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Serie Pape läuft (Folge 18)
Die Sehne streikt - ab aufs Rad

Serie Pape läuft (Folge 18): Die Sehne streikt - ab aufs Rad
Weil die Achillessehne zwickt, kann Christian Pape zurzeit nicht laufen. Deshalb ist er mit seinem Mountainbike auf den Feldwegen rund um Beeck unterwegs. Wenn nichts mehr hilft, täuscht Pape eine Panne vor. Im "Begleitfahrzeug" wird er von Landwirt Axer dann stilgerecht nach Hause chauffiert. FOTO: Dirk Jansen/manus sinister
Beeck. Weil seine Achillessehne überlastet ist, hält sich Christian Pape mit Fahrradfahren fit.

Lieber Gott, wirf mir eine neue Achillessehne vom Himmel! Meine schmerzt wie Hölle, ist stark gereizt und überbelastet. Vier Monate habe ich wunderbar trainiert. Grundlagenausdauer? Vorhanden. 34 Kilometer schaffe ich inzwischen ohne größere Probleme. Tempo? Wird immer schneller. 10 Kilometer unter 50 Minuten. Mein Hirn suggeriert mir den Eindruck ewiger Jugend. Doch auch ein Hirn kann sich irren. Bei einem lockeren Trainingslauf sticht plötzlich die rechte Achillessehne. Ohne jede Vorwarnung. Als würde jemand von außen einen Nagel in meine Ferse schlagen, damit sie besser hält.

Mein Körper hat mich nun fest im Griff. An echtes Training ist nicht mehr zu denken. Die Zeit, die ich sonst in meinen Laufschuhen verbringe, teile ich jetzt mit meinem Physiotherapeuten Frank Hanswillemenke. Allein die Tatsache, dass ich von "meinem" Physiotherapeuten spreche, zeigt, dass ich ihn im Moment häufiger sehe als meine Familie. Gäbe es in der Physiotherapiepraxis Bonuskarten, ich besäße längst die goldene und hätte als Prämie schon zwei LKW-Ladungen Franzbranntwein kassiert.

Sogar am Sonntagmorgen liege ich mit meinem Kollateralschaden auf der Hanswillemenkeschen Wohnzimmercouch. In der linken Hand hält er das Leberwurstbrötchen, in der rechten Hand meine Achillessehne. Hoffentlich verwechselt er nicht beide Hände und massiert plötzlich das Frühstücksbrötchen, während er mir genüsslich in die Sehne beißt. "Tut das weh?" Mein hysterisches Geschrei lässt die Butter auf der Backware ranzig werden. "Aha, Volltreffer."

Neben Massagen, Spritzen und Stromstößen wird bei mir eine Behandlungsmethode eingesetzt, die sich "Flossing" nennt. Mittels eines Gummibandes werden Knöchel und Wade abgeschnürt und die fließenden Blutströme so lange unterbrochen, bis mein Fuß schließlich blutleer ist. Er fühlt sich dann an wie ein ausgewrungener Putzlappen. Und er sieht auch so aus. Nach drei langen Minuten wird das Band wieder gelöst und der Fuß mit frischem Blut kräftig durchgespült. Ich hege ja den Verdacht, dass diese Behandlung aus dem Bestseller-Roman "Fifty Shades of Grey" stammt. Immerhin wird in diesem auch gerne gefesselt und abgebunden.

Wie sich die Zeiten doch ändern. Wenn wir früher eine Beule am Kopf hatten, hielt Mama ein kaltes Messer darauf und dann hieß es immer: "Messer, Gabel, Schere, Licht, sind für kleine Kinder nicht." Heute, seit "Fifty Shades of Grey", hört man nur noch: "Kabelbinder, Tesa, Seil, finden plötzlich alle geil!" Das Wartezimmer der Physiotherapiepraxis sehe ich inzwischen auch mit ganz anderen Augen. Warum steht dort ein stacheliger Kaktus auf der Fensterbank und was sollen die vielen Kerzen? "Mit Flossing hat man die Wade von Jerome Boateng bei der Fußball-EM wieder hinbekommen", macht mir mein Therapeut Mut. Ein Lichtblick. Aber wurde unser Vorzeige-Innenverteidiger nicht später mit einem Muskelbündelriss im Oberschenkel ausgewechselt? Auch nicht viel besser. Durch meine Verletzung belaste ich das gesunde Bein stärker. Es zwickt und zwackt. Mist! Wahrscheinlich habe ich nicht nur Boateng, sondern auch noch Poldi und Khedira!

