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Wassenberg
Als Prädikanten das Kirchenleben prägten

Wassenberg: Als Prädikanten das Kirchenleben prägten
Erste Station des thematischen Stadtrundgangs war der Wassenberger Burgberg. Sepp Becker (l.) erläuterte, dass der Burgherr, Droste Werner von Palant, das Wirken der Prädikanten in Wassenberg unterstützte. FOTO: Jürgen Laaser
Wassenberg. Kulturhistorischer Spaziergang mit dem Heimatverein zur Geschichte der Reformation in Wassenberg. Von Willi Spichartz

"Auf den Spuren der Reformation" wandelte nun ein knappes Dutzend Interessierter in Wassenberg. Sie folgten damit Sepp Becker, dem Vorsitzenden des Wassenberger Heimatvereins, der auf einem kulturhistorischen Spaziergang vor Ort sichtbar und hörbar machte, dass Wassenberg schon in der Frühzeit der kirchlichen Reformbestrebungen im 16. Jahrhundert - Stichwort 500 Jahre Thesenanschlag Luther - eine prägnante Rolle spielte.

Schon die erste Etappenstation nach dem Start am Pontorsonplatz, dem Bergfried, nutzte Sepp Becker zu Erläuterungen über das engmaschige Netz von Staat und Kirche und dem daraus erwachsenen Spannungsfeld. Missstände in der katholischen Kirche hatten sich zu einem überall spürbaren Reformstau verdichtet, in dem der Wassenberger Burgherr, der Droste des Herzogs von Jülich, Werner von Palant, sich an die Seite der Reformer stellte.

Besonders beeinflusst hatten ihn die Erkenntnisse des Humanisten Erasmus von Rotterdam. 1527 stellte von Palant mit Johann Klopreis als Hauskaplan einen der am bekanntesten gewordenen "Prädikanten" ein, die auch als "Wassenberger Prädikanten" in die Reformations-Geschichte eingegangen sind.

Klopreis wurde auch als Priester der Georgskirche von den Gläubigen akzeptiert, ein Beleg dafür, dass auch unter den Menschen in der Region ein starkes Bewusstsein für Reformen entstanden war. Wassenberger Missstand: Pfarrstellen waren Einkommenspfründe für die Priester, die gern besser dotierte Stellen übernahmen, die bisherigen Vertretern überließen, die auch häufig abwesend waren. Klopreis konnte sich so in Wassenberg als Prediger (Prädikant) auf die Pfarrstelle St. Georg setzen.

Johann Klopreis und weitere der Wassenberger Prädikanten wie Heinrich Roll, Heinrich von Tongeren und Gielis von Rothem gingen später nach Münster, wo sie sich einbinden ließen in die Wiedertäuferbewegung und deren radikale Religions- und Staatsform. Beim brutalen Gegenschlag der Altkirche und ihrer Landesherren kamen auch alle Prädikanten ums Leben.

"Eine Sonderrolle" wies Sepp Becker vor den aufmerksamen Zuhörern und Disputanten dem bekannten Johann Campanus zu, der bereits 1521 auf der Wassenberger Burg predigte und diskutierte. Er endete für zwei Jahrzehnte im Kerker in Kleve, wo er auch verstarb, ohne von seinen radikalen Thesen abzurücken. Werner von Palant blieb bei seinen reformatorischen Vorstellungen und nahm die Entlassung durch den Herzog in Kauf.

In der evangelischen Hofkirche als zweite Rundgangs-Station, versteckt im Rückraum der Roermonder Straße liegend, analysierte Sepp Becker die theologischen Unterschiede der christlichen Strömungen vor, während und nach der Reformation. Im 16. Jahrhundert organisieren sich allmählich die evangelischen Kirchengemeinden im Rur-Wurm-Gebiet unter dem Einfluss niederländischer Calvinisten zumeist als "reformistisch". Der Hofkirchenbau Wassenberg wird urkundlich erstmals 1652 in einem Pachtvertrag erwähnt.

Die Vermutung aus der Zuhörerschaft dieser Führung, dass die Hofkirche Kirche eines (palantschen) "Fürsten"-Hofs gewesen sei, musste Sepp Becker widerlegen: Evangelischen Kirchen mussten ab 1648 nach dem Westfälischen Frieden abseits der Straßen im Inneren eines Hofs, zumeist Bauernhofs errichtet werden und durften keine hohen Türme tragen.

Die schlichte Ausstattung der Hofkirche ist ein Erbe ihrer Ersterrichtung aus dem 17. Jahrhundert, so Sepp Becker, die sie als reformierte Kirche ausweist: keine Bilder, schlichtes Gestühl, Kirchenfenster ohne Buntglas - nichts sollte die Gläubigen von der Liturgie ablenken.

Quelle: RP
 
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