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Viersen
Wohnen im Haus ohne Ecken

Viersen: Wohnen im Haus ohne Ecken
Unterm Plexiglastunnel: Julia und Thomas Leuschen haben das von Horst Schmitges im Jahr 1975 erbaute Haus 10 der "Wohngruppe Wolfskull" gekauft und mehr als ein Jahr lang saniert. "Durch die Transparenz des Plexiglases werden die Jahreszeiten bewusst erlebbar", sagen die Eheleute. "Wir fühlen uns wohl inmitten der Natur." FOTO: Jiota Kallianteris
Viersen. An der Stadtgrenze zu Mönchengladbach steht eines der außergewöhnlichsten Wohnhäuser Viersens. Die neuen Besitzer haben es liebevoll saniert — und könnten dafür mit dem Staatspreis für Denkmalpflege geehrt werden Von Jiota Kallianteris

Idyllisch und friedlich ist es, wenn man in die Wolfskull einbiegt. Eben noch mit dem Auto auf der Gladbacher Straße unterwegs, muss das Tempo im nächsten Moment abrupt gedrosselt werden, um sich der dicht bewaldeten Umgebung mit dem kurvig ansteigenden Straßenverlauf anzupassen. Die Wolfskull gehört zu Viersen, befindet sich aber im Außenbereich der Stadt. Sie liegt inmitten eines parkartig von Laubwaldflächen umsäumten Geländes, das auf einer Strecke von drei bis sechs Metern nach Norden hin abfällt. Die Städte Viersen und Mönchengladbach werden durch die Wolfskull miteinander verbunden. Vereinigung geschieht hier aber nicht nur in topographischer Hinsicht.

Blick ins Wohnzimmer, das ebenfalls keine Ecken aufweist. FOTO: Kallianteris Jiota

Am Anfang der Straße stehen einige Einfamilienhäuser, die kaum auffallen. Sie fügen sich mit ihrem ländlichen Baustil in die Umgebung ein. Umso überraschender, wenn sich plötzlich eine weiße und futuristisch anmutende Wohnhausgruppe offenbart, die von der Straße abgewendet liegt. Die strahlend weißen Außenwände aus Kalksandstein verbinden sich, trotz absoluter Gegensätzlichkeit, harmonisch mit der wilden Natur. Umzäunungen gibt es nicht. Die Abgrenzung erfolgt durch Bepflanzung und Erdwälle, auf denen ebenfalls viel Grün wächst. "Das ist kein Haus von der Stange und genau deshalb hat es uns interessiert", sagen die neuen Besitzer Thomas und Julia Leuschen. Er hat das Haus zur Teilnahme am "Rheinisch-Westfälischen Staatspreises für Denkmalpflege 2016" angemeldet. Das Ehepaar freut sich, wenn sowohl dem Haus als auch seinem innovativen Erbauer Horst Schmitges durch den Denkmalpreis eine Würdigung zuteil würde. "Das wäre wie ein Ritterschlag, den beide verdient haben", findet Leuschen.

Eine geschwungene Stützmauer verbindet die einzelnen Wohnhäuser optisch im Außen, und im Inneren verläuft die Verbindung durch einen Plexiglas-Tunnel mit einem rund geformten Dach. Dadurch sind theoretisch alle Wohnhäuser in einem begehbar. Überhaupt ist an diesem Bau fast alles rund. Es gibt so gut wie keine Ecken. An den abgerundeten Wänden sind praktische gemauerte Regalborde entlang der Laufflächen angebracht.

Die Wohngruppe wurde nach der so genannten Split-Level-Architektur errichtet, die nicht in Stockwerken sondern in Ebenen baut - ideal für Häuser an Hängen. Die durch die einzelnen Ebenen entstehenden unterschiedlichen Raumhöhen schaffen eine abwechslungsreiche und ineinander übergehende Wohnatmosphäre.

Der hintere Gebäudeteil ist um eine halbe Etage als Untergeschoss versetzt, passt sich der Hanglage perfekt an. Es hatte längere Zeit leer gestanden und war dem Verfall nahe. "Wir wussten, was auf uns zukommen würde. Trotzdem haben wir uns entschieden, dieses Gebäude zu erwerben, wiederherzustellen und für die Nachwelt zu erhalten", berichten die Eheleute. Sie hatten sich nach der Geburt ihres Sohnes Len (4) aus familiären Gründen dazu entschieden, nach Viersen zu ziehen. "Dieses Haus hatten wir schon länger beobachtet, da es eine höchst interessante Konstruktion ist", erzählt Thomas Leuschen. Mit der Berücksichtigung von Natur und Licht in die Planung des Gebäudes sei der Architekt Horst Schmitges seiner Zeit voraus gewesen. Über das Haus wurden auch international mehrere Artikel in Fachzeitschriften veröffentlicht. "Daher hat es uns sehr gefreut, als das Haus vor allem aufgrund seiner architekturgeschichtlichen Wichtigkeit, unter Denkmalschutz gestellt wurde. Es hat als Baudenkmal internationale Beachtung erlangt", sagt Leuschen. Bedingt durch den länger andauernden Leerstand hatte das Ehepaar mit allerlei Schwierigkeiten zu kämpfen, um die ursprünglichen Baulichkeiten weitestgehend zu erhalten. "Im Dezember 2014 haben wir mit der viermonatigen Planungsphase für die Sanierungsarbeiten begonnen. Danach haben wir ein Jahr lang an dem Haus gearbeitet, und im März dieses Jahres konnten wir schließlich einziehen", erzählt Julia Leuschen.

Bis dahin war es ein weiter Weg. Die Bausubstanz war sehr angegriffen, die Dacheindeckungen waren undicht, die Betondecken feucht. Die Kalksandsteine hatten durch Feuchtigkeit große Teile ihrer Dichte eingebüßt. Die Leuschens hatten zusätzlich noch mit undichten Fenstern, zerbrochenen Fliesen sowie einem irreparabel geschädigten Plexiglas-Tunnel zu kämpfen. Die Dachterrasse war durch fehlenden Absturzschutz nicht benutzbar und der Teich wies eine Leckage auf, die zusätzlich eine Umsiedlung der in ihm lebenden Fische nötig machte. "Es war harte Arbeit, aber es hat sich gelohnt", sagen beide. In Zusammenarbeit mit der Denkmalbehörde der Stadt haben Thomas und Julia Leuschen alle Renovierungsarbeiten möglichst originalgetreu ausgeführt, so dass das außergewöhnliche Gebäude in seiner ursprünglichen Form- und Baugebung erhalten geblieben ist. "Das Haus ist bemerkenswert, nicht nur durch den ungewöhnlichen Baustil", sagt Leuschen. "Es ist lichtdurchlässig und erhält insbesondere durch die weißen Fliesen, die die Helligkeit noch unterstreichen, eine spezielle Atmosphäre."

Quelle: RP
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