Warum gerade jetzt? Es hilft nichts. Ich muss meinen Körper verstehen und das strikte Laufverbot befolgen. Der Trainingsplan ist nicht mehr einzuhalten. Alternativ geht es nun aufs Rad. Sehne und Ferse werden entlastet, Muskelgruppen, die sich durch das Laufen verkürzen, werden gedehnt. Wie gut, dass ich neulich ein Mountainbike auf dem Sperrmüll gefunden habe. Wahnsinn, was die Leute alles wegwerfen. Ich muss wohl sagen, es war ein merkwürdiger Sperrmüll. Vor dem Haus stand weit und breit nichts, außer dem Fahrrad. Und das Rad ging auch noch unheimlich schwer von der Laterne. Wegen der dicken Kette. Zur Aufmunterung haben mir meine Kumpels ein Radtrikot in der Farbe Magenta geschenkt. Lieb gemeint. Aber ganz ehrlich, auf den Feldwegen rund um mein Heimatdorf Beeck bin ich mit dem Trikot vom "Team Telekom" irgendwie falsch gekleidet. Besser würde "Team Funkloch" passen.

Egal. Ich zwänge mich in die leuchtende Wurstpelle und trete kräftig in die Pedalen. Um jedoch auf dem Rad den identischen Energieverbrauch zu erzielen wie beim Laufen, muss man ungefähr viermal so viele Kilometer fahren. Das heißt, wenn ich einen 30-Kilometer-Lauf durch Radtraining ersetzen möchte, gilt es, 120 Kilometer zurücklegen. Ich versuche, mich nicht unter Druck zu setzen und die Zeit auf dem Sattel einfach zu genießen. Die Landschaft fliegt an mir vorbei. Keuchend kämpfe ich mich eine Anhöhe hoch. Ich hole mir die volle Sauerstoffdusche. Sonnencreme und Schweiß laufen mir in die Augen. Und dann kommen mir die Tränen: Ein älterer Herr mit schüttergrauem Haar und einem triumphierenden Grinsen im Gesicht überholt mich locker auf seinem Rad. Ich erhöhe meine Trittfrequenz, setze mich in den Windschatten des Rentners. Meine Waden bersten, die Oberschenkel zittern. Das darf doch nicht wahr sein. Der Abstand wird immer größer! Warum tritt der alte Mann nur so unangestrengt? Dann vernehme ich dieses verräterische Surren. Der Pseudosportler saust davon und ist kurze Zeit später nur noch als stecknadelgroßer grauer Punkt am Horizont zu erkennen. Auf einem Elektro-Fahrrad!

Pah! Meine Lungenflügel rasseln. Und sie dürfen das. Schließlich treibe ich mein Rad mit purer Muskelkraft an, nicht mit einem Elektromotor. Ich öffne den Mund und japse nach Luft. Beim Laufen verirren sich schon mal entgegenkommende Fliegen auf der Zunge, beim schnellen Radfahren klatschen sie ungebremst gegen mein Rachenzäpfchen. In kürzester Zeit weiß ich, wie alle heimischen Insektenarten schmecken.

Nach 30 Kilometern fühlen sich meine Beine an wie Toastbrot. Nicht schwächeln, weiter! Rasant geht es über einen Radfahrweg. Baumwurzeln haben die Pflastersteine angehoben. Mein Rad holpert und hüpft unter meinem Po und knallt immer wieder gegen meine Sitzknochen. Ist mein Sportsattel zu hart oder bin ich zu weich? Mein Hintern schmerzt. Ich nehme mir fest vor, zu Hause einen neuen Sattel zu basteln. Aus Kühlakkus. Der Radfahrweg endet an einer roten Ampel. Eine willkommene Gelegenheit, mal kurz durchzupusten. Ohne abzusteigen halte ich mich lässig mit der rechten Hand am Ampelmast fest und trommele auf den Ampelknopf. Dabei schiebt sich mein Rad leicht nach hinten. Gedankenverloren trete ich die Rücktrittsbremse. Doch mein Tritt geht ins Leere. Mountainbikes werden nun mal per Hand am Lenker gebremst. In Zeitlupe kullere ich rückwärts ins Getreidefeld und lande rittlings auf dem Hosenboden. Das schadenfrohe Gelächter durch geschlossene Autoscheiben ist nicht zu überhören. Ich verfluche die Erfindung von Foto-Handys.

Wenn nichts mehr hilft, einfach mit ernster Miene eine Panne vortäuschen. Bei der Tour de France ist es ja so, dass jedes Radteam von Begleitfahrzeugen unterstützt wird. Spontan finde auch ich ein für mich stilgerechtes Fahrzeug. Landwirt Axer gabelt mich mit seinem Traktor auf und fährt mich samt Fahrrad in der Mistschaufel huckepack nach Hause. Laufen, Radfahren, vielleicht sollte ich auch noch schwimmen und mich für den Triathlon auf Hawaii anmelden. Dank Paul Kuhn wissen wir ja, dass es auf Hawaii kein Bier gibt. Aber vielleicht eine neue Achillessehne.

AUTOR CHRISTIAN PAPE (43) IST HUMORIST UND HOBBYLÄUFER. AM 2. OKTOBER 2016 GEHT ER MIT RP-REDAKTEUR MICHAEL HECKERS BEIM KÖLN-MARATHON AN DEN START.

Quelle: RP
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