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Kontakt zu den neuen Freunden soll nicht abreißen

Erkelenz. Marius Wientgen über das Ende seines Freiwilligenjahres in Ghana. Freude auf Wiedersehen mit Familie und Freunden.

Im August geht Ihr Jahr als Missionar auf Zeit in Ghana zu Ende. Wie sehen zurzeit Ihre Aufgaben aus, wie verläuft Ihr Tag?

Marius Wientgen Ich bin seit letztem Jahr August in Ghana und lebe, arbeite und bete zusammen mit den Steyler Missionaren (SVD) in der Pfarrei in Gushegu, im Norden des Landes. Ökonomisch hängt die Region an der Agrarwirtschaft, fast jeder hat etwas Land zum Bewirtschaften. Geographisch ist das hier Busch-Savanne, im Moment ist Regenzeit, weshalb sich Gräser, Büsche und Moskitos wohlfühlen. Alles wächst, und die Farmer haben alle Hände voll zu tun. Die Schule hatte ihren letzten Schultag am 28. Juli. Ich habe dort an der Gestaltung der Abschlussfeier mitgearbeitet. Die Eltern wurden eingeladen, und es gab Präsentationen von allen Klassen. Die besten und ordentlichsten Schüler wurden geehrt, und es wurden Süßigkeiten ver- und geteilt. Es war ein schöner Tag. Es hat mich ein wenig an letztes Jahr erinnert, als ich bei der Abitur-Entlassfeier mein Zeugnis in die Hand gedrückt bekommen habe.

Was machen Sie nun außerhalb der Schule?

Marius Wientgen Da jetzt die Schule aus ist und ich deshalb mehr Zeit habe, mich anders zu beschäftigen, werde ich mich an der Gartenarbeit beteiligen, denn die Schule hat im Moment einen fast leeren Schulhof. Weshalb ich plane, Bäume zu pflanzen. Ansonsten bleiben mir noch zwei Wochen, bis ich zurück komme, was heißt: Ich muss mich verabschieden.

Wie haben Sie die fremde Welt anfangs erlebt und wie sieht das heute aus?

Marius Wientgen Manche Dinge, die ich hier am Anfang erlebt habe, haben mich schockiert und angeekelt. Mit der Zeit habe ich manche Dinge akzeptiert. Andere nicht, da würde ich es als Toleranz bezeichnen. Als Beispiel hat Ghana ein großes Problem mit Müll, besonders Plastiktüten spielen eine große Rolle. Es ist ein Zufall, dass gerade in diesem Jahr ein Gesetz in Deutschland zu diesem Thema verabschiedet wurde. Ich habe auch herausgefunden, dass einige Verhaltensweisen, die wir Deutschen zutage bringen, hier als sehr unfreundlich gelten. Und die haben damit irgendwie recht. Besonders im Thema Umgang mit Fremden könnten wir noch viel lernen. Meine Eltern waren vor ein paar Tagen hier und haben das erlebt, sie waren überwältigt.

Welche Begegnungen und Erlebnisse bleiben besonders in Erinnerung?

Marius Wientgen Es gibt einige tolle Dinge, die mir in den Sinn kommen. Ein überwältigtes Gefühl hatte ich in der Silvesternacht. Ich war in Kintampo, einer Stadt, wo eine Pfarrei von einem Steyler Missionar geführt wird. Die Kirche war noch nicht fertig gebaut, eine Art befestigter, großer Pavillon. Wir hatten eine Messe um acht Uhr und haben bis Mitternacht gesungen und getanzt. Kurz vor zwölf Uhr wurde noch einmal tanzbare Musik von der Band gespielt, und der ganze Saal hat gebebt. Danach wünschte man sich frohes neues Jahr, und der Abend war vorbei. Ich habe ihn noch ruhig bei einem befreundeten Österreicher bei improvisiertem Glühwein ausklingen lassen. Der Glühwein hat bei 20 Grad in der Nacht nicht geschmeckt, es war trotzdem schön.

Haben die Monate in Afrika Ihre Einstellung zum Glauben verändert?

Marius Wientgen Durch den Aufenthalt in einer geistlichen Gemeinschaft habe ich vieles mitbekommen, was man als normaler Gläubiger nicht so erfahren kann, weder in Deutschland noch in Ghana. Ich habe es genossen, ein Jahr lang hinter die Fassade gucken zu dürfen. Ich habe mit dem Bischof in unserer Diözese mehr gesprochen als mit dem in Deutschland. Ich bin froh darüber, dass die Gemeinschaft in Gushegu mich so aufgenommen hat, als gehörte ich dazu. Ich habe die Kleriker als sehr menschlich und geerdet empfunden. Die wenigsten waren Paragrafenreiter, und mit den meisten ließ sich gut diskutieren. Was das mit meinem Glauben gemacht hat, weiß ich noch nicht genau. Ich brauche erst den Kontrast in Deutschland. Ich hatte in den letzten elf Monaten eine Messe täglich, naja fast. Zusätzlich Begleitprogramm, wie Anbetung und Rosenkranzgebete.

Hatten sie mal Heimweh? Gibt es Vorfreude auf die Rückkehr oder eher Wehmut? Was werden Sie vermissen?

Marius Wientgen Ich hatte Heimweh. Es war da, als meine Schwester 18 wurde, und an Heiligabend. Mein Weihnachtsfest war nicht schön. Weihnachtsstimmung kann bei 30 bis 40 Grad nicht aufkommen, und da einige Sachen bis zum Ende nicht erledigt waren, bin ich den ganzen Tag auf und ab gelaufen. Um sechs Uhr abends bin ich total schlapp in mein Bett gefallen und musste tief durchatmen, weil ich mich so schlecht fühlte. Die nächsten Tage war es ganz gut. Als ich mich körperlich schlecht fühlte, sind diese Gefühle auch hoch gekommen, Gott sei Dank ist das nicht so oft vorgekommen. Im Moment habe ich ein merkwürdiges Gefühl im Bauch. Es ist Mix aus beidem, Wehmut, weil meine jetzige Welt in ein paar Tagen nicht so sein wird, wie sie ist. Ich lasse Freunde, Angewohnheiten und eine Kultur hinter mir, um mich wieder neu anzupassen.

Werden Sie weiter Beziehungen zu Ghana pflegen? Wenn ja, in welcher Form?

Marius Wientgen Natürlich werde ich weiter Kontakt haben. Ich habe hier Freunde gefunden und will nicht verpassen, was in deren Leben passiert. Der Postweg ist möglich, dauert aber sehr lange. Da das mobile Internet gut ist, sogar besser als in meinem Heimatdorf, geht es bequem über Apps oder E-Mails. In Ghana sind sich die Menschen bewusst, dass es für Menschen aus entwickelten Ländern oder Ländern mit hohen Lebenskosten einfach ist, ihre Projekte zu unterstützen, weshalb sie auch mehrfach gefragt haben - ich werde darüber nachdenken. Mein Vorgänger sammelt Geld für eine Schule in Gushegu und, wer weiß, vielleicht kann ich auch irgendwas machen.

Wie wird es zu Hause für Sie weitergehen?

Marius Wientgen Ich habe weder Berufsausbildung noch ein Universitäts-Zertifikat. Ich habe mich online beworben, aber was konkret geschieht, wird sich in den nächsten Wochen herausstellen. Ich freue mich erst mal darauf, meine Familie und Freunde wiederzusehen.

ANGELIKA HAHN STELLTE DIE FRAGEN PER E-MAIL.

Quelle: RP
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