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Dr. Jürgen Kaack im Interview
"Glasfaser hat zu wenig Akzeptanz"

Erkelenz. Dr. Jürgen Kaack hat die Bemühungen um schnelle Internetverbindungen in der Region begleitet. Der Breitbandexperte hält das Glasfaserprojekt für in wichtigen Teilen gescheitert. Als Gründe nennt er mangelnde Akzeptanz und Managementfehler.

Viele Bürger in Wegberg haben die Wahl: Glasfaser oder VDSL? Für welchen Anschluss würden Sie sich entscheiden?

KAACK Kupferleitungen beweisen auch für schnelle Internetzugänge gute Ergebnisse, die mit der Frequenz zunehmende Dämpfung sorgt, aber für Einsatzgrenzen durch in zunehmender Entfernung vom Verteilerkasten stark abfallende Geschwindigkeiten. Die starke Zunahme der übertragenen Datenvolumen um derzeit rund 20 Prozent pro Jahr wird in zehn bis 15 Jahren Grenzen für die Kupferdoppelader setzen. VDSL und die Vectoring-Technologie sind eine Übergangslösung, nachhaltig ist nur der Glasfaser-Ausbau. Darum würde ich mich schon heute für einen Glasfaser-Anschluss entscheiden.

Wie beurteilen Sie den Glasfaserausbau im Kreis Heinsberg?

KAACK 13 von 26 Ausbaugebieten der Mitte Juli 2013 ausgelaufenen Vorvermarktung in der "dritten Runde" haben das Ziel von 40 Prozent Vorverträgen für einen Glasfaser-Anschluss erreicht. Eine schlechte Quote, die einen privatwirtschaftlichen Anbieter wie die Deutsche Glasfaser nicht zufriedenstellen kann. Dabei ist die heutige Versorgung keineswegs so gut, dass ein Wechsel keine Vorteile bringen würde. Ausgehend von dem ursprünglichen Ziel, den Kreis Heinsberg flächendeckend mit Glasfaserverbindungen bis in die Häuser zu versorgen, muss man festhalten, dass das Glasfaserprojekt in diesem Punkt gescheitert ist. Das ist schade für dieses lobenswerte Vorhaben. So schnell wird es wohl keine andere privatwirtschaftliche Alternative für den Ausbau eines Glasfaser-Anschlussnetzes im Kreis Heinsberg geben. Für die Ortsteile im Kreis Heinsberg, die mit Glasfaser-Anschlüssen ausgebaut wurden oder sich noch in der Umsetzung befinden, bedeutet es aber immerhin einen gewaltigen Schritt in die Zukunft. Die Gemeinden Gangelt und Selfkant profitieren ja fast flächendeckend von dem Ausbau und hatten bislang nur eine sehr langsame Internetanbindung.

Wo liegen die Gründe für das Scheitern?

KAACK Es sind im Wesentlichen zwei Gründe zu nennen. Erstens: der Glasfasertechnik fehlt die Akzeptanz, obwohl die Preise durchaus mit den Wettbewerbsangeboten vergleichbar sind. Dabei darf man natürlich nicht die Preise eines 6 Mbit/s-Anschlusses mit demjenigen eines 100 Mbit/s-Anschlusses vergleichen. In vielen Orten wie Wegberg und Beeck blieb die Vorvertragsquote deutlich unter 40 Prozent. Möglicherweise wurden auch beim Marketing für das neue Angebot keine optimale Ansprache erreicht. Als zweiter Grund sind Managementfehler zu nennen.

Welche Fehler meinen Sie damit?

KAACK Die Deutsche Glasfaser und das komplizierte Konstrukt ihrer Subunternehmen hat für eine Reihe negativer Schlagzeilen gesorgt. Lohndumping, mangelhaft ausgeführte Tiefbauarbeiten und teils erhebliche zeitliche Verzögerungen haben die potenzielle Kundschaft verunsichert. Auch die Zusammenarbeit mit den Kommune läuft wohl nicht immer reibungslos, obwohl die Kommunen dem Vorhaben insgesamt sehr offen entgegengekommen sind.

Wo liegen die Gründe für die Fehler im Kreis Heinsberg?

KAACK Vielleicht ist die Deutsche Glasfaser zu schnell gewachsen und hat zu viele Baustellen gleichzeitig eröffnet. Das ist insofern bedauerlich, weil die Reggefiber als Muttergesellschaft der Deutschen Glasfaser in den Niederlanden beim Bau von Glasfaserleitungen nachweislich gute Arbeit geleistet hat. So wurden im Großraum Eindhoven etwa 160 000 Anschlüsse ohne größere Probleme realisiert. