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Interview Marius Wientgen
Adventszeit im staubigen Saharawind von Ghana

Erkelenz. Der 18-Jährige aus Orsbeck engagiert sich ein Jahr als "Missionar auf Zeit" in Ghana. Er hilft Mitgliedern der Steyler Missionare bei der schulischen Arbeit.

Herr Wientgen, wie sieht es in diesen vorweihnachtlichen Tagen in Ihrer neuen "Heimat auf Zeit", in Gushiegu in Ghana, aus?

Wientgen Es sieht ziemlich trocken aus. Die Trockenzeit hat Mitte November begonnen und hat das Gras sowie die Sträucher austrocknen lassen. Das Land ist hügelig, was beim Fahren eine unglaublich schöne Sicht erzeugt, wenn man das langgezogene Tal und den nächsten Hügel sieht. Gushiegu ist eine wirklich kleine Stadt, wo es nicht viele Autos oder großen Trubel gibt, wenn gerade kein Markttag ist. Die Menschen sind beschäftigt in ihren kleinen Läden, wie Metzger, Verkäufer oder Schneider. Das Wetter ist vom Harmattan geprägt. Das heißt: Staubiger Wind aus der Sahara macht die Nächte kühl und verdeckt mit dem Staub die Sonne. Die Temperaturen sind angenehm, zwischen 20 und 35 Grad Celsius.

Bevor Sie im August nach Ghana geflogen sind, wussten Sie noch kaum, was dort auf Sie zukommt. Was sind nun Ihre Aufgaben, wie sieht Ihr Tagesablauf aus?

Wientgen Zu sagen, ich hätte einen Tagesablauf, wäre gelogen. Ich suche mir meine eigenen Projekte und verfolge diese. Was allerdings fest ist, sind die Messen und Gebete. Sie haben meinen Glauben gestärkt und geben meinem Tag Struktur. Zu meinen Projekten: Ich bereite 14 Kinder täglich auf ein Krippenspiel am letzten Schultag vor, gebe Trompetenunterricht und bringe einer Schwester Discofox bei. Außerdem ist im Moment Klausurphase. Die drei Klassen, die ich als Computerlehrer begleite, schreiben auch.

Wie groß ist eigentlich der Anteil von Menschen Christlichen Glaubens dort, spielen Islam oder Naturreligionen eine Rolle?

Wientgen Ich könnte Seiten über Religionen und Ghana schreiben, was natürlich den Rahmen sprengen würde. Ich selber habe nach Statistik im Internet gesucht, welche sich jedoch stark unterscheiden. In der Geschichte Ghanas sind islamische Einflüsse durch Karawanen vom Norden und christliche Einflüsse durch Missionare aus dem Süden gekommen. Ich lebe im Norden, wo der Islam dominiert und die Naturreligionen, hier traditionelle Religionen genannt, besonders in den Dörfern ausgelebt werden. Die katholische Kirche ist nur eine von vielen christlichen Kirchen. Diese Kirchen würde ich als christliche, charismatische und afrikanische Strömungen bezeichnen.

Wie feiern die Christen in Gushiegu Gottesdienste, Advent und Weihnachten?

Wientgen Der Ablauf einer Messe ist weltweit in der katholischen Kirche derselbe. Was sich von der deutschen Messe unterscheidet, sind die Lieder. Die Trommel ist die afrikanische Orgel! Das ändert die gesamte Stimmung. Wirklich getanzt wird bei der Kollekte, wo zum "Klingelbeutel" getanzt wird. Das ist ziemlich lustig und bringt mehr Euphorie in die Sonntagsmesse, die etwa zweieinhalb Stunden dauert. Advent wird anders zelebriert als bei uns. Es ist irgendwie unwichtiger. Keine Adventsmärkte, keine Kekse. Es wird einem erst bewusst, was wir für schöne Gebräuche und Traditionen haben, wenn man nicht da ist.

Weihnachten fern von zu Hause, das drückt bei vielen auf die Tränendrüsen, bei Ihnen nicht - oder? Wie werden Sie Weihnachten verbringen?

Wientgen Sie haben natürlich Recht, dass Weihnachten, das Fest unter anderem der Familie, idealerweise zu Hause verbracht werden sollte. Allerdings kann ich dieses Jahr mit meiner kleinen Familie, den Patres und Schwestern hier in Ghana, Weihnachten feiern. Ich vermisse natürlich meine richtige Familie, aber wir werden ja noch viele schöne Weihnachtsfeste feiern.

Seit Mitte August sind Sie in Ghana. Wie sieht Ihre Zwischenbilanz aus - haben sich bislang Ihre Erwartungen erfüllt? Was wünschen Sie sich für die kommenden Monate?

Wientgen Diese Fragen zu beantworten fällt mir sehr schwer. Ich tue mein Bestes, und mir gefällt es hier. Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht wüsste, was ich machen sollte. Was ich mir für die nächste Zeit vorgenommen habe, ist, dass ich mehr aus dem Haus rauskomme und mehr Kontakt zu den Leuten in Gushiegu suche, auch wenn das heißt, dass ich meine andere Arbeit zurücknehmen muss.

ANGELIKA HAHN STELLTE DIE FRAGEN.

Quelle: RP
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