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Wassenberg
Meine Flucht aus Eritrea

Wassenberg: Meine Flucht aus Eritrea
Deutschlernen mit Familienanschluss bei Irmgard und Frajo Beckers - Yonas Araya in Rückenansicht, weil er die Verfolgung seiner Familie in Eritrea fürchtet. FOTO: Jürgen Laaser
Wassenberg. Eine besondere Lesung bot die "Bücherkiste" beim Wassenberger Kulturtag an. Die RP druckt den eindrucksvollen Erfahrungsbericht von Yonas Araya. Von Yonas Araya

Mein Name ist Yonas Araya. Seit neun Monaten lebe ich in Wassenberg. Heute möchte ich Ihnen von meinem Leben und dem Leben meiner Familie erzählen. Berichten will ich Ihnen, warum und wie ich aus meinem Heimatland geflohen bin. Ich komme aus Eritrea in Ostafrika, bin 29 Jahre alt, habe Chemie studiert und einige Jahre als Lehrer für Chemie und Mathematik gearbeitet.

Irmgard Stieding vom Wassenberger Flüchtlingsnetzwerk brachte den 29-jährigen Flüchtling, der mittlerweile als Asylant anerkannt ist, mit Ursula Kurzweg, der Vorsitzenden der Bürgerbücherei Bücherkiste, in Kontakt. Araya spricht schon etwas Deutsch und erzählte von seinen Erlebnissen, gemeinsam formulierten beide dann diesen Text, den Araya bei den Autorenlesungen am Kunst - und Kulturtag im Bergfried vortrug.

Ich komme aus einer großen Familie. Wir waren fünf Geschwister. Meine Mutter ist leider früh gestorben. Mein Vater ist leitender Lehrer. Er verdient ca. 30 Euro im Monat.

Zwei meiner Schwestern leben in Europa, in Frankfurt am Main und in London. Sie haben geheiratet und konnten damals legal ausreisen. Meine dritte Schwester lebt bei meinem Vater in Eritrea. Mein Bruder ist schon vor mir geflohen und lebt in Israel. Da ich ein guter Schüler war, durfte ich nach meinem Schulabschluss studieren. Das war mein großes Glück; denn so musste ich nur ein Jahr zum Militär.

In Eritrea muss nämlich jeder, ob Mann oder Frau, sobald er 18 Jahre alt ist, zum Militär. Die Dauer des Militärdienstes ist willkürlich und kann lebenslang dauern. Auch in der Berufswahl hat man keine freie Entscheidung. Ich habe Chemie studiert und hätte gerne als Chemiker in der Forschung gearbeitet. Aber ich musste Lehrer werden, weil Lehrer gebraucht wurden.

Yonas Araya erzählt im Gespräch mit unserer Zeitung, dass hierzulande leider wenig über die menschenverachtende Diktatur in Eritrea berichtet wird. Staatschef Isayas Afewerki regiert seit 23 Jahren, gestützt durch ein brutales Militärregime. Es gibt nur eine Partei (PFDJ), kein Parlament. Inhaftierungen missliebiger Personen ohne jede Begründung seien an der Tagesordnung, erzählt Araya.

Diese Willkür bestimmt das ganze Leben in meiner Heimat. Auch die Reisefreiheit ist eingeschränkt. Man kann von der Straße weg verhaftet werden, ohne Angabe von Gründen. Genauso willkürlich wird man manchmal aus der Haft entlassen. Nur wer die Beamten oder Militärs mit Geld schmieren kann, hat die Chance, solch einer Behandlung zu entkommen. Wer so arm ist wie meine Familie, kann nicht bestechen. Das sollte ich zu spüren bekommen.

Ich arbeitete bereits drei Jahre als Lehrer. Ich wollte meine Tante in Barentu besuchen. Sie wohnt in einer Stadt an der Grenze zum Sudan. Kurz vor Barentu wurde unser Bus angehalten. Wir mussten aussteigen und wurden verhört. Die Soldaten glaubten mir nicht, dass ich einen Besuch machen wollte. Mit einigen anderen jungen Männern wurde ich verhaftet und in ein Gefängnis gebracht. Wir haben nie erfahren, warum.

Dort begann das schrecklichste Jahr meines Lebens. Von September 2013 bis Oktober 2014 hausten wir in Hashferay in einem großen Straflager mit über 1000 Gefangenen. Ich vegetierte mit 200 bis 250 Männern, vom zehnjährigen Jungen bis zum alten Mann, in einem Erdloch. Es war ein berüchtigtes Gefängnis mit unmenschlichen Behandlungen - einfach die Hölle. Wir schliefen auf dem Boden. Es war so eng, dass wir uns kaum ausstrecken konnten. Zu essen gab es wenig, gerade genug, um nicht zu verhungern. Wasser war sehr knapp. Die hygienischen Verhältnisse grausam. Wir hatten alle Ungeziefer. Durchfall war häufig, Toiletten fehlten. Zweimal am Tag durften wir das Loch verlassen, um unsere Notdurft zu verrichten. Nachts benutzten wir Plastiktüten.

Nicht weit von uns waren Frauen gefangen. Viele hatten ihre Kinder bei sich, zum Teil Säuglinge und Kleinkinder. Nach über einem Jahr wurde ich ganz plötzlich aus der Haft entlassen. Warum weiß ich nicht. Mein Vater konnte mich jedenfalls nicht freikaufen.

In meiner Heimat Eritrea klappt alles nur mit Geld. Beamte, Soldaten, Polizei - alle sind bestechlich. Einen guten Job, Freistellung vom Militär, ein gutes Geschäft - mit Geld erreicht man alles. Darum kann man auch keinem vertrauen, weil viele ihre Nachbarn, Mitarbeiter, sogar Verwandte bespitzeln und verraten, um dafür eine Belohnung zu erhalten.

