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Erinnerungen Von Karl Lieck
Weihnachtsmesse im Kindergarten

Erkelenz. Wassenberg Die Wunden, die der schreckliche Zweite Weltkrieg geschlagen hatte, waren im Herbst 1945 längst noch nicht verheilt: Wenn auch die meisten Wassenberger inzwischen aus der Evakuierung in ihre Heimat zurückkehren konnten, so lebten sie doch in großer Not: Kampf ums tägliche Brot - zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben. Offiziell sollte jede Person 1500 Kalorien erhalten. In Wirklichkeit mussten aber weniger als 1000 Kalorien reichen. Nur Bergleute und andere schwer körperlich Arbeitende erhielten Sonderrationen.

So war das Überleben vor allem für Familien schwer, wo der Vater noch in der Kriegsgefangenschaft war oder gar gefallen war. Immer noch trafen Todesnachrichten ein von Soldaten, die in den letzten Monaten des Krieges noch ihr Leben lassen mussten. Viele Wassenberger konnten bei der Rückkehr nicht in ihr eigenes Haus, so etwa die Familie meines Spielkameraden Peter Adams, als sie in der Weihnachtszeit 1945 heimkehrte, weil es von anderen bewohnt war, deren eigenes Haus von britischen Soldaten belegt war. Auch viele Zivilpersonen kamen zum Beispiel durch Minen ums Leben, vor allem Kinder. Meine Tante Luise aus Mönchengladbach, die die Bombenangriffe dort überlebt hatte, zählte dazu. Sie trat beim Spazieren im Hardter Wald auf eine Mine.

Nur im Schwarzhandel bekam man fast alles (Mein Vater fuhr z.B. mit dem Zug bis nach Niederbayern, um dort Zucker gegen Speck oder Getreide einzutauschen). Der Schwarzhandel war natürlich verboten, aber es interessierte kaum jemanden. Allmählich begann so etwas wie Normalität: Im Haus der Polizeiwache (heute Graf-Gerhrad-Straße), neben der Bäckerei Theo Schmitz arbeitete wieder die Gemeindeverwaltung mit zwei bis drei Leuten, in der Villa Schorn (Erkelenzer Straße) war die Kreis-Kriminalpolizei tätig. Die Volksschule hatte ihren Betrieb noch nicht aufgenommen - zur Freude der Kinder.

Im Herbst 1945 begann in Nürnberg der Prozess gegen Kriegsverbrecher wie Hermann Göring. Oft hörte ich Berichte im Radio darüber. Das Interesse daran war in meiner Umgebung sehr gering. Niemand wollte etwas vom Krieg hören.

Im Radio hörte ich über das Durchgangslager Friedland, wo jeden Tag tausende Flüchtlinge aus den ehemals deutschen Ostgebieten eintrafen. Die Flüchtlinge wurden von der Bevölkerung als Belastung gesehen, wohl auch, weil die Wohnungsnot groß war.

Mich - damals 14 Jahre alt - beeindruckten sehr die täglichen Suchmeldungen des DRK am späten Abend im Rundfunk. Hunderttausende Kinder verloren bei der chaotischen Flucht ihre Eltern.

Für viele Menschen war der christliche Glaube in dieser Zeit Hilfe und Trost. Wir, die Wassenberger Oberstädter, gehörten damals noch zur Pfarre St. Georg. Da die Georgsbasilika jedoch im Januar 1945 bei Bombenangriffen zerstört wurde, fanden schon bald nach Kriegsende die ersten Messen im Jugendheim am Stiftsplatz statt und später im Saal der ehemaligen Tapetenfabrik - im Kriege als Lager für russische Gefangene genutzt.

Ich erinnere mich, dass Pfarrer Baer die Messen zelebrierte und der spätere Ehrenbürger Hanns Heidemanns die Kirchenlieder auf dem Klavier begleitete. Diese Notkirche war bei den Gottesdiensten total überfüllt. Deshalb und wohl auch, weil der Weg zur Unterstadt wegen der Zerstörung der Bahnbrücken sehr beschwerlich war, feierte Kaplan Hecker ab August 1945 im Kindergarten Nordstraße mit den Katholiken der Oberstadt die Messe.

Den evangelischen Christen Wassenbergs ging es nicht besser. Die Hofkirche wurde gegen Ende des Krieges durch Granaten fast vollständig zerstört. Erst 1951 konnten hier wieder Gottesdienste gefeiert werden. So musste die evangelische Gemeinde im Pfarrhaus auf der Kirchstraße ihre Gottesdienste abhalten. Pfarrer Benz, Wassenberger Pfarrer von 1938 bis 1954, kehrte erst im September 1945 aus der Kriegsgefangenschaft zurück.

Das Weihnachtsfest 1945 - das erste nach dem Kriege - rückte näher. In der Abenddämmerung des 24. Dezember ging mein Vater in den nahen Wald, um einen Tannenbaum zu holen. Das tat er seit Jahren so. Auch das Aufstellen und Schmücken war seine Aufgabe. Währenddessen blieb die "gute Stube" für uns Kinder verschlossen. Wir mussten schon früh zu Bett, denn um fünf Uhr morgens begann die Christmette. Es war bitterkalt, als wir zum Kindergarten gingen, der als Notkirche hergerichtet war.

Dicht gedrängt standen die Menschen im Kindergartenraum und im Eingangsbereich bis fast an den einfachen Holztisch, der als Altar diente. Dann feierte Kaplan Hecker mit uns die Christmette. Ich weiß noch, dass für die vielen Kriegstoten und Vermissten - wie in jeder Messe - besonders gebetet wurde. Die Weihnachtslieder begleitete Theo Ross auf seinem Harmonium. Zum Abschluss spielte Kaplan Hecker auf der Geige das Weihnachtslied " Stille Nacht, heilige Nacht".

Nach der Christmette war zu Hause die Bescherung. Viel gab es für uns Kinder nicht. Ich freute mich über neue Holzschuhe, meine Schwester Luise bekam einen gebrauchten Handarbeitskasten und mein Bruder Leo ein Paar alte Schlittschuhe. Milch hatte ich vor den Festtagen bei einem Bauern in der Unterstadt geholt. Vater hatte Butter und Zucker auf dem "Schwarzen Markt" besorgt. Aus diesen Zutaten stellte Mutter "Karamellbonbons" her. So bekamen wir Kinder einen "Teller Lecker", auf dem noch Kastanien lagen, die wir im Judenbruch gesammelt hatten, sowie Äpfel aus unserem Garten.

Am zweiten Weihnachtstag gingen wir zur Messe durch das Judenbruch zur schönen, stimmungsvollen Kapelle des Marienklosters.

Die schöne Weihnachtszeit 1945 endete mit einem besonderen Höhepunkt: Wir Kinder durften den Weihnachtsbaum plündern und die süßen Plätzchen, mit denen der Baum geschmückt war, aufessen.

Quelle: RP
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