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Wassenberg
Max Graab - Kämpfer gegen NS-Unrecht

Wassenberg: Max Graab - Kämpfer gegen NS-Unrecht
2015 wurde die neue Gedenkstätte am Ort der früheren Wassenberger Synagoge an der Synagogengasse eröffnet. Der gepflasterte Bereich und Reste der Mauer kennzeichnen die Stelle des jüdischen Gebetshauses. Eine Tafel erinnert an die von den Nazis ermordeten und überlebenden jüdischen Mitbürger. FOTO: Jürgen Laaser
Wassenberg. Wassenberg benennt einen Weg nahe dem Standort der früheren Synagoge unterhalb der Burg nach Max Graab. Furchtlos stellte sich Graab nicht nur nach der Zerstörung der Synagoge den Nazis gegenüber. Von Willi Spichartz

Die Geschichte jüdischen Lebens, die Geschichte der Juden in Wassenberg auch unter der Nazi-Gewaltherrschaft ist recht gut dokumentiert, sie ist öffentlich sichtbar und wird lebendig gehalten. Dafür sorgen in erster Linie der Heimatverein und die nach dem von den Nazis ermordeten Wassenberger Mädchen Betty Reis benannte örtliche Gesamtschule. Der rassistischen Todesideologie der Nazis fielen auch die meisten Wassenberger Juden zum Opfer. Es gab aber auch Zeichen von Erkenntnis und Widerstand - und dafür steht besonders der Name Max Graab.

27 in Wassenberg lebende oder geborene Juden wurden von der NS-Diktatur ermordet, ans Messer geliefert, auch von den örtlichen Nazi-"Größen", die Professor Dr. Heribert Heinrichs in seinem 1987 erschienenen Standardwerk "Wassenberg - Geschichte eines Lebensraums" mit vollen Namen nennt, 1987 noch lange nicht überall üblich.

Nationalsozialisten zeigten sich auf praktisch allen Ebenen als Destruktive Persönlichkeiten, (Psychologe Erich Fromm) radikalisierte Klein- und Kleinstbürger in Herrenmenschen-Manier - das verzeichnete man auch in Wassenberg. Sie zählten sich selbst zu den Ortshonoratioren, die sich vom alles durchdringenden Gewaltstaat willig zu aggressivem Handeln auffordern ließen.

"Ihr seid Verbrecher! Ihr seid Gotteslästerer! Glaubt nur, dass Euch das eines Tages heimgezahlt wird! Der Gott der Juden ist auch unser Gott!" - Schneidende Worte, wie sie am 10. November 1938 in Deutschland wohl kaum zu hören waren, wurden in Wassenberg den braunen Brandstiftern der jüdischen Synagoge entgegengeschleudert von Max Graab. Einem Wassenberger, der vorher bereits "furchtlos von Mann zu Mann" mit den örtlichen Nazigrößen wie Bürgermeister Julius Grünweller, so Heribert Heinrichs, diskutiert hatte.

Am Morgen des 10. November hatten die Orts-Nazis das nachvollzogen, was am Abend zuvor als "Reichskristallnacht" mit Brandstiftung der Synagogen, Misshandlungen und Totschlag an Juden begonnen hatte. In Wassenberg kommandierte am Abend des 9. November Grünweller seine SS zu den Häusern der Juden ab zur Suche nach "Waffen", die Bewohner wurden geprügelt und schwer misshandelt. "Wassenberger standen dabei oder machten die Augen zu", urteilt Autor Heribert Heinrichs.

Umstehende hatten Max Graab vor Konsequenzen seiner ehrlichen Äußerungen gewarnt - tatsächlich wurde er Tage später verhaftet und für sechs Wochen in ein Aachener Gefängnis gebracht. Heimgekehrt, zeigte er sich umso kompromissloser in seiner Haltung gegen die Nazis seiner Heimatstadt.

Vater Willy Reis und Tochter Betty, sie in Solingen, kamen aus ihrer Haft schwerstverletzt und gebrochen nach Hause. Alle Wassenberger Juden waren festgenommen und nach Heinsberg gebracht worden. "Endlich ist Wassenberg judenrein!" Die "schwarzen Rowdys" (Heinrichs) jubelten.

Im Jahr 1321 ist der erste Wassenberger Jude genannt, mehr als 1000 Jahre zuvor hatten unter anderem die römischen Besatzer sie aus ihrer Heimat Palästina in ihr Reich bis nach Europa zerstreut und/oder als Sklaven verkauft. Immer wieder künden Dokumente über Jahrhunderte davon, dass Juden in Wassenberg lebten. Vor allem im 19. und 20. Jahrhundert waren sie selbstverständlicher Teil der Ortsgesellschaft, beteiligten sich an Vereinen und gesellschaftlichen Veranstaltungen.

Schon in der Mainacht 1934 war Max Graab als aktiver Nazi-Gegner aufgetreten, als er handgreiflich die Wassenberger Lieder singenden Pfadfinder gegen die örtlichen NS-Leiter mit Carl Meyer an der Spitze verteidigte, denen der christliche Jugendverband schon länger missfiel. Max Graab war nicht allein, mit weiteren Bürgern wurden die Nazis zurückgeschlagen, erst der herbei telefonierte Bürgermeister rettete seine Paladine vor dem völligen k.o., schreibt Heinrichs nach Zeugenaussagen.

Von den Wassenberger Juden überlebten den Holocaust Betty Reis' Bruder Walter, der nach England und Kanada fliehen konnte, und Max Hertz, der 1984 mit 101 Jahren in München starb. Auf dem Wassenberger Judenfriedhof erinnert ein Ahorn-Baum an den 2005 im Alter von 85 Jahren verstorbenen Walter Reis, der auf seinem Grundstück im kanadischen Toronto aufgewachsen ist.

An Max Graab erinnert in Kürze ein nach ihm benannter Wegteil an der ehemaligen Synagoge unterhalb des Bergfrieds an der neu geschaffenen Gedenkanlage.

Quelle: RP
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