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Wassenberg
Leiden der "Hexen" ohne Beschönigung geschildert

Wassenberg. Petra Schier stellt Roman "Der Hexenschöffe" vor.

Die Peinkammer mit ihren schrecklichen Folterwerkzeugen übersteht kaum jemand lebend. Blutige Messer und Haken, ein eisernes Halsband mit nach innen gerichteten Zacken, Beinschrauben, die immer enger gezogen werden, herausgerissene Fingernägel. Petra Schier entführte die Besucher ihrer Autorenlesung auf Einladung der Wassenberger Bücherkiste in eine dunkle Zeit. Ins düstere Mittelalter, als Hexenverbrennungen in Rheinbach an der Tagesordnung waren. Juni 1631.

Die 38-jährige Verfasserin historischer Romane weiß, dass ihre Werke nichts für schwache Nerven sind. Zu Beginn ihrer Lesung zeigte sie Verständnis für Besucher, die mal an die frische Luft müssen. Auch das Schreiben ihres aktuellen Werks "Der Hexenschöffe" sei unglaublich anstrengend gewesen, gestand die Autorin, die in der Eifel zu Hause ist. Denn Petra Schier tauchte bei ihrer umfangreichen Recherche tief ein in die mittelalterliche Welt mit Hexenverfolgungen durch "Hexenkommissare", die am ausgesetzten Kopfgeld interessiert und zudem am konfiszierten Eigentum der zu Unrecht beschuldigten Person beteiligt gewesen seien. "Dieses Buch hat mich sehr mitgenommen."

Am elterlichen Wohnzimmerschrank entfachte ihre Leidenschaft für das schaurige Thema. Der Vater, beruflich mit Haushaltsauflösungen befasst, verstaute zahlreiche Werke, denn, so Schier, "Bücher blieben dabei immer übrig". Die studierte Literatur- und Geschichtswissenschaftlerin entdeckte zufällig eine alte Festschrift des Rheinbacher Junggesellenvereins. Und machte beim Schmökern Bekanntschaft mit Hermann Löher, dessen Lebensgeschichte sie seitdem fasziniert. Im Alter von über 80 Jahren habe der frühere Schöffe in einer 600 Seiten umfassenden Klageschrift die eigene Schuld und die der Mittäter spät eingestanden, "um zu verhindern, dass sich so etwas wiederholt". Nur noch zwei Exemplare dieser Schrift seien heute noch vorhanden - in Bad Münstereifel und in Amsterdam. "Dass so viele Menschen unschuldig verurteilt worden waren, machte ihm zu schaffen", erläuterte Schier die Beweggründe des Mannes. Bei der Arbeit zu ihrem Roman merkte sie immer wieder, dass es nicht weiterging. "An vielen Stellen schweigen die Quellen." Denn Rheinbach sei mehrfach niedergebrannt, alte Kirchenregister existierten nicht mehr. "An dieser Stelle trifft Wissenschaft auf Fiktion." Petra Schier erzählt im 512 Seiten umfassenden Buch "Der Hexenschöffe" die Geschichte Hermann Löhers, der Angst um Frau und Kinder hat. Denn die Ehefrau des jüngsten Schöffen am Rheinbacher Gericht gehört zur "versengten Art": Familienangehörige wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Kaufmann Löher glaubt nicht an Hexerei. Als die Verhaftungswelle auf Freunde und die Schwiegermutter übergreift, schweigt er nicht länger und beschließt, mit seiner Familie nach Amsterdam zu fliehen. Geld und Macht seien damals die Beweggründe für die zahlreichen Hexenverfolgungen gewesen, sagt Petra Schier, deren 14. Roman im August erscheint.

(DG)
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