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Wassenberg
Weberei zeigt früh soziale Verantwortung

Wassenberg: Weberei zeigt früh soziale Verantwortung
Mit repräsentativ herrschaftlicher Fassade: die Weberei in der Wassenberger Oberstadt um 1904.
Wassenberg. Ausbeutung und Hungerlöhne prägten die Industrialisierung. Krahnen & Gobbers aber sorgte für Wohnungen und eine Unterstützungskasse. Von Willi Spichartz

Die "soziale Frage", die "Arbeiterfrage", kam im 19. Jahrhundert auf die Agenda der Gesellschaften der sich wirtschaftlich entwickelnden Nationalstaaten vor allem in Europa und Nordamerika. Massengüterproduktionen benötigten immer größere Zahlen von Arbeitern, die, entwurzelt ihrem sozialen Herkunftsumfeld, 80 Stunden die Woche für geringen Lohn schuften mussten. Die Arbeiterbewegung nahm ihren Anfang, Preußen/Deutsches Reich sahen sich herausgefordert, Unternehmer reagierten, so in Wassenberg die Großweberei Krahnen & Gobbers - wie, das ist noch an diesem Wochenende in der Ausstellung Bergfried der Burg zu sehen.

Blick in den Jacquard-Webereisaal der unteren Fabrik von Krahnen & Gobbers. Das Werk mit seinen vielen Arbeitsplätzen prägte die Sozialgeschichte Wassenbergs ab dem Ende der 19. Jahrhunderts. FOTO: Archiv des Heimatvereins Wassenberg

Krahnen & Gobbers (KG) waren aus Krefeld nach Wassenberg gekommen (RP berichtete). Wenn auch die beiden Fabrikgebäude des Unternehmens bereits lange abgerissen sind, zeigt sich im Stadtbild Wassenbergs eine der sozialen Errungenschaften der Firma: Neben dem Gebäude der Gaststätte Alt Holland eine ganze Reihe von Wohnhäusern, die für die Beschäftigten errichtet worden waren. Am Stern und in der Kirchstraße wurde zwischen 1904 und 1906 eine "Kolonie" von 26 Arbeiter- und sieben Angestelltenwohnungen errichtet, ebenso das Postgebäude an der heutigen Kirchstraße 28.

Amortisation und Verzinsung des eingesetzten Kapitals wurden zu zwei Dritteln vom Unternehmen und zu einem Drittel von den Mietern getragen. In den nächsten Jahren wurden einige Mehrfamilienhäuser gebaut, 1929 dann sieben Heidehof-Häuser, die ob ihrer Architektur und Gartengestaltung höchste Anerkennung fanden. Für 1950 listete das Unternehmen einen Bestand von 76 Werkswohnungen auf. Johan Gielen und Bernd Serode fanden für den Heimatverein Wassenberg und die Ausstellung auch die Existenz einer Unterstützungs- und Invalidenkasse für die Mitarbeiter heraus, die bereits 1896 in Kraft trat zur "Belohnung für treue Anhänglichkeit der in der Wassenberger Fabrik beschäftigten Arbeiter". Demnach erhielt jeder Arbeiter am 1. Juni jeden Jahres je verdiente 100 Mark eine Gutschrift von fünf Mark vom Unternehmen, sie wurden darüber hinaus mit vier Prozent verzinst. Nach 40 Jahren hatten die Mitarbeiter dann jeweils 4000 Mark - eine stattliche Summe für die damalige Zeit.

Obere Fabrik - heute Bereich der Seniorensiedlung Gladbacher Straße.

Daraus wurden Unterstützungen gewährt für die Militärzeit, bei Heirat, bei andauernder Krankheit, bei gänzlicher oder teilweiser Invalidität, bei andauernder Arbeitslosigkeit und als Altersrente. Ein Soldat konnte beispielsweise monatlich bis zu vier Mark aus Wassenberg nachgesandt bekommen.

Ein Periodikum namens "Praktische Sozialpolitiker - aus allen Ständen, vom Throne bis zur Werkstätte, vom Palast bis zur Hütte, mit gütiger Förderung fürstlicher Persönlichkeiten" aus Köln würdigte 1904 diese KG-Einrichtung auf mehreren Seiten mit allen Details.

Beispielhaft für ihre Zeit: Arbeiterhäuser "Am Stern".

Aufgelistet wurde dort auch die weitere KG-Stiftung von 50.000 Mark, deren Zinsen bedürftigen Angestellten und Arbeitern oder deren Hinterbliebenen zugutekommen sollte. Darüber hinaus eine betriebliche "Schule für weibliche Handarbeiten" und eine "Gesangschule". Im Betrieb wurden moderne Sanitäreinrichtungen für die Mitarbeiter geschaffen. Der "Praktische Sozialpolitiker" stellte auch heraus, dass in der zweiten KG-Fabrik 1904 alle Webstühle mit eigenen Elektromotoren ausgerüstet seien, die die Arbeitsplätze unfallsicherer machten.

Ein soziales Feld sind natürlich auch immer die Löhne und die Arbeitsbedingungen, trotz aller Errungenschaften ging es in Wassenberg nicht ohne Streik ab.

Zahlte KG in den ersten Jahren den Arbeitern einen Stundenlohn von 17 Pfennigen, wollten 1899 die Mitarbeiter eine Steigerung um 15 Prozent. KG gewährte nur zehn Prozent, setzte dafür aber die tägliche Arbeitszeit von elf auf zehn Stunden herunter.

Und heute? Laut Frankfurter Allgemeine Zeitung verdienten Textilarbeiter 2013 im ostasiatischen Bangladesch, wo Kleidung für Europa hergestellt wird, 28 Euro im Monat. Der "Stern" schrieb 2014, dass in der Regel zehn bis 12 Stunden geschuftet wird, also fast 200 Stunden im Monat - und das 115 Jahre nach dem Streik bei Kranen & Gobbers in Wassenberg.

Quelle: RP
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