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Franz Xaver Huu Duc Tran
Einst Flüchtling, heute Pfarrer

Franz Xaver Huu Duc Tran: Einst Flüchtling, heute Pfarrer
Pfarrer Franz Xaver Huu Duc Tran besuchte in den Jahren 2001 und 2010 sein Heimatland Vietnam und dort unter anderem die Grabstätte seiner Großmutter. FOTO: Privat
Erkelenz. Wegbergs Pfarrer kam 1982 als Flüchtling aus Vietnam nach Deutschland. Der 44-Jährige erzählt, wie er die ersten Tage hier erlebte und worauf es bei der Flüchtlingshilfe und Integration ankommt.

Herr Pfarrer Tran, Sie kamen im Februar 1982 als Zehnjähriger mit Ihrem Onkel als Flüchtling aus Vietnam. Erinnern Sie sich noch an die ersten Tage in Deutschland?

Tran Ja, wir kamen nach einer dramatischen Flucht als "Boat People" und nach zwei Jahren in einem Flüchtlingslager in Malaysia in die Erstaufnahmeeinrichtung nach Unna-Massen. Diese Einrichtung betreibt das Land Nordrhein-Westfalen bis heute. Dass ich während der Flucht meine Eltern - damals war ich erst acht Jahre - aus den Augen verloren habe und erst nach zwei Jahren wiedersehen sollte, war für mich unglaublich schwer zu verkraften. Aber da musste ich damals durch. Ich war froh, dass mein Onkel noch da war. So war ich nicht alleine. Nach zehn Tagen in Unna kam mein Vater und holte mich ab. Wir fuhren nach Stolberg, wo ich auch meine Mutter und meine Schwester wiedersah.

Sie wuchsen dann als vietnamesischer Flüchtling in Stolberg bei Aachen auf.

Tran Ja, als Kind und später als Jugendlicher war das für mich völlig normal. Als sogenannte Kontingentflüchtlinge, die mit ihrer Ankunft sofort eine Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen erhielten, hatten wir schnell Gewissheit, dass wir in Deutschland bleiben konnten. Diese quälende Zeit der Ungewissheit, die viele Flüchtlinge heutzutage erleben, blieb meiner Familie zum Glück erspart. Das war ein großer Vorteil.

Wie ging es dann für Sie weiter?

Tran Ich wurde Messdiener in Stolberg, zunächst in der Pfarrei St. Lucia, dann St. Franziskus, die zu meiner kirchlichen Wahlheimat wurde. Ich lernte viele Kirchen in der Aachener Region kennen. Später studierte ich in Bonn Theologie, absolvierte anschließend ein praktisches Jahr in Krefeld-Hüls. So schloss sich eins ans andere.

Haben Sie noch Kontakt zu früheren Weggefährten?

Tran Mit dem Sozialarbeiter, der sich damals mit großem Einfühlungsvermögen um die unterschiedlichsten Belange meiner Familie kümmerte, habe ich bis heute Kontakt. Er ist sogar mein Firmpate und seine Frau die Taufpatin meiner jüngsten Schwester geworden. Wir sehen uns immer wieder. Ich bin ihm bis heute sehr dankbar.

Wie wurden Sie in Deutschland aufgenommen?

Tran Gut. Ich habe Deutschland schnell lieben gelernt. Wir hatten hier jederzeit saubere Kleidung, genug zu essen und zu trinken und wir durften endlich in Freiheit und Sicherheit leben. Wir waren froh, dass wir hier das Grundgesetz haben, das auch für uns Fremde gilt. Es schützt uns und wir schützen es. Bis ich das erkannte, musste ich jede Menge lernen. Vieles war mir in der Anfangszeit sehr fremd.

Zum Beispiel?

Tran Nur ein Beispiel: Bei uns in Vietnam war es völlig normal, dass sich Nachbarn gemeinsam zum Essen versammelten, dass Familien sich trafen und es gab ein intensives Dorfleben. In Deutschland war das plötzlich anders. Für mich eine Art "Kulturschock". Mir fehlte das Nachbarschaftliche, die Offenheit zueinander, die in meiner Heimat so selbstverständlich war. Ich musste erst lernen, mit dieser Form der Reserviertheit in Deutschland umzugehen - die aber, wie ich später erkannte, nicht nur Nachteile hat.

Waren Ihnen Bräuche und Tradition in Deutschland vertraut?

