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Wassenberg
"Nachtfalter" im Wassenberger Bergfried

Wassenberg: "Nachtfalter" im Wassenberger Bergfried
Leseprobe mit Aktion: Die Teilnehmer der Sommerakademie haben Montag und Dienstag in Arbeitsgruppen das Hörspiel konzipiert. Gestern wurde unter Leitung von Ulrich Land (re.) erstmals in verteilten Rollen geübt. FOTO: Ruth Klapproth
Wassenberg. Das altehrwürdige Gemäuer ist zurzeit Hörspielstudio. Bei der Wassenberger Sommerakademie von Bücherkiste und Volkshochschule erarbeiten Teilnehmer unter Leitung von Ulrich Land ein Hörspiel. Die Idee lieferte Hoppers Gemälde. Von Angelika Hahn

Gestern Vormittag im Gruppenraum des Wassenberger Bergfrieds. "Jetzt Aufregung herstellen", weist Regisseur Ulrich Land die Seminarteilnehmer der Wassenberger Sommerakademie an. Sie sollen die Szene eines Hörspiels, das sie in den vergangenen beiden Tagen selbst konzipiert haben, nicht nur lesen, sondern auch in Szene setzen. Auch wenn man das später auf der Hörspiel-CD natürlich nicht sehen kann, gewinne das Spiel dadurch an Atmosphäre und Authentizität der Geräuschkulisse, ist Seminarleiter Ulrich Land überzeugt. Und so liefern sich die Teilnehmer Martin Dalz und Peter Hellerer in dieser ersten "Leseprobe" mit verteilten Rollen ein regelrechtes kleines Handgemenge, auch ein Stuhl kippt. So wie es in einem deutschen Nachtlokal der 50er Jahre, in der das Hörspiel "Nachtfalter" spielt, geschehen sein könnte.

In der dritten Wassenberger Sommerakademie, zu der die Bürgerbücherei "Bücherkiste" Wassenberg gemeinsam mit der Kreis-VHS eingeladen hat, steht nach dem Auftakt vor zwei Jahren, bei dem in einer Schreibwerkstatt jeder Teilnehmer individuelle Texte verfassen konnte, zum zweiten Mal ein gemeinsames Hörspielprojekt auf dem Programm. Nach dem Fantasy-Stück rund um die fliegende Burg Wassenberg im vergangenen Jahr haben sich die Teilnehmer aus Ulrich Lands Vorschlägen diesmal für ein ernst-psychologisierendes Thema entschieden. Anregung bot das weltbekannte Gemälde "Nighthawks" (Nachtschwärmer) des Amerikaners Edward Hopper aus dem Jahr 1942, das vier Personen in einer nächtlichen Bar-Atmosphäre in New York darstellt - ein Sinnbild für Kälte und Einsamkeit.

Für ihr Hörspiel haben die sechs Workshop-Teilnehmer im Alter von 16 bis 73 Jahren die Typen auf dem Bild leicht verändert, ins Nachkriegsdeutschland versetzt und noch zwei zusätzliche Barbesucher hinzuerfunden: ein junges aus ihrem Wassenberger Elternhaus geflohenes Mädchen und eine ältere Frau, Flüchtling aus Ostpreußen - dargestellt von Ulla Kurzweg (73) "nebenbei" Vorsitzende der Bücherkiste, und der 16-jährigen Ratheimer Realschülerin Eva Brudermanns, die zum ersten Mal mitmacht, aber schon über literarische Erfahrungen als Internet-Autorin verfügt. Verena Jeschke, im "normalen" Leben Industriekauffrau, hat aus Hoppers Barkeeper eine Barkeeperin geschaffen, die ähnliche Einsamkeit offenbart wie die anderen Nachtschwärmer. Das gilt für die von Irmgard Stieding verkörperte ungewollt schwangere Barbesucherin ebenso wie für den unsympathischen Schürzenjäger (Martin Dalz). Sechster Barbesucher ist Peter Hellerer, als Aachener einziger Nicht-Wassenberger unter den Teilnehmern, der, eigentlich IT-Experte, beim ersten Hörspielprojekt im vergangenen Jahr eine neue Welt für sich entdeckte: "Ich durfte Heinrich Heine darstellen."

Ulrich Land hat gestern erstmals seine kompakt-handliche digitale Aufnahmeeinheit mitgebracht. Am Ende wird er gemeinsam mit Martin Dalz, selbst Hobby-Aufnahmetechniker mit einiger Erfahrung, die Aufnahmen am Computer CD-gerecht professionell bearbeiten. Schriftsteller, Regisseur und Uni-Dozent Ulrich Land ist als Autor von rund 40 Hörspielen für Rundfunkanstalten die Arbeit mit Profis gewohnt, gleichwohl reizt ihn auch der Kontakt zu Studenten und Laien wie im aktuellen Projekt. "Sie bringen die geballte Alltagserfahrung unterschiedlicher Generationen ein."

Mitorganisatorin Irmgard Stieding erinnert an den ersten Kontakt zu Ulrich Land, der 2011 im Rahmen der "Criminale" in Wassenberg aus einem seiner Krimis las. Daraus wurde eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit etlichen Lesungen bei der Bücherkiste und seit 2015 dem Engagement bei der einwöchigen Sommerakademie.

Quelle: RP
 
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