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Wegberg
Bedeutung der wassergefüllten Gruben

Wegberg: Bedeutung der wassergefüllten Gruben
Am Siemensweg in Wegberg sind noch einige ehemalige Flachsrösten zu sehen. Dieter Göris (v.l.), Georg Wimmers und Heinz Schlömer erklären dort an einer Informationstafel wozu die mit Wasser gefüllten Mulden, wie sie auf Wegberger und Erkelenzer Stadtgebiet noch oft zu entdecken sind, einst dienten. FOTO: Laaser/Foto: Heinz Gerichhausen "Das blaue Wunder der Region Heinsberg"
Wegberg. Fast 200 rechteckige, meist mit Wasser gefüllte Gruben sind im Wegberger Stadtgebiet erhalten. Darin ließen die Bauern früher Flachsbündel anfaulen, damit sich die Fasern besser vom holzigen Kern lösten. Heute dienen sie als Biotope. Von Nicole Peters

Die Herstellung des Leinenstoffes war in früherer Zeit sehr aufwändig - die Menschen waren das ganze Jahr mit unterschiedlichen Arbeiten damit beschäftigt. Georg Wimmers, Vorsitzender des Heimatvereins Beeck, Geschäftsführer Dieter Göris und Vereinsmitglied Heinz Schlömer kennen die einzelnen Handgriffe genau, unterhält der Verein doch das Beecker Flachsmuseum mit einer Vielzahl historischer Gegenstände, die für die Flachsverarbeitung gebraucht wurden. Bei sonntäglichen Führungen sowie Sonderführungen und Veranstaltungen zeigt der Verein diese gerne und demonstriert deren Handhabung.

Die annähernd 200 rechteckigen, meist noch mit Wasser gefüllten Flachsrösten im Wegberger Stadtgebiet sind als historische Zeugen der einstigen Flachsverarbeitung heute noch öffentlich zugänglich. In ihnen ließen die Bauern die Flachsbüschel anfaulen, damit sie die Fasern besser vom holzigen Kern lösen konnten. Der Raum um Erkelenz und Wegberg galt als eines der bedeutendsten Flachsanbaugebiete des Niederrheins, wobei Wegberg ein Zentrum des Anbaus war. Der ehemalige Vereinsvorsitzende Heinz Gerichhausen beschreibt die Hochzeit des Flachanbaus in seinem Buch "Das blaue Wunder der Region Heinsberg" so: "In der Stadt Wegberg rings um Beeck gab es unzählige Gruben (...). Zur Ortschaft Beeck gehörten um 1826 ganze Ansammlungen von Rösten, beispielsweise zwischen Moorshoven und Beeck am Beeckbach 'an de Ruete'. Die alte Katasterkarte zeigt viele Rösten, die wie an einer Perlenkette aufgereiht, in der Niederung lagen."

Neben mehreren, direkt an der Industriestraße hintereinanderliegenden Gruben erläutern Wimmers, Göris und Schlömer bei einem Ortstermin die Einzelheiten des historischen Gebrauchs der Rösten. "Wenn man den Aufschnitt eines Flachshalms nimmt, sieht man die holzige Mitte, um die die Fasern liegen", erzählen sie, "zum Trennen legten die Bauern die Flachsbüschel in die Grube hinein, so dass sie ganz von Wasser bedeckt waren." Zu diesem Zeitpunkt waren bereits die Samenkapseln vom Stängel mithilfe des Riffelbalkens gelöst worden. Acht bis zehn, nach Wetterlage bis zu 14 Tage verweilten sie darin und fingen an zu faulen - ein Vorgang, der mit unangenehmen Gerüchen verbunden war. Die Gruben lagen aus diesem Grund in Randgebieten der Orte, aber nah an den Straßen, damit die Ernte angeliefert werden konnte. Die Büschel trockneten die Menschen dann meist auf den Feldern. "Die Kunst bestand im Anschluss darin, die gewonnen Fasern so zu säubern, dass sie verarbeitet werden konnten", sagt Heinz Schlömer. Zuvor mussten die Menschen die wertvollen Fasern mit der Breche aus dem Halm gewinnen - die Holzteile fielen durch diesen Vorgang ab. Weitere Schritte wie Hecheln (Entfernen der kurzen Flachsfasern und Auskämmen der langen), Spinnen, Haspeln (Abmessen der Garnlänge) und Bleichen des Leinengarns folgten, bevor die Stoffe am Webstuhl gefertigt wurden. "Heute haben die Flachsrösten keine Bedeutung mehr", fügt Wimmers an, "sie dienen aber als wertvolle Biotope." In vielen Fällen sind sie Lebensraum von Insekten, Fröschen und Molchen.

Der Heimatverein Beeck lässt seit vielen Jahren einzelne Schritte der Flachsverarbeitung wieder aufleben. So säen Beecker Grundschüler den Samen aus. Nach der Ernte dient eine Zinkwanne als Flachsröste. Die unterschiedlichen Verarbeitungsschritte vollziehen Schulklassen und Kindergruppen in Seminaren im Flachsmuseum nach und erhalten zum Abschluss ein Flachsdiplom. Oder es werden am Flachstag im September geerntete Samenkörner zur Rickelrather Schrofmühle geschafft, woraus Öl gewonnen wird.

"Um die Jahrhundertwende kam die Baumwolle ins Land, und das bedeutete das Ende der Blütezeit des Flachsanbaus", beschreiben die drei Männer den historischen Werdegang. Ein Einfuhrstopp im Zweiten Weltkrieg habe die Tätigkeit in örtlichen Webereien noch einmal angekurbelt, wobei vor allem Kunststoffe, Seide oder Schafswolle verarbeitet wurden. Heutzutage spiele Leinen wiederum eine große Rolle in der Industrie, erklären sie, es eigne sich gut als Dämmstoff für Gebäude. Dabei zeichnet sich Flachs durch Genügsamkeit aus: Er kommt mit nur einem Fünftel des Wasserbedarfs einer Baumwollpflanze aus. Die Leinenherstellung ist aber aufwändiger - so wie es die Menschen in damaliger Zeit erfahren haben.

Quelle: RP
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