Tran Eiersammeln und Hoppelhäschen zu Ostern? Tannenbäume und Weihnachten? Karneval? Mir war das alles völlig fremd. Mittlerweile habe ich mich damit aber bestens arrangiert. Nicht nur mit dem rheinischen Karneval (lacht).

Sie landeten damals also in einer völlig fremden Welt?

Tran Nein, das kann man so auch nicht sagen, denn über den katholischen Glauben und christliche Werte habe ich in Deutschland ein großes Stück Heimat wiedererkannt. Als wir damals in Stolberg in den Gottesdienst gingen, kannte ich dort "keine Socke". Weil ich noch kein Deutsch konnte, verstand ich kein Wort von dem, was der Pastor erzählte. Aber: Die Rituale und Abläufe im Gottesdienst waren mir aus meiner Heimat sehr wohl vertraut. Darum halte ich es bis heute für hilfreich, dass die katholische Kirche an bestimmten Standards der Liturgie konsequent festhält.

Sie fanden Heimat in der Kirche . . .

Tran Genauso ist es. Und diese Heimat kann man mir nicht nehmen. Niemand. Bei Gott bin ich nie ein Fremder. Als Flüchtling gaben mir die Kirche und mein Glaube Heimat über Landesgrenzen hinweg. Über Kirche und Glauben fand ich als Flüchtling aus dem Vietnam zu ähnlichen Einstellungen und Haltungen, wie sie die Menschen hier in Deutschland haben.

Zurück ins Hier und Jetzt: Wie beurteilen Sie die Flüchtlingsarbeit?

Tran Es herrscht eine große Willkommensstimmung. Das ist zunächst einmal erfreulich. Mit großer Willkommenskultur hat das aber noch nichts zu tun. Denn Stimmungen können schnell kippen. Flüchtlingshilfe braucht aber Ausdauer. Oder um es mit einem Bild zu sagen: Wir brauchen Marathonläufer, keine Sprinter. Wer als Einzelner alles gibt, läuft schnell Gefahr, sich zu schnell zu verausgaben. Es folgt Ernüchterung - er läuft Gefahr, irgendwann aufzugeben. Auf der Grundlage der derzeit durchweg positiven Stimmung sollten wir jetzt vor allem ordnen, organisieren und die Aufgaben auf möglichst viele Schultern verteilen. Dabei geht es darum, aus Stimmungen Haltungen zu machen. Das versuchen wir auch in der katholischen Kirche zurzeit. Denn langfristig wird uns in der Flüchtlingshilfe nur Stabilität helfen. Dazu braucht es Haltung, Wille und Weggefährten. Das Thema wird uns noch viele Jahre begleiten.

In der Flüchtlingshilfe praktizieren Sie das Prinzip "Mit Ordnung gegen Ernüchterung"?

Tran So kann man es auch sagen. Es kommt aber noch ein weiterer wichtiger Aspekt hinzu. Hilfe einzufordern ist leicht. Wir müssen uns aber auch mit der Frage auseinandersetzen, wie wir unsere Ehrenamtler schützen, die sich tagtäglich für eine gute Willkommenskultur einsetzen. Unsere Ehrenamtler tragen schließlich auch Verantwortung für sich selbst und für ihre Familie. Anderswo in unserem Land haben Flüchtlingshelfer schon üble Drohungen von Extremisten erleben müssen.

Sind wir Ihrer Meinung nach bei der Integration auf einem guten Weg?

Tran Wir müssen den Begriff "Integration" überdenken. Viele meinen, jemand ist integriert, wenn er im Aussehen und Verhalten sich "typisch deutsch" gibt. Das ist eigentlich Assimilation. Durch Assimilieren werden aber Herkunft und Kultur der Flüchtlinge vernichtet und die fremden Menschen quasi nur "eingedeutscht". Etwas Fremdes kann aber auch sehr bereichernd sein. Erst wenn es uns gelingt, auch das Fremde, das Andersartige, soweit es dem Grundgesetz entspricht, zu akzeptieren und zu fördern, kann man von gelungener Integration sprechen. Aus dieser Sicht sind die vielen Menschen, die zurzeit als Flüchtlinge zu uns kommen, ein riesiges Potenzial. Sicher auch, um die sich abzeichnenden dramatischen Folgen des demografischen Wandels in unserer Gesellschaft ein wenig auffangen zu können. Wir sollten diese Chance nutzen.

MICHAEL HECKERS STELLTE DIE FRAGEN.

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Quelle: RP
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