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Wassenberg
Alten Obstsorten Heimat geben

Wassenberg: Alten Obstsorten Heimat geben
Biologin Katharina Tumbrinck beim Baumschnitt in dem von einem Förderverein getragenen Rheinischen Obstsortengarten. FOTO: Laaser (Archiv)
Wassenberg. Etwas Besonderes in der Region ist das Projekt "Rheinischer Obstsortengarten". Alte Sorten sollen auf dem 40 Hektar großen Gelände erhalten oder nachgezüchtet werden. Von Willi Spichartz

Wie definiert man "heimische" Obstsorten? Im Rheinland natürlich als "Rheinische"! Die zwischen Emmerich und Eifel liegenden Böden lassen mindestens 100 Obstsorten wachsen. Viele davon sollen im Wassenberger Obstsortengarten Früchte tragen, dessen Entwicklung nach einer kurzen Flaute von Betreuerin Katharina Tumbrinck vorangetrieben wird mit Hilfe weiterer Mitstreiter des Fördervereins: "Wir haben zurzeit so viele Ehrenamtler, dass die Zukunft der Anlage gesichert ist."

Wie viele Mitstreiter es genau sind, kann niemand sagen, denn in diesem Jahr hat ein heimischer Imker mehrere Bienenstöcke aufgestellt, deren Bewohner bienenfleißige und unerlässliche Mitarbeiterinnen im biologischen Prozess der Früchte-Gewinnung sind.

Katharina Tumbrinck, die quasi im Obstsortengarten mit ihrer Familie wohnt, nennt die Linie des seit 2009 laufenden Projekts: "Ziel sind hier nicht hohe Erträge, Ziel ist die Sicherung der Obstsorten für die Zukunft gerade auch in der Region."

Und das bedeutet eine Menge Arbeit - nicht nur im Sortengarten, wo die Wege wieder begehbar gemacht wurden, auch bei der Findung von Sorten im Umland, von denen Äste dann zur Veredlung auf die vorhandenen Bäume "transplantiert" werden, "vegetative Vermehrung", ungeschlechtliche Vermehrung, nennt sich das Verfahren. Was dabei dann rauskommt, ist auch für die Biologin und Lehrerin an der Waldorfschule in Dalheim spannend: "Es dauert mehrere Jahre, bis man genau weiß, welche Pflanzenart entstanden ist!" Übrigens kann man bis fünf Ästchen auf einen vorhandenen Baum transplantieren, das allein gibt Vielfalt. Die späte Erkenntnis über das Zuchtergebnis sorgt dann auch für spätere Pflanzungen dieser Bäumchen, Entschleunigung ist ein Natur-Prinzip. Da wird also in Jahrzehnten gedacht, und das, obwohl der Pachtvertrag für das 40.000 Quadratmeter (40 Hektar) große Wiesengelände mit der Stadt Wassenberg nur ein Jahr läuft. Er verlängert sich automatisch jedes Jahr, wenn er nicht gekündigt wird. Und daran hat die Stadt kein Interesse. Da Wassenberg einmal sehr bekannt war für seinen "Sämling"-Pfirsich, begrüßt die Stadt das Projekt Obstsortengarten.

Denn der Sämling ist wieder im Kommen, allerdings musste er 2017 genauso wie die Äpfel dem Klima-Jahreszeitenwechsel im Rheinland Tribut zollen: Die Ernte fiel aus "dank" einer einzigen Frostnacht vom 25. auf den 26. April, in der die Temperatur auf minus 6 Grad fiel und Apfel und Pfirsich den Lebenssaft gefrieren ließ und damit die Lebenskraft raubte. Durch die unverhältnismäßig warmen Wochen zuvor war die Blüte früher eingetreten und damit dem späten Frost wehrlos ausgeliefert, die Birnen blühten später und brachten reiche Ernte - Äpfel und Birnen kann man also wirklich nicht vergleichen.

Und Äpfel und Pfirsiche kann man zumindest in Wassenberg auch nicht vergleichen, das liegt am sandigen Boden. Der ist für den Pfirsich gut, für die Äpfel weniger - da kann man aber was machen, zeigen die herbstlich gesunden Bäumchen aus bereits rund 90 Sorten an der B 221. Häufig wässern und jährlich eine Karre guten alten Mist, also Stroh als benutztes Viehstreu, auf die Baumscheiben verteilen - 'ne Menge Arbeit, aber lohnend. Gute Mitarbeiter sind auch zeitweilig Schafe, entweder die von der Waldorfschule oder Pensions-Schafe von anderen Besitzern mit Kost und Logis an der Straße Auf der Hees. Die Kost besteht aus der Vielfalt der Pflanzen auf dem riesigen Gelände. Im Übrigen sind zwei Drittel der für Baumbepflanzung vorgesehenen Fläche bereits belegt.

Die Stadt Wassenberg ist nicht nur als Verpächterin mit im Boot, sie fährt zum Dank der Obstsortengärtner den Heckenschnitt auch jeweils ab. Der Großgarten ist als Lehrpfad ausgewiesen, Besucher sind ausdrücklich erwünscht, das Tor ist immer offen. Alle Bäume sind zur Sorten-Unterscheidung beschildert, das Gelände ist gut zugänglich.

Fürs nächste Jahr haben Katharina Tumbrinck und ihr Team einige Aktionen in Planung. Je nach Ernte gibt's ein Apfelpressfest. In jedem Fall hat man ein Pressunternehmen an der Hand, das Saft produziert. Einen regelmäßigen Obstverkauf will man wegen des erheblichen Personalbedarfs nicht einrichten, Besucher können aber selber pflücken, über eine Spende freut sich der Verein dann.

Fast logisch bei der Vielfalt allein der Apfelsorten, dass darunter geeignete für "Apfelkraut" sind, sie haben wenig Säure, müssen als gekochter Sirup nicht nachgezuckert werden. Eine rheinische Spezialität. Die empfehlen auch die Kinder der Waldorfschule, die Apfelkraut im Unterricht produzieren. Natürlich mit Lehrerin Katharina Tumbrinck.

Quelle: RP
 
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