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Wassenberg
Zeichen setzen - mit Milch vom Hof

Wassenberg: Zeichen setzen - mit Milch vom Hof
Landwirt Karl-Theo Gerighausen (Mitte), sein Vermarktungspartner Max Esser (l.) von der gleichnamigen Erkelenzer Firma und Hendrik Gerighausen, der Landwirtschafts-Azubi ist und in die Fußstapfen des Vaters treten will, mit der im Hof abgefüllten Milch. Sie wird unter anderem bei Edeka Esser angeboten. FOTO: Jürgen Laaser
Wassenberg. Die Krise der Milchbauern ist in aller Munde. Selbstvermarktung und Verkauf von regionalen Produkten im Supermarkt aber bilden eine Gegenbewegung zur industriellen Billigproduktion. Zu Gast beim Myhler Milchbauernhof Gerighausen. Von Angelika Hahn

Wenn es um die aktuelle "Milchpolitik" geht - Überproduktion und Preisverfall sorgten für Schlagzeilen - fühlt sich natürlich auch Landwirt Karl-Theo Gerighausen herausgefordert, der in Myhl seit bald drei Jahrzehnten einen Milchviehbetrieb mit heute 90 Kühen betreibt. Und dies aus Leidenschaft, wie er im Gespräch deutlich macht. "Obwohl wir auch sonntags arbeiten und eigentlich nie Ferien machen können."

Die gerade in Berlin ausgehandelte Förderung für die gebeutelten Milchbauern hält er für einen Tropfen auf den heißen Stein. "Das Geld sollte man lieber in die Information für Verbraucher über Milchwirtschaft und die Arbeit in der regionalen Landwirtschaft investieren", meint er. Denn er ist überzeugt, dass Verbraucher durchaus bereit sind, mehr für Milch (und andere landwirtschaftliche Produkte) zu bezahlen, wenn sie über die Produktionsbedingungen der Bauern und die Vorteile kürzerer Wege der Vermarktung informiert sind.

"2013 haben wir uns deshalb entschieden, einen Teil unserer Milch selbst zu vermarkten", berichtet der Landwirt, der schon als 18-Jähriger den Hof der Eltern, damals noch im Nebenerwerb, übernommen hat. Einen Partner fand Gerighausen für die Direktvermarktung in Edeka Esser (Wurst Esser) am Erkelenzer Karolingerring. Der Supermarkt wirbt mit einem breiten Angebot regionaler Lebensmittel, und natürlich betont Max Esser, dass auch die Metzgerei seit langem auf die Bindung an regionale Produzenten Wert legt.

Trotz des Überangebots an industriell produzierter und haltbar gemachter Billigmilch spürt Esser (wie auch andere Supermärkte) eine Gegenbewegung: Das Interesse vieler Kunden an regionalen Produkten zum fairen Preis wächst. " ,Die schmeckt wie Ferien', sagen uns Kunden über die Bauernmilch. Und sie haben recht", sagt Esser.

Dazu gehört aber auch Information, wissen er und Karl-Theo Gerighausen. So hat der Landwirt im Supermarkt schon mehrfach selbst Kunden Rede und Antwort gestanden, ein Foto der Landwirtsfamilie und ein Kurzporträt des Milchhofes informieren dort über den Lieferanten. Da der Hof seit 2014 auch Schulen und Kindergärten der Region mit frischer Vollmilch beliefert, sind auch schon mal Schüler zu Gast auf dem Hof. Und auch Kunden, die den Stall sehen möchten, sind willkommen. Ehefrau Petra Gerighausen erzählt von einem solchen Anruf gerade erst und sagt: "Da sind wir ganz offen."

Kunden erfahren dann, dass der Hof auf genfreies Futter aus der Region setzt (Rapsschrot, Getreide, Mais, Gras, Futterrüben), zum großen Teil auch von eigenen Feldern. "Unsere Milch wird in einem Wasserbad schonend erhitzt, um eventuelle Keime abzutöten. Dadurch behält die Vollmilch ihren natürlichen Milchgeschmack mit all ihren Vitaminen", erläutert der Landwirt. Die Milch sei sieben Tage haltbar. Auch ab Hof verkauft die Landwirtsfamilie in kleinerem Stil.

Rund 15 Prozent beträgt bei Gerighausen derzeit der Anteil der Selbstvermarktung, 50 Prozent strebt die Familie an, die natürlich nicht vollständig auf den Molkereiweg verzichten kann. "Das Feld war ja Neuland für uns, eine Portion Idealismus gehört schon dazu", erzählen Gerighausen und seine ebenfalls aus der Landwirtschaft stammende Frau über die Herausforderung Selbstvermarktung: Abfüllung, Etikettierung, Deklarationen, Dokumentationen, Hygieneauflagen - nur einige Stichworte für bislang ungewohnte Aufgaben, für die das Paar auch einen Fortbildungslehrgang besucht hat. Neue Räume und Anlagen mussten eingerichtet werden. Beim Organisieren der Flaschen half die Firma Esser.

"Glückliche Kühe" sind bei Gerighausen übrigens dauerhaft im Stall und nicht auf grünen Wiesen. Diese Tatsache jenseits üblicher Klischees muss der Landwirt oft erläutern. Beim Blick in die moderne, flexibel durchlüftbare Stallanlage im Myhler Feld mit wärmegedämmtem Dach klärt sich so manches: Die Kühe haben Platz, sich zu bewegen, lagern im Stroh auf Matratzen, steuern selbstständig den Besenautomaten zur "Körperpflege" an und auch den Melkroboter, der zudem automatisch - in Verbindung mit Sensoren am Kuhhalsband - Köperdaten übermittelt und den Landwirt per Handy informiert, wenn irgendetwas nicht stimmt. Die gleichbleibenden Bedingungen in einem solchen Stall bedeuteten für die Tiere, so Gerighausen, weit weniger Stress als Klima- und Futterwechsel bei der Freilandhaltung.

Quelle: RP
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