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Wassenberg
Wirbelsäule steht für "Würde des Seins"

Wassenberg. Im Bergfried beteiligte sich Wiltrud Laser-Mauder an der Aktion "Pillars of Freedom". Gedenken an Pogromnacht. Von Michael Moser

Der Anstoß zum weltweiten Projekt "Pillars of Freedom" ("Säule der Freiheit") kam vom Hobby-Bildhauer Alfred Mevissen aus Alsdorf. Er wollte möglichst viele Künstler erreichen, die sich auf der ganzen Welt an diesem Projekt beteiligen und eine Skulptur erschaffen die für Freiheit, Toleranz und Hilfsbereitschaft steht. Über 90 Künstler aus 18 Ländern engagierten sich dann, so dass insgesamt 112 Säulen entstanden. Zu diesen Künstlern gehört auch die gebürtige Wassenbergerin und Grafikerin Wiltrud Laser- Mader.

Seit dem 9. November, dem Jahrestag der Reichspogromnacht, stellt sie ihre Säule des Friedens im Bergfried aus. Zur Enthüllung waren zahlreiche Interessierte erschienen, um sich das Projekt und weitere Objekte von der Künstlerin erläutern zu lassen. Laser-Mauder präsentierte den Besuchern eine Abstraktion der menschlichen Wirbelsäule, die den Titel "Die Würde des Seins" trägt. "Die Wirbelsäule ist geerdet in einer Wurzel. Sie steht aufrecht da und zeigt Verbrennungsspuren. Für mich steht sie für ein gesundes Selbstwertgefühl", erläuterte die Künstlerin. Der Rücken bestimme das Leben. Die gerade Haltung lässt den Menschen freier durchatmen und steht für eine körperliche wie auch geistige Beweglichkeit: "Wir sind alle geprägt von Begebenheiten in unserem Leben, und wir alle haben hier und da schon mal Unterstützung und Hilfe bekommen", sagte Laser-Mauder. Sie stelle sich die Frage, wie es um unser Selbstwertgefühl stehe.

Bezugnehmend auf das historische Datum verwies sie auf ein von ihr gemaltes Bild, das Oskar Schindler zeigt, der in den Kriegsjahren vielen Juden das Leben gerettet hatte: "Oskar Schindler gab sein eigenes Selbstwertgefühl die Kraft, anderen Menschen in extremer Not zu helfen." Neben der Friedenssäule stellt die Künstlerin auch noch zwei Bronzestatuen aus. Eine trägt den Titel "Mann und Frau" und soll für die Liebe stehen. Das Projekt "Menschenbrücke" steht für Gleichheit, Toleranz, Nächstenliebe und Nächstenhilfe.

Zur Eröffnung der Ausstellung sprach Sepp Becker, Vorsitzender des Heimatvereins. Er ging auf das Datum 9. November ein und schilderte das Leben jüdischer Mitbürger in Wassenberg: "Bei allen Schwierigkeiten und Verfolgungen, die leider stattfanden, gab es in Wassenberg auch Menschen, die bereit waren zu helfen und damit Nächstenliebe praktizierten."

Als Zeitzeuge war Karl Lieck, Wassenberger Heimatautor und Sänger, anwesend. Er schilderte Teile seiner Erinnerungen: "Ich war damals in der ersten Klasse, und wir sind mit unserer Lehrerin morgens zur Synagoge gegangen, die in der Nacht zuvor niedergebrannt worden war, und ich erinnere mich noch genau an diesen Gestank und die rauchenden Holzbretter." Es habe unter den Kindern ein gewisses Unverständnis geherrscht, das erst später dem Erkennen der Wahrheit wich. Anschließend trug Lieck sein selbst verfasstes Gedicht "Brandstifter" vor. Auch in der Betty-Reis-Gesamtschule ist das Thema "Reichspogromnacht" in einigen Klassen behandelt worden. Stellvertretend für die Schüler verlas einer von ihnen ebenfalls ein Gedicht, das auf die Namensgeberin, die im KZ Bergen-Belsen ermordete Wassenberger Jüdin Betty Reis bezogen war.

Die Ausstellung im Bergfried ist bis 17. Dezember jeweils sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Weitere Termine sind nach Absprache möglich.

Quelle: RP
 
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