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Wassenberg
Umgang mit dem Tod hilft, bewusst zu leben

Wassenberg: Umgang mit dem Tod hilft, bewusst zu leben
Ein Gemälde (vorn) im Haus des Hospizdienstes "Regenbogen" weitet den Blick zur Hoffnung im Umgang mit Leben und Tod. Beim Gespräch über ihre Erfahrungen: Gilbert George, Christine Kind, Elke Moll-Joachims und Susanne Hoeren (v.l.). FOTO: Jürgen Laaser
Wassenberg. Sterbende zu begleiten verändert Menschen: Erlebnisse, Erfahrungen, Gedanken und Gefühle von Ehrenamtlern des Hospizdienstes. Von Angelika Hahn

Seit rund zehn Jahren engagieren sich Elke Moll-Joachims (56) und Gilbert George (68) ehrenamtlich als Begleiter sterbender Menschen und Angehöriger in der Trauerphase. Warum, so fragen viele Außenstehende, tun sich Menschen diesen engen Umgang mit dem Sterben und Tod Fremder an? Beim Gespräch im Haus des Ökumenischen ambulanten Hospizdienstes "Regenbogen" sprechen die Erzieherin und frühere Leiterin des Katholischen Kindergartens Myhl und der pensionierte Verwaltungsangestellte und Polizeibeamte über die Motivation für ihren Einsatz und darüber, was sie in den Familien Sterbender bewegt und wie sie sich selbst durch den Umgang mit Sterben und Tod verändert haben.

Beide berichten von Schlüsselerlebnissen, die sie in ihr Ehrenamt führten. Elke Moll-Joachims erlebte den Tod zweier Kindergartenkinder: Eines war ertrunken, ein anderes starb an einer schweren Krankheit. "In diesen Situationen merkte ich, ebenso wie bei Todesfällen im persönlichen Umfeld, dass ich nicht das nötige Rüstzeug hatte, damit umzugehen." In diesem unbefriedigenden Gefühl wandte sie sich an Susanne Hoeren, Koordinatorin von "Regenbogen". Kurz zuvor hatte sie von der Hospizinitiative und ihren Anliegen in der Zeitung gelesen. Und genau das, was Regenbogen in seinen Seminaren den Begleitern vermittelt, wollte sie sich aneignen: Menschen dabei eine Stütze zu sein, Sterben und Tod anzunehmen, so dass die letzten Stunden würde- und friedvoll verlaufen.

Gilbert George, vierfacher Vater, erlebte beim Sterben seines an einer fortschreitenden Muskelerkrankung leidenden Sohnes, wie er sich "mit dem Thema Tod alleingelassen" fühlte. "Wir erlebten damals einen unbefriedigenden Prozess des Sterbens im Krankenhaus." Ähnlich wie seine Kollegin, empfand er die Hospizinitiative als willkommene Anlaufstelle, seine Ängste und Unsicherheiten im Umgang mit Sterben und Tod zur Sprache zu bringen. Die Seminare halfen beiden Ehrenamtlichen, auch selbst ihr Verhältnis zu Sterben und Tod zu klären - was später dann durch die Begegnung mit Sterbenden, deren Familien und Menschen in Trauer noch intensiviert wurde. Keine einzige dieser "Beziehungen" möchten beide heute missen.

Wie verstehen die Ehrenamtler ihre Rolle? Sinnvoll sei, dass die Begleiter eher im Hintergrund bleiben, erfahren wir. "Wichtig sind die Angehörigen, die wollen wir unterstützen", sagt die sechsfache Mutter Moll-Joachims. Die Begleiter geben Anregungen, spüren oft aus ihrer Erfahrung, was der Situation angemessen ist: etwa die Sterbenden zu berühren, mit ihnen zu sprechen - auch wenn unklar bleibt, was noch wahrgenommen wird. "Sagen Sie, was Sie empfinden, sagen Sie Danke oder, falls die Worte fehlen, sprechen Sie ein Gebet", auch solche Hinweise gibt es.

"Vielfach ist es wichtig, Angehörigen ihre Ängste zu nehmen", weiß Koordinatorin Susanne Hoeren, "ihnen zu sagen: Es ist normal, wenn Sterbende unregelmäßig atmen, mit weit geöffnetem Mund daliegen, sich phasenweise aufbäumen, Essen und Trinken verweigern." Auch die Begleitung beim Loslassen ist wichtig. Sterbende spürten, wenn Angehörige sie nicht gehen lassen wollen, sind Hoeren und ihre Kollegin Christine Kind überzeugt. Hoeren: " ,Geben Sie die Erlaubnis, gehen zu können' - so sagen wir oft zu Angehörigen." Und dann erlebe man immer wieder das für alle Seiten beruhigende Gefühl, dass friedvolles Sterben gelingt.

In Bezug auf den Sterbenden versuchen die Begleiter zu ertasten, ob es unerfüllte Wünsche gibt oder Probleme, die noch gelöst werden können. Auch die Versöhnung etwa mit dem distanzierten Sohn am Sterbebett ist durchaus nicht nur ein Filmklischee.

Gilbert George bekennt, "oft ganz tief involviert" zu sein, manchmal auch zu sehr, obwohl eine gewisse Distanz des Begleiters zum Geschehen hilfreich und sinnvoll sei. "Mitgefühl ist gut - Mitleiden schlecht", wissen die Ehrenamtler. Abstand und eigenes Verarbeiten erleichtern Gespräche mit den Koordinatorinnen und der regelmäßige Austausch in den Ehrenamtler-Treffen.

Das Ehrenamt zwingt zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod. Verliert das Tabuthema Sterben dadurch seinen Schrecken? Nicht ganz, sagt Gilbert George ehrlich. Und doch: "Sich der Begrenztheit des Lebens bewusst zu sein, erleichtert es, seine Lebenzeit bewusst zu nutzen." Und dazu gehört für ihn auch, Schönes um so intensiver zu erleben und zu genießen - etwa einen Sonnentag oder die Natur.

Ähnlich sieht es Elke Moll-Joachims: "Viele private Belange wiegen plötzlich viel weniger schwer, wenn ich von einer Sterbebegleitung zurück nach Hause komme. Ich empfinde das Leben dann sehr viel intensiver."

Quelle: RP
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