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Niederkrüchten
"Wir wollen keinen zweiten Hariksee"

Niederkrüchten: "Wir wollen keinen zweiten Hariksee"
Idyllisch zu jeder Jahreszeit: der Venekotensee in Niederkrüchten. Insbesondere im Sommer machen Ausflügler den See gern zum Ziel einer kurzen Sommerfrische. FOTO: Brigitta Streußer
Niederkrüchten. Mehr als 100 Venekotener haben mit Bürgermeister Kalle Wassong über Besonderheiten und Perspektiven ihres Ortes diskutiert. Tenor: Ein touristisch erschlossener Badesee ist nicht erwünscht, eine behutsame Weiterentwicklung schon Von Jochen Smets

Neulich hatte ein Venekotener einen Besucher. Der Gast hatte sich schnell ein Urteil gebildet: "Ihr wohnt ja am A... der Welt hier." Der Venekotener entgegnete: "Genau deswegen bin ich hierhin gezogen." Die kleine Anekdote, die der Mann beim "Dorfgespräch" in der Overhetfelder Gaststätte "Et Stübchen" zum Besten gibt, sagt viel über den Ort und den Menschenschlag, der hier lebt.

Venekoten, Ende der 1960er-Jahre von drei privaten Investoren als Ferienhaussiedlung aus dem Boden gestampft, ist kein Dorf wie jedes andere. Es gibt kein Geschäft, keine Kneipe, keine Schule, keine Schützenbruderschaft, keinen Fußballverein, keine Kirche, keinen Marktplatz. Dafür gibt es ganz viel Grün. Venekoten ist Naherholungs- und Wohngebiet zugleich. "Wir wohnen im Paradies", sagt eine Frau. "Wenn Sie durch das Tor nach Venekoten fahren, dann lassen sie die Welt hinter sich", schwärmt ein Mann.

Da klingt ein bisschen Wagenburg-Mentalität durch. Es gibt in Venekoten keine über Generationen gewachsene Dorfgemeinschaft und damit auch keine "Vereinsmeierei", wie es einer ausdrückt. Man kann sehr frei leben, so beschreibt es einer. Man kann für sich bleiben, man muss aber nicht, meint ein anderer.

Während Bürgermeister Kalle Wassong (hinten in der Mitte stehend) mit den Bürgern sprach, zeichnete Visualisierer Christoph Illigens (l.) die Ideen auf. FOTO: Smets

Die Bewohner kommen aus den unterschiedlichsten Städten und Milieus. Viele sind nach Studium, Berufslaufbahn, Familiengründung oder anderen Abstechern im Lebenslauf zurückgekommen. Weil es so etwas wie Venekoten kein zweites Mal gibt. Kann, ja muss, sich ein Ort, an dem sich alle so wohl fühlen, weiterentwickeln? Bürgermeister Kalle Wassong (parteilos) wirft die Frage auf und löst eine kontroverse Diskussion aus. Da sind zum Beispiel die Begleiterscheinungen des Wohnens im Grünen: An schönen Sommertagen wissen nicht nur die Venekotener die Vorzüge dieses Fleckchens Erde zu schätzen. Dann machen Ausflügler den Venekotensee trotz offiziellen Schwimmverbots gern zum Ziel einer kurzen Sommerfrische - Wildparken, Wildbaden, Wildgrillen und Wildpinkeln inklusive.

Vorsichtig formuliert Wassong die Idee, einen Teil des Venekotensees als Badesee abzugrenzen, um der Auswüchse Herr zu werden. Keine Chance. Eine touristische Erschließung, das ist der Grundtenor, ist ausdrücklich nicht erwünscht. Das abschreckende Beispiel liegt keine zehn Kilometer entfernt: "Wir wollen keinen zweiten Hariksee", heißt es. Ein Badesee würde eine Sogwirkung entfalten und noch mehr Gäste anlocken. Das werde Venekoten zerstören, mahnt einer.

Eine Weiterentwicklung müsse nicht per se Veränderung bedeuten, betont ein anderer Zuhörer: "Weiterentwicklung ist auch, wenn man Dinge erhält." Gleichwohl schälen sich in der Diskussion der Teilnehmer auch andere Standpunkte heraus. Eine Bewohnerin der ersten Stunde macht deutlich, dass Venekoten in den vergangenen 50 Jahren schon sehr viele Veränderungen erlebt habe. Es sei eine Illusion zu glauben, dass man sich davor verschließen könne. Ihr Kernsatz findet viel Zustimmung: "Wir müssen Venekoten so weiterentwickeln, dass es sozial und ökologisch vertretbar ist." Auf positives Echo stößt zum Beispiel die Idee eines Naturlehrpfads, der Einheimischen und Besuchern die großen und kleinen Naturschätze in der Umgebung näher bringt.

Quelle: RP
 
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