Im ganzen Land herrscht eine Atmosphäre von Misstrauen und Überwachung. Natürlich gibt es keine Meinungsfreiheit, alles wird zensiert. Nur der Glaube kann frei ausgeübt werden. Bis auf einige Sekten, die verfolgt werden, leben Christen und Muslime friedlich miteinander. Während meiner Haft wünschte ich mir immer dringender, diesem Regime zu entkommen. Nachdem ich entlassen war, wurde ich an eine Schule geschickt, die nahe der äthiopischen Grenze lag. Da fasste ich endgültig den Entschluss zu fliehen.

Drei Freunde flohen mit mir zusammen über die Grenze nach Äthiopien, nachts - zu Fuß. Von dort in den Sudan nach Khartoum. In beiden Ländern wurden wir gut aufgenommen. Geld für die Flucht hatte ich von meinem Bruder aus Israel bekommen. Im Sudan gab es Schlepper, die uns durch die Sahara nach Libyen brachten für 1200 Euro. 98 Menschen aus vielen Ländern wurden auf Lastwagen gepackt. Es war entsetzlich. Männer, Frauen, kleine Kinder hockten ganz eng auf der Ladefläche. Es gab nur wenig Wasser. Hitze, Kälte und Staub waren beinahe unerträglich. Zwei Wochen dauerte die Tortur. Dann waren wir in Libyen. Dort durfte ich meinen christlichen Namen "Yonas" nicht nennen. Ich nannte mich Yonus.

Im Gespräch berichtet Araya noch, dass auch der Aufenthalt in Libyen eine Qual war. Denn man müsse dort - anders als in Eritrea, wo die Hälfte der Bevölkerung christlichen Kirchen angehöre - vertuschen, wenn man Christ ist. "Ich habe in Libyen zwei Monate im Gefängnis gesessen und als Christ viel gelitten", sagt er.

In Tripolis wurden wir sofort von Schleppern in einer Halle untergebracht. Dort blieben wir vier Monate, bis ich genug Geld zusammen hatte, um einen Schlepper für die weitere Flucht zu bezahlen. Dieses Geld bekam ich auf verschlungenen Wegen. Für 1800 Euro konnte ich mit einem Boot nach Sizilien übersetzen. Die Schlepper drängten 500 bis 600 Menschen auf einem Boot zusammen, das nur ca. 30 Meter lang war. Es war völlig überladen.

Araya setzt sich auf den Boden, die Knie bis ans Kinn anzogen, um uns zu zeigen, wie eng gedrängt und zwangsläufig fast reglos die Flüchtlinge auf dem Boot stundenlang ausharren mussten.

Nachdem wir ein großes Stück vom Land entfernt waren und die Küste nicht mehr sehen konnten, kam ein Schnellboot, nahm den Schiffsführer an Bord und verschwand in Richtung Libyen. Ich merkte schnell, dass der Motor des Bootes kaputt war und das Boot voll Wasser lief. Wir begannen aus Leibeskräften, mit Plastikflaschen Wasser zu schöpfen. Es ging um unser Leben. In der Ferne entdeckten wir ein Schiff der deutschen Bundesmarine. Die Marinesoldaten beobachteten uns mit Ferngläsern. Wir winkten und schrieen. Von den Deutschen wurden wir gerettet. Diese Aktion, in der wir ständig dem Tod nahe waren, dauerte über zehn Stunden. In Sizilien wurden wir dann an Land gebracht. Von Sizilien ging es weiter nach Mailand. In Italien wurden wir Flüchtlinge nicht versorgt. Jetzt stand ich auf der Straße.

Mit dem Zug fuhr ich nach Deutschland. Es war immer mein Wunsch, in Deutschland Asyl zu bekommen. Deshalb war ich froh, als ich zur Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen gebracht wurde. In dem Auffanglager wurden wir ständig befragt. Meine nächsten Stationen waren dann Dortmund - Hemer und zuletzt, am 27. Juli 2015, Wassenberg-Birgelen.

Hier habe ich endlich das Gefühl, angekommen zu sein. Seit Ende März bin ich als Flüchtling anerkannt. Ich kann mich frei bewegen, ich lerne Deutsch.

Araya fand durch die Treffen für Flüchtlinge, die die Kirchengemeiden Birgelen regelmäßig anbietet, Kontakt zu Irmgard und Frajo Beckers, die sich beide dort engagieren. "Ich will möglichst schnell gut Deutsch lernen", sagte er. Mit Frajo Beckers, bekannt vom Pützchen-Verein, trifft sich Araya seitdem zwei- bis dreimal wöchentlich zum Deutschlernen - und schätzt den freundschaftlichen Familienanschluss. Er lebt nicht mehr in der Asylbewerberunterkunft, sondern in einem Zimmer in Wassenberg zur Miete. "Ich fühle mich wohl und möchte hier in Wassenberg bleiben", sagt er.

Trotzdem bin ich sehr traurig, dass ich wahrscheinlich nie mehr meine Heimat besuchen kann. Mein Traum ist es, in meinem Beruf arbeiten zu können und auf eigenen Füßen zu stehen. Meine Zeugnisse und meine Bescheinigungen als Bachelor wurden bereits von der Kultusministerkonferenz anerkannt.

In Kürze begleitet Frajo Beckers den Asylanten zu einer speziellen Berufsberatung für Flüchtlinge ins Jobcenter Aachen. Yonas Araya möchte weiter studieren und seinen Master machen. Gerne würde der studierte Chemiker später in der Industrie oder Forschung arbeiten.

Quelle: RP
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