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Schwalmtal
Zu Besuch bei Oma und Opa in Waldniel

Schwalmtal: Zu Besuch bei Oma und Opa in Waldniel
Wie beschwerlich das Waschen war, zeigt ein Blick in die Waschküche mit Bottich, Mangel, Emaille-Eimern und Wringe. FOTO: Busch
Schwalmtal. In der Heimatstube, die der Heimatverein in Waldniel unterhält, ist ein Wohnhaus mit historischer Einrichtung zu besichtigen. Gute Stube, Küche und Damenzimmer zeigen mit Liebe zum Detail, wie die Großeltern um 1900 lebten. Von Daniela Buschkamp

Wer die Heimatstube in Waldniel betritt, sucht erstmal nach den Hausbewohnern - vermutlich sind sie mal eben zum Markt gegangen oder treffen sich auf einen Plausch mit den Nachbarn. In "Omas guter Stube" steckt die Tageszeitung noch neben Spazierstöcken im Wandhalter. In der Küche reihen sich Gewürze in weißen Porzellandosen aneinander. Der Herd scheint nur darauf zu warten, bis die Hausfrau pünktlich für 12 Uhr die nächste Mahlzeit zubereitet. Daneben stehen die Bügeleisen bereit zum nächsten Einsatz am Waschtag. Und im Schlafzimmer laden Bett und Kinderwiege zur erholsamen Nachtruhe ein. Sogar die weißen Nachthemden für den Herren und für die Dame liegen zum Reinschlüpfen bereit. Im Damenzimmer steht Kaiser's Kaffeeservice im Vertiko - das Service war auf Rabattmarken erhältlich. Die mit viel Liebe zum Detail ausgestatteten Räume wirken so, als ob Oma und Opa nur mal kurz aus der Tür sind.

Nicht zu übersehen: Das Schild des Heimatvereins Waldniel an dem Gebäude Niederstraße 52, in dem die Heimatstube untergebracht ist. FOTO: Busch, Franz-Heinrich (bsen)

Dies ist eine gewollte Authentizität, erläutert Eberhard Zechlin, seit 2007 der Vorsitzende des Heimatvereins Waldniel. Der Verein führt das Hausmuseum seit 27 Jahren an der Niederstraße 52. Im Jahr 1960 hatte Vorstandsmitglied Gerd Peters seine Sammlung begonnen und Dokumente, Bilder, Werkzeuge und Möbel zusammengetragen. "Wir wollten ein typisches Wohnhaus zu Anfang des 20. Jahrhunderts zeigen", sagt Zechlin. Keine herrschaftliche Villa, sondern ein typisches Zuhause für die Gegend, "in der die Leute damals nicht reich waren". Insbesondere Kindern wolle man das oft beschwerliche Leben näherbringen. Denn: "Nicht jeder hat Großeltern, die davon berichten können", sagt der Heimatvereins-Vorsitzende. Zechlin freut sich, dass der Begriff "Heimat" zurzeit eine Renaissance erlebt: "Früher galt Heimat als verstaubt und spießig. Schön, dass sich das ändert", sagt der 71-Jährige. Als Beispiel nennt er das Interesse von Grundschülern an der Mundart: "Die Kinder wollen sich mit ihren Großeltern unterhalten können." Dies unterstützt der Verein auch mit seinen Mundart-Treffen.

In der guten Stube liegt noch die Tageszeitung griffbereit. FOTO: Nein

Der Mann, der in der Heimatstube zuhause ist, ist Klaus Müller. Der gebürtige Waldnieler führt jeden Besucher vom Erdgeschoss bis zur ersten Etage und zurück. Die Inventarzettel, die in jedem der Zimmer hängen, braucht der frühere Bäckermeister längst nicht mehr. Der 66-Jährige kann zur hölzernen Schaufel für Getreide (auf sie weist eine Zeile im Martinslied "Loop, Möller, loop, ... on du löpps möt de Schöpp..." hin) in der Werkstatt ebenso viel erzählen wie zum Weberzimmer mit Webstuhl, Spinnrad und Vogelvoliere. "Keine Attrappe oder Dekoration", weiß Müller zu berichten. Hinter den Käfigstangen saß ein Buchfink. Sobald er kein Lebenszeichen mehr von sich gab, wussten die Arbeiter, dass es höchste Zeit für eine Pause war - Sauerstoffmangel hat den Vogel von der Stange fallen lassen.

In der Werkstatt hängt eine seltene Holzschaufel für Getreide. FOTO: Nein

Auch wenn die Heimatstube auf den ersten Blick wie ein Schmuckkästchen wirkt: Wer Klaus Müller beim Gang durch die schmuck ausgestatteten Räume zuhört, lernt den beschwerlichen Alltag kennen. Er war für die Männer von der Arbeit, etwa in den Webereien, bestimmt; für die Frauen von der Haushaltsführung. "Ich habe große Hochachtung vor den Frauen, die damals gelebt haben. Das waren echte Managerinnen", sagt Müller. Sie hätten pünktlich das Essen auf den Tisch gebracht, die Wäsche mit heißem Wasser im Bottich waschen müssen, die Kleidung in Ordnung gehalten und hätten sich "noch nebenbei um oft mehrere Kinder kümmern müssen", sagt der Betreuer der Heimatstube voller Bewunderung.

Heute ist saubere Wäsche selbstverständlich: Kleidungsstücke werden oft jeden Tag gewechselt, die Waschmaschine liefert komfortable Reinheit. Um 1900 musste die Hausfrau selbst für saubere Wäsche sorgen - und das ging nur mit vollem Körpereinsatz. "Deshalb wurde auch nur alle drei Wochen gewaschen. Und aus diesem Grund waren die Mädchen erpicht darauf, eine möglichst große Aussteuer zu erhalten", erläutert Müller. "Wenn die ,große Wäsche' anstand, dann dauerte sie den ganzen Tag." Dazu wurde der Waschbottich mit heißem Wasser gefüllt, mit einer Wringe wurden die Kleidung ausgewrungen oder mehrmals mit klarem Wasser gespült. In der Heimatstube sind all diese Gerätschaften zu sehen - auch eine Mangel. Die Geräte sorgen bei jungen Besuchern für Erstaunen, wenn Müller ihren beschwerlichen Einsatz beschreibt.

Ebenso sprachlos sind die jüngeren Besucher, wenn Müller erzählt, dass die Häuser um 1900 oft keine Badezimmer hatten: Waschschüssel und Wasserkrug standen im Schlafzimmer auf der Fensterbank - wie in der Heimatstube. Unterm Bett wurde der Nachttopf aufbewahrt. "Einer für alle", antwortet Müller auf die Frage, wie viele Nachttöpfe es denn im Haus gegeben habe.

Selbst wenn man sich viel Zeit für den Weg durch die Heimatstube nimmt: Nach dem ersten Besuch bleibt das Gefühl, noch einmal wiederkommen zu müssen, um wirklich alles zu sehen. Etwa den Wandschmuck aus Viersener Samt, den Hebammenkoffer oder den Weihwasserbehälter im Schlafzimmer. Den müssten Oma und Opa eigentlich mal wieder auffüllen.

Quelle: RP
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