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Wassenberg
Eine Rotbuche namens "Jong"

Wassenberg. Tanzparkett unter Bäumen, ein altes Kloster, ein "Kindches-Weiher" und der Fuß einer Sonnenuhr mitten im Wald. Die Teilnehmer einer Führung mit Walter Bienen entdeckten das Wassenberger Judenbruch mit neuem Blickwinkel. Von Willi Spichartz

Eine Sonnenuhr mitten im Wald? Ein Baum mit einem Namen, nämlich "D'r Jong"? Warum das so ist, erfährt nicht, wer "nur so" durch das Wassenberger Judenbruch streift, das erfährt man, wenn man sich Walter Bienen vom Heimatverein Wassenberg dann anschließt, wenn er hier eine Führung anbietet. Darum zeigte sich beim jüngsten Termin der "Aha-Effekt" auch bei Teilnehmern, zu deren täglichem Aufenthalt das Judenbruch gehört, ein Hochwald mit sanften Steigungen, viel Wasser und derzeit sogar etwas zu essen, nämlich einem guten Angebot an Kastanien.

Wälder heißen gewöhnlich auch "-wald" oder "-busch" oder "-forst" im Grundwort mit einem jeweiligen Beziehungswort wie Dalheimer Wald und Kapbusch (bei Hückelhoven), dass das beim Judenbruch nicht der Fall ist, ist begründet darin, dass er seit frühestens 150 Jahren ein richtiger Wald ist. Erst die Wassenberger Burgbesitzer Packenius und von Forckenbeck haben im 19. Jahrhundert die Anpflanzungen hochstämmiger Gewächse vorgenommen. Und das erklärt auch, so Walter Bienen zu seiner äußerst aufmerksamen Mit-Wanderschaft, warum es eine Sonnenuhr auf etwas mehr als halber Höhe des an der Rurterrasse liegenden Bruchs gab - zumindest weiter oben gab es keinen Forst. Die Nutzlosigkeit des auf uneingeschränkt einfallendes Sonnenlicht angewiesenen Zeitmessers drückt sich dadurch aus, dass von ihm nur noch der Sandsteinsockel steht, der also symbolisch auch für menschengemachte Veränderungen im Ökosystem steht.

Walter Bienen zufolge war das Judenbruch also ein durch von der Myhler und Wassenberger Oberstädter Höhe kommendes Gewässer, Bächlein oder Regenrinnen, gespeistes und verbuschtes Feuchtgebiet, das Alexander Packenius ab etwa 1826 und sein Schwiegersohn Oskar von Forckenbeck mit seinem Forstmeister Leonhard Wild ab etwa 1878 aufforstend gestalteten.

Der Judenbruch-Wald ist ein gestaltetes Landschafts-Element, das Pflege brauchte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gehörte zu den Pflegern ein junger Mann, ein Junge, mundartlich "Jong", namens Görtz, ein einfacher Mann mit offenbar psychischen Grundproblemen, der ganz in seiner Aufgabe aufging. Und wohl nach dem Tod seiner Mutter nicht mehr gut zurechtkam - 1924 fand man den depressiven "Jörtze Jong" erhängt in seinem Wald, allerdings nicht an dem nach ihm benannten "Jong", einer Rotbuche.

Der Ortsname Wassenberg wird naheliegend gedeutet als "Wasser am Berg" - im Berg des Judenbruchs liegen gestaltete Kleinseen, einer von ihnen heißt im Volksmund "Kindches-Weiher". Den erwartungsvollen Wassen-Bergsteigern erläuterte Bienen, dass Sexual-Aufklärung über die Herkunft der Kinder vor Jahrzehnten im Städtchen oberhalb der Rur so funktionierte, dass man den Kindern erläuterte, Hebammen würden Nachwuchs aus dem Kindches-Weiher fischen.

Vieles mehr erläuterte Heimat-Enthusiast und Pädagoge Walter Bienen den mehr als 30 Mit-Laufenden, unter anderem vom Kloster, Mord an einem Mädchen, Tanzparkett unter hohen Bäumen, bevor man am Pontorsonplatz wieder Sonnenlicht erreichte und sich im "Braukeller" mit Kaffee, Kuchen und einem "Rurtaler Bier" belohnte.

Quelle: RP
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