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Wassenberg
Bewegendes Zeitbild in einem Roman

Wassenberg. Sylvia Schenk-Gonsolin las in der Autorenreihe der "Bücherkiste" aus ihrem Buch "Schnell, dein Leben". Von Michael Moser

Ein tolles Buch, eine interessante Autorin, ein guter Musiker, aber leider zu wenig Besucher. Dies könnte das Fazit der Lesung von Sylvia Schenk-Gonsolin, organisiert von der Wassenberger Bücherkiste in der Begegnungsstätte am Pontorsonplatz, sein.

Die im französischen Gap geborene Schenk, mit einem Deutschen verheiratet und seit 1966 überwiegend in Deutschland lebend, stellte ihren im Oktober 2016 erschienen Roman "Schnell, dein Leben" vor. Mit packender, lebendiger und anschaulicher Sprache nahm die Autorin, die auch Schulfunk gemacht und Lehrbücher veröffentlicht hat, die Zuhörer mit in die Geschichte einer jungen Französin, die Anfang der 1960er Jahre einen Deutschen geheiratet hat, und las Passagen des Romans. Die Gefühlswelten wurden dabei bestens musikalisch von Heribert Leuchter untermalt, der die sieben vorgetragenen Stücke eigens zu Schenks Roman komponiert hatte: "Musik kann zusätzliche Geschichten erzählen. So hat zum Beispiel die Kindheit einen eigenen Klang", sagte der Musiker. So hatte Leuchter die jeweils passenden Klänge parat.

Im Blickfeld stand zunächst die weibliche Haupfigur, Luise, die in jungen Jahren unter der Minderwertigkeit des weiblichen Daseins litt: "Männer sind wichtig. Berge werden von Männern erobert. Väter sind stolz auf ihre Söhne, sie müssen sich nicht schminken und werden nicht schwanger", beschrieb Sylvia Schenk die Gedankenwelt der jungen Frau. Leise Oboen-Klänge unterstrichen passend das Schwermütige. Die mehrfach ausgezeichnete Autorin sprang nun in die Jugendzeit von Johann, dem späteren deutschen Studenten in Frankreich, in den sich Luise nach kurzer Affäre mit einem Franzosen verliebte. Johann war lustig, konnte gut zuhören und war sehr gefühlvoll. Schließlich heiraten die beiden, Luise zieht nach Deutschland und arbeitet als Lehrerin. Doch das Idyll zerbricht nach und nach, Johann zeigt immer mehr das Gesicht des vaterhörigen, disziplinierten Mannes. Sein Vater, der im Krieg in Frankreich gewesen war, wird immer deutlicher zum Thema des Nachkriegsromans mit den Problemen dieser Zeit: "Luise lernte an einem Tag die deutschen Vokabeln Schuld, schuldig und Schuldbewusstsein, nachdem sie ihren Schülerinnen einen Film über die Nazizeit vorgeführt hatte", heißt es im Buch. Diese beklemmende, nicht wegzudenkende Atmosphäre beherrscht ihr Leben. Die Aussicht auf ein gemeinsames Kind lässt das Paar dennoch für die Zukunft hoffen. Ein Kind, weit weg vom Krieg.

Nach der Lesung beantwortete die Autorin noch Fragen und sagte dabei: "Dieser Roman stellt nicht meine Biografie dar, sondern ist in einigen Passagen lediglich an mein Leben angelehnt". Die "Du"-Perspektive anstatt der "Ich"-Form hatte Schenk bewusst gewählt, denn auf diese Weise fühle sich der Leser tiefer angesprochen und identifiziert sich leichter mit der Hauptperson Luise. Ulla Kurzweg von der Bücherkiste sagte am Ende zur Autorin: "Es macht glücklich, Ihnen zuzuhören. Vielen Dank dafür." So blieb der einzige Haken der Veranstaltung der geringe Zuschauerzuspruch. Dieser Abend hätte mehr Zuhörer verdient gehabt.

Quelle: RP
 
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