich glücklich macht im Leben. Zwar bin ich immer noch nicht in der Lage , das zu beantworten. Was ich aber sicher sagen kann, ist, dass Geld dafür unwichtig ist. Meiner Meinung nach ist es nicht mal eine gute Grundlage zum Glücklichsein, wie ich es schon oft gehört habe. Es ist sogar hinderlich, weil es den Fokus vom Wesentlichen ablenkt.

Was mich in meiner Ansicht bestätigt, ist der Satz, den HeWen sagte, als ich mich bei ihm entschuldigte, dass wir ihnen kein Geld geben können: "Wir sind zwar arm, dafür aber glücklich."

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Serie Mein Jahr In China: "Wir sind arm, dafür aber glücklich"


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.