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Serie 120 Jahre Heimatverein Wassenberg (teil Ii)
Über "Kirche, Burg, Mühle und Schlot"

Serie 120 Jahre Heimatverein Wassenberg (teil Ii): Über "Kirche, Burg, Mühle und Schlot"
Wassenberg - Luftkurort und Industriestadt. Viele Jahre prägte die Webereifabrik Krahnen & Gobbers die Oberstadt. Kontrapunkt zur Mittelaltergeschichte der Unterstadt mit Burg und Stadtmauer. FOTO: Archiv des Heimatvereins
Erkelenz. Mit seinem Gründungsjahr 1897 ist der Heimatverein Wassenberg die älteste Gemeinschaft dieser Art im Kreis. Die Initiative geht auf "Honoratioren" der Stadt und den jüdischen Kaufmann Simon Heumann zurück, dessen Name später verschwand. Von Willi Spichartz

WASSENBERG "Wassenberg ist schöner geworden." Mit dieser Feststellung bei der Eröffnung der Ausstellung zum 120-jährigen Bestehen des Heimatvereins Wassenberg, machte dessen Vorsitzender Sepp Becker deutlich, dass die als "Verschönerungsverein" 1897 gegründete Gemeinschaft Erfolg in dieser Hinsicht hat. Auch wenn er seit langem "Heimatverein" heißt. Mit seinem Gründungsjahr 1897 ist der Heimatverein Wassenberg die älteste Gemeinschaft dieser Art im Kreis.

Er war dennoch nicht die erste Vereinigung in Wassenberg mit gleicher Zielsetzung. Im Jahr 1829 hatte der Zoll- und Steuerrat Carl Hammers - das Rheinland gehörte seit 13 Jahren zum Königreich Preußen - eine "Wassenberg-Gesellschaft" ins Leben gerufen, die sich, wie der gebürtige Wassenberger Professor Dr. Heribert Heinrichs ermittelte, im Stil eines Heimatvereins für die Förderung des Orts allgemein einsetzen wollte. Die Gesellschaft wollte darüber hinaus örtlich "die Sitten und Gebräuche" wiederbeleben, wie sie vor der Zugehörigkeit des Rheinlands zu Frankreich von 1794 bis 1815 üblich gewesen waren.

Hammers verließ jedoch die Dienststelle Wassenberg, die Gesellschaft ging ein. Im Frühjahr 1897 waren es die Honoratioren Wassenbergs, die sich auf Initiative des jüdischen Kaufmanns Simon Heumann zusammenfanden und den "Verschönerungsverein" gründeten. Der Name des Initiators wurde im zunehmenden Antisemitismus in den Hintergrund gedrängt, Bürgermeister Nikolaus Beckers beanspruchte die zündende Idee für sich. Mit dabei waren Burgbesitzer Oskar von Forckenbeck, Apotheker Karl Kofferath, Arzt Dr.

Postkartenidylle: Wassenbergs Gartenanlagen und Gastronomie wurden schon in früheren Jahrzehnten werbewirksam präsentiert. FOTO: Archiv des Heimatvereins

Wilhelm Küsters, Gastwirt Max Graab, dazu weitere Kaufleute und auch Unternehmen. Im Gespräch mit der RP weist Sepp Becker auf eine gesellschaftliche Veränderung seit dem Journal 1897 hin: Verzeichnet sind dort zwei Frauen unter den Gründungsmitgliedern, die aber über ihre Männer eingetragen wurden, so "Witwe Hubert Schmitz", Frau Schmitz war also namenlos, bei der Heirat fiel neben ihrem Nach- auch der Vorname einfach weg.

Bis diese und andere Ungleichbehandlungen per Gesetz und Verfassungsgericht aufgehoben wurden, dauerte es noch. Notar Wilhelm Weisweiler verließ den Verein bereits 1898 wieder, legte aber eine intensive, kenntnisreiche Beschreibung als Zeitaufnahme vor, die der Heimatverein heute auf die erste Seite seiner Homepage gestellt hat, garniert mit einer Reihe von Bildern aus seinem Archiv. Weisweiler betrachtet die Region zunächst von der Rur und deren Quelle aus, der Fluss, immerhin so groß, dass er bei Überschwemmungen oder Dürre seine Umgebung kräftig beeinflussen konnte: "Hier ist's, kurz vor der Mündung, wo die Hügelkette des rechten Ufers ganz besonders malerisch hervortritt.

Vom Roerthale aus langsam aufsteigend, lehnt sich an einen der höchsten in das Thal etwas vorspringenden 'burg und stedl in Wassenberg'". Weiter schwärmt der Jurist vom Areal zwischen Burg- und Wingertsberg: "Zwischen beiden Hügeln liegt der Ort. Roth und blau lugen die Dächer, weiß die spitzen Giebel der Häuser aus dem Grün der Gärten hervor. Hinter alledem und darüber hinaus ragt ein schlanker, noch neuer Fabrikschlot, dem eine dunkle Rauchsäule entsteigt.

" Im Hinblick auf die von ihm definierten "vier Wahrzeichen Wassenbergs: Kirche, Burg, Mühle, Schlot" macht Weisweiler soziologisch "vier Stände" aus: "Im Sturme der Zeit verfallen, nicht untergegangen, doch im Zeichen des Niederganges und der früheren Bedeutung entrückt, die Burgruine des Adels, dem die Mühle, das Heim des einst wohlgesessenen Bürgerthums, im Verfalle fast gleichkommt; zwischen beiden doch sie und die Jahrhunderte mächtig überragend, die Kirche, die Werkstatt des geistlichen Standes; hinter allem aber ein Bild des jüngsten vierten Standes, schlank und frisch sich emporringend: der erwähnte neue Fabrikschlot.

" Wassenberg in der Zeitenwende, ahnt der Notar, das Industriezeitalter löst die alte Ständeordnung auf. Die gesellschaftliche Veränderung greift Raum. Durch alle folgenden Gesellschaftssysteme bis heute hält der Verein an seinem "Zweck", der "Verschönerung" Wassenbergs, fest. Dass das Objekt des Vereinszwecks, die Kommune Wassenberg, das als gelungen betrachtet, beleuchtet der Umstand, dass alle fünf Ehrenbürger der Stadt dem Heimatverein entstammen: Ludwig Essers (1915- 1996) wurde die Würde 1985 verliehen; Professor Heribert Heinrichs (1922-2004) war Ehrenbürger seit 1998; Hanns Heidemanns (1927- 2012) wurde 2003 zum Ehrenbürger ernannt.

Der Birgelener Ortschronist Franz-Josef Breuer (geb. 1931) ist seit 2011 Ehrenbürger der Stadt. Dem aktuellen Heimatvereinsvorsitzenden Sepp Becker (geb. 1944) wurde 2014 die Ehrenbürgerwürde verliehen.

Quelle: RP
 
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