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Schwalmtal
Wo in Waldniel die Zeit gefunden wird

Schwalmtal: Wo in Waldniel die Zeit gefunden wird
Edmund Bolten mit Armbanduhr und altem Wecker. Die Standuhr in der Zimmerecke ist das ältestes Exemplar der Sammlung und seit über 100 Jahren im Familienbesitz. FOTO: Busch
Schwalmtal. Edmund und Kornelia Bolten sammeln Uhren - fast jeder Art. Zu der umfangreichen Sammlung zählen mittlerweile mehr als 100 kleine und große Uhren. Von Paul Offermanns

Bei den Eheleuten Kornelia und Edmund Bolten tickt's, schlägt's und läutet es Tag und Nacht. Den beiden macht es nichts aus. "Uns fällt eher auf, wenn es eine Uhr nicht tut", sagte Kornelia Bolten.

Vom Keller bis zur ersten Etage befinden sich Uhren unterschiedlicher Art, Mach- und Bauweise. Und jede Uhr hat ihre Geschichte. Das älteste Stück ist eine Standuhr im Wohnzimmer: "Das ist ein Erbstück meiner Großeltern. Seit über 100 Jahren ist sie im Familienbesitz. Mein Großvater bekam sie zur Hochzeit geschenkt", sagte Edmund Bolten. Ursprünglich war sie schwarz. "Mein Schwiegervater beizte sie ab, und eine stattliche Eichenuhr kam dabei heraus." Damals wie heute steht eine Flasche Cognac darin. "Wenn früher mein Vater zu Bett ging, trank er jedes Mal einen kleinen Schluck Cognac", erzählte der Uhrensammler, der die meisten seiner Uhren auf Trödelmärkten im In- und Ausland erworben hat. Die wenigsten sind ein Geschenk.

Zu seiner umfangreichen Sammlung zählen mittlerweile über 100 kleine und große Uhren. Edmund Bolten holt eine Taschenuhr hervor aus dem Jahr 1816. Daran baumelt ein Reichstaler, der vermuten lässt, dass die Uhr aus dieser Zeit stammt. Er zeigt eine Skelettuhr, bei der genau zu sehen ist, wie ihr Innenleben funktioniert. Der 65-Jährige besitzt eine Lebensuhr von seinen Eltern. Sie hat ein seltsames System. "Als mein Vater starb, blieb sie stehen. Einen Tag später habe ich sie wieder angeschoben. Bei meiner Mutter geschah das gleiche Unglaubliche", erzählte er. "Wir hören sie meist gar nicht, nur wenn sie dann nicht schlägt oder tickt, fällt es auf."

Eine dreigewichtige Standuhr klingt lautstark wie jene vom berühmten Westminster. Diese Uhr hatte er über Jahre jeden Morgen als Zeitungsbote durch den Schlitz eines Briefkastens gesehen. Eines Morgens standen die Möbel der alten Dame dann aber an der Straße, und er setzte sich mit den Angehörigen in Verbindung - und bekam den Zuschlag.

Edmund Bolten hat auch keine gewöhnliche Kuckucksuhr, sondern eine Vogelsuhr, bei der zu jeder Stunde ein anderer Vogel zwitschert. Bis 22 Uhr: Die Nachtruhe hält die Uhr ein. Um sechs Uhr in der Früh geht es dann wieder los.

Auch eine digitale Uhr gibt es - an seinem Handgelenk: Es ist eine Funkuhr, die nicht aufgezogen werden muss. Allen anderen gehört dafür der Sonntag. Dann ist Edmund Bolten zweieinhalb Stunden damit beschäftigt, seine Uhren aufzuziehen. Da gibt es aber Ausnahmen bei der Sieben-Tage-Aufzugsuhr oder 31-Tage-Uhr. Wenn er in Urlaub fährt, hält er alle Uhren an. "Wenn wir zurückkommen, ist er einen Tag beschäftigt, sie wieder ans Laufen zu bringen", erzählt Kornelia Bolten. Und die laufen auch nicht alle gleich: Uhren gehen nach, andere gehen vor. "Ab Donnerstag fangen sie in der Regel an zu schwächeln", sagt sie. Wenn sie es nicht mehr tun, werden sie zu einem fachkompetenten Uhrmacher gebracht. Wenn die Winterzeit kommt, stellt Edmund Bolten die Uhren um eine Stunde vor. Pendeluhren hält er dann für eine Stunde an. Sind es Uhren mit Schwingunruhe, die nach 1960 gebaut sind, legt er sie auf den Rücken, und sie bleiben stehen.

Und was ist es für ein Gefühl, wenn die Zeit so bewusst vor den eigenen Augen zerrinnt: "Da achte ich gar nicht drauf."

Quelle: RP
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