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Wassenberg
Geschichte mit allen Sinnen erleben

Wassenberg: Geschichte mit allen Sinnen erleben
Therese Wasch bietet Themenführungen gern im originalgetreu nachgearbeiteten Gewand einer Kaufmannsfrau des Mittelalters an. FOTO: Jürgen Laaser
Wassenberg. Therese Wasch ist eine der Gästeführerinnen der ersten Stunde des bald zehn Jahre bestehenden Vereins "Westblicke". Von Angelika Hahn

Gästeführerin Therese Wasch kramt in ihrem Korb und holt ein Stück eines originalgetreu nachgearbeiteten mittelalterlichen Kettenhemdes hervor, reibt es zwischen den Fingern und gibt es mir. "Fühlen und mit allen Sinnen wahrnehmen - das halte ich für ganz wichtig, auch bei meinen Führungen", sagt sie. Mit glänzenden Augen erzählt Wasch über ihre Leidenschaft, Menschen Natur und Geschichte so anschaulich wie möglich nahezubringen. "Ich erzähle Historisches gerne in Geschichten, nicht in trockenen Jahreszahlen - da bleibt wenig hängen."

So gibt sie auch schon einmal einen 600 Jahre alten Stein in die Gäste-Runde, das weckt Aufmerksamkeit. Ebenso wie der reiche Schatz alter Wassenberger Sagen rund ums Judenbruch, den "Jastes" oder den Teufelsstein. "Und auf dem Roßtorplatz empfange ich die Menschen in der Tracht einer reichen Kaufmannsfrau, da ist die unmittelbare Verbindung zum Marktplatz sofort da. Mich interessieren Menschen und ihre Lebensumstände, die Geschichte prägen."

Therese Wasch ist eine Frau der ersten Stunde des bald zehn Jahre bestehenden Gästeführerinnenvereins Westblicke, dessen Vorstand sie auch angehört. Dabei hatte der erlernte Beruf der kaufmännischen Angestellten - elf Jahre arbeitete die gebürtige Oberbrucherin vor der Familienphase bei den Glanzstoffwerken - so gar nichts zu tun mit ihrer heutigen Leidenschaft für Geschichte.

Als Nesthäkchen von fünf Geschwistern war sie als Kind viel unterwegs in Wald und Flur mit dem Vater, einem Wegemeister. "Es machte mir richtig Spaß, viel draußen in der Natur zu sein. Ich war auch sportlich - ein richtig wildes Kind", erinnert sie sich lachend. Die Naturliebe blieb auch im Erwachsenenalter. Und so trieb es die zweifache Mutter nach zehnjähriger Familienpause nicht mehr zurück ins Chemiemetier. Da hatte sie schon Kontakt zur Deutschen Umwelt-Aktion (DUA), für die sie sich dann rund 15 Jahre engagierte. Nach Fortbildungen bei der DUA gestaltete sie Umwelt-Unterricht an Grundschulen. Walderkundungen mit Kindern wurden eine Lieblingsaufgabe. Und obwohl sie in Dremmen lebt, zog es sie mit den Schulklassen immer wieder nach Wassenberg. "Da gibt es einfach den schönsten Wald", sagt Wasch. Mit Kindern durchstreifte sie das Judenbruch zu "Erkundungen mit allen Sinnen" - ein Leitgedanke, der für die agile 62-Jährige bis heute gilt.

Schon immer interessierte sie neben der Botanik auch die Geschichte der Landschaft, etwa die Entwicklung des Jugendbruchs vom Moor zum Landschaftspark unter Oskar von Forckenbeck Ende des 19. Jahrhunderts. Wassenberg mit seinem mittelalterlichen Ambiente entdeckte sie als Fundgrube von Geschichte und Geschichten. Die Beziehung hält bis heute. "90 Prozent meiner Führungen für Westblicke biete ich in Wassenberg an", sagt Wasch. Eines ihrer Spezialgebiete ist die Hexenverfolgung, die auch in Wassenberg Thema war.

Therese Wasch blickt zurück auf 2005, als sie interessiert den Aufruf zur Teilnahme an dem Frauenförderprojekt für angehende Gästeführerinnen las. Volkshochschule, Heinsberger Tourist Service und die Landes-Entwicklungs-Gesellschaft (LEG) hatten in Abstimmung mit dem Bundesverband der Gästeführer ein Ausbildungsprogramm erarbeitet, das nach strengen Richtlinien eine Qualifikation - inklusive Prüfung - zur Gästeführerin anbot. "Ich habe bei der Ausbildung sofort gemerkt: Das ist mein Ding", betont Wasch. Dazu gehörte freilich neben vielen Exkursionen auch Sprechtraining, Erste Hilfe oder Fahrradreparatur - "schließlich bieten wir auch Fahrradführungen an". Von zwölf Frauen, die die Prüfung ablegten, sind neun bis heute aktiv. 2006 gründeten die frisch gebackenen Gästeführerinnen den Verein "Westblicke".

Für Therese Wasch, die das Mittelalter und die frühe Neuzeit als Spezialgebiete hat, ist es wichtig, sich permanent weiterzubilden. Mittlerweile stehen drei Sterne auf ihrem Gästeführerausweis des Bundesverbandes. Wasch musste für das DIN EN-Zertifikat über 1000 Fortbildungsstunden in Seminaren, Vorträgen und Exkursionen nachweisen. "Das ist die höchste Qualifikation, die man als Gästeführer in Europa bekommen kann", erläutert sie. Dafür waren beispielsweise auch Kenntnisse in Geologie, Rhetorik, Recht oder Konfliktmanagement vorzuweisen.

Wasch, die an der Marienschule in Dremmen auch Kinder im Offenen Ganztag begleitet und dort eine AG "Leben in Dremmen" leitet, macht es Spaß, Menschen, ob jung oder alt, durch Stadt und Flur zu führen. Einen "Brotberuf" ersetzt der Einsatz für Westblicke freilich nicht: Der geringe Beitrag, den die Gäste entrichten, decke gerade mal den Aufwand, erläutert die Dremmenerin. Die gleichwohl immer wieder auch kostenlose Führungen anbietet, etwa für Kinder oder bei Stadtfesten. In diesem Jahr hat Wasch 1600 Gäste bei 80 Führungen und Vorträgen informiert.

Und es reizt sie, stets neue Informationen in ihre Führungen einzubauen. Und so denkt sie mit 62 noch lange nicht ans Aufhören. Wenn sie gesund bleibe, möchte sie weiter Führungen anbieten. "Meine Führungen sollen Gäste auch mehrfach mitmachen können, ohne immer dasselbe zu hören", lautet ihre Motivation. Und sie kennt etliche Stammgäste, das freut sie.

"Eingeschweißte Info-Karten mit dem immer gleichen Text, das ist nichts für mich", sagt Wasch, die die freie Rede schätzt und auch die Erfahrungen und den Sachverstand alteingesessener Wassenberger. Gerne kooperiert sie deshalb mit dem Heimatverein. Aber auch in der Seniorenbegegnungsstätte knüpfte sie Kontakte oder bei der Pfarrgemeinde. "Und auch viele meine Gäste bringen mich weiter, ich erfahre immer wieder Neues durch sie und komme so auf neue Ideen."

Quelle: RP
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