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Brüggen
Zurück in eine ungewisse Zukunft

Brüggen: Zurück in eine ungewisse Zukunft
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Brüggen. Seit über einem Jahr leben Leonarda (13), Leonardo (12) und David (7) in Deutschland. 2014 kamen sie mit ihren Eltern nach Bracht, um hier eine neue Heimat zu finden. Ihr Asylantrag wurde abgelehnt, nun müssen sie zurück nach Serbien. Von Birgitta Ronge

Von den Fußballkameraden bei den Turn- und Sportfreunden (TSF) Bracht haben sich Leonardo und David verabschiedet. Der Zwölfjährige und sein siebenjähriger Bruder sind begeisterte Fußballer - der Große ist Stürmer in der D-Jugend, der Kleine kümmert sich in der F-Jugend um die Abwehr. Das Fußballspielen, sagen beide, werden sie am meisten vermissen.

Die Kinder gehen mit ihrer großen Schwester Leonarda (13), Vater Samir (29) und Mutter Indira (30) zurück nach Serbien. Dort, das wissen die Kinder, sind sie als Roma nicht willkommen. Darum hatten die Eltern vor über einem Jahr beschlossen, mit den Kindern die Hauptstadt Belgrad zu verlassen und nach Deutschland zu gehen. In Serbien wolle man keine Roma, sagt Samir. Seine Frau sei vergewaltigt worden, ihre Angst, die Täter wiederzusehen, sei groß.

Er berichtet von Vorurteilen, davon, dass die Kinder zwar zur Schule gehen könnten, es dann aber schwer hätten, einen Ausbildungsplatz zu finden. Als Roma bekomme man kaum Arbeit, sagt Samir. 13 Jahre sei er bei der Straßenreinigung und Müllabfuhr gewesen, immer mit Monatsverträgen. Steige man in einen Bus, werde man schief angeschaut, "die Leute denken, wir klauen, aber das tun wir nicht", sagt Samir. Die Kinder würden beschimpft, "die anderen Kinder nennen sie Zigeuner". Und der kleine David sagt: "Die Leute in Serbien hassen dich, wenn du braune Haut hast."

Im August 2014 kam die Familie nach Bracht. Ehrenamtliche Betreuer der örtlichen Flüchtlingshilfe lernten mit den Eltern Deutsch, halfen den Kindern bei den Hausaufgaben. Leonarda besucht jetzt die siebte Klasse, Deutschunterricht hat sie am liebsten. Leonardo ist in der sechsten Klasse und Mathefan, und Zweitklässler David schätzt an der Schule vor allem eines: "Dass man da auch spielen kann."

In Deutschland angekommen stellten die Eltern 2014 einen Antrag auf Asyl. Der wurde im Oktober 2014 abgelehnt. Die Eltern klagten dagegen, doch die Klage wurde abgewiesen. Abgeschlossen war das Verfahren damit eigentlich im Frühjahr 2015.

Flüchtlingsbetreuer wandten sich an die Härtefallkommission, der Antrag wurde im November 2015 negativ beschieden. Damit drohte nun für Dezember die Abschiebung. Die Familie entschied sich daraufhin, freiwillig zurück nach Serbien zu gehen.

Serbien gilt, wie Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Mazedonien und Montenegro auch, als sicheres Herkunftsland. Der Vorsitzende der Sinti und Roma in Nordrhein-Westfalen, Roman Franz, übte in der vergangenen Woche scharfe Kritik an den Abschiebungen in die so genannten sicheren Herkunftsländer. Minderheiten wie Roma fürchteten in Serbien oder dem Kosovo "um Leib und Leben", sagte er der Neuen Osnabrücker Zeitung.

In Ländern wie Serbien, Albanien oder dem Kosovo drohten Roma fürchterliche Misshandlungen bei "kriegsähnlichen Verhältnissen": Männer würden geschlagen, Frauen vergewaltigt, "während die Kinder auf Müllkippen arbeiten, abgeschnitten von jeder ärztlichen Versorgung", sagt Roman Franz.

Mit seiner Frau und seinen Kindern wäre er gern in Deutschland geblieben, sagt Samir. Seine Frau müsse hier keine Angst haben. Die Leute wären so nett, jeder grüße. Seine Kinder spielten mit deutschen Kindern. Ganz anders sei das als in Serbien.

Die Kinder können gar nicht verstehen, dass sie Deutschland jetzt verlassen, dass sie ihren Schulkameraden und Freunden Adieu sagen müssen. Leonarda sagt leise: "Sie haben gefragt: ,Warum? Warum gehst du?'"

Quelle: RP