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Wassenberg
Die Heimat mit neuen Augen sehen

Wassenberg. Der Orsbecker Marius Wientgen ist nach seinem Jahr als "Missionar auf Zeit" in Ghana zurückgekehrt. Gespräch über Gefühle und Kontraste. Von Angelika Hahn

Seit dem 13. August ist Marius Wientgen, der am Sonntag 20 Jahre alt wird, zurück in Deutschland. Ein Jahr hat er als sogenannter "Missionar auf Zeit" in der nord-ghanaischen Provinzstadt Gushiegu (rund 10.000 Einwohner) zusammen mit zwei Priestern der Steyler Missionare gewohnt und vor allem in der Schule dort mitgearbeitet, aber auch in der nahen Wasserfabrik. Von seinem besonderen sozialen Jahr spricht denn auch Marius, der mehrfach der RP und seinen Freunden in Newslettern über sein Leben auf dem schwarzen Kontinent berichtet hat, jetzt nach seiner Rückkehr.

Erst am vergangenen Wochenende hat der engagierte Messdiener in seiner Heimatgemeinde Orsbeck einen Vortrag über seine Erlebnisse in Ghana gehalten und mit rund 40 Zuhörern nachher lange Zeit diskutiert.

"Natürlich bin ich froh, wieder zu Hause zu sein, aber ich werde auch manches vermissen", erzählt Marius. Etwa die freundlich-offenen und stets neugierigen Kindergesichter, die seine weiße Haut mit den "langen" Haaren bestaunten oder Tufu, ein Gericht aus einer einheimischen Wurzel, die gekocht, gestampft und zu Klößen geformt zur Suppe gegessen wird, was ihm sehr gut schmeckte.

So manche Vergleiche drängen sich auf, wenn man wieder in Deutschland ist, sagt Marius, der 2015 sein Abitur am Erkelenzer Cusanus Gymnasium machte. "Supermärkte wie hier an jeder Ecke sind eine Rarität in Ghana ebenso wie gut asphaltierte Straßen, die es nur in größeren Städten gibt. Allerdings sei der Ausbau der neuen Nationalstraße, die von der Landeshauptstadt Accra durch die Stadt nach Burkina Faso quer durchs Land führt, während seines Jahres in Ghana vorangekommen. Aber Müll sei ein ständiges Problem. "Erst wenn man in Deutschland die schicken Häuser und müllfreien gut ausgebauten Straßen sieht, merkt man, dass die Leute das hier gar nicht mehr zu schätzen wissen", sagt Marius. Der Wohlstand sei für alle hier selbstverständlich.

Dass das Essen mit den Fingern in Afrika eine selbstverständliche Kulturtechnik ist, hat der Orsbecker ebenso lernen müssen. Selbst in Restaurants werde nur auf Bitten hin Besteck gereicht. "Dass wir uns in Deutschland viele unnötige Gedanken machen und nichts dem Zufall überlassen wollen", hat Marius ebenfalls als einen Unterschied zur Mentalität in Afrika erfahren. Ein wenig mehr Gelassenheit könnten wir von den Ghanaern lernen, meint er.

Natürlich hat Marius Wientgen die Rückkehr in die Familie genossen und das Wiedersehen mit Schulfreunden, die teilweise schon studieren, bei einer fünftägigen Fahrt nach Pommern gefeiert. Den Kontakt nach Ghana aber will er auf keinen Fall abreißen lassen. Immerhin ist er zu Hause in Orsbeck gerade noch dabei, einige Kirchenlieder in einer der drei ghanaischen Regionalsprachen zum ersten Mal mit Notensatz zu Papier zu bringen - per Computerprogramm. Auch vor Ort hatte Wientgen, der als Mitglied des Orsbecker Musikvereins Trompete und Gitarre spielt, gern mit den Einheimischen musiziert.

Derzeit macht Marius, dessen Bewerbung für ein Medizinstudium läuft, ein Praktikum in der Arztpraxis eines niedergelassenen Unfallchirurgen. Möglich, dass er selbst mal Chirurg wird. Obwohl sein Jahr in Ghana aus christlicher Motivation heraus entstand und seinen Glauben gefestigt hat, habe er damit nicht etwa den Priesterberuf im Blick gehabt, sagt Marius. "Dazu fehlt mir die Berufung." Allerdings will er sich weiter als Christ engagieren.

Quelle: RP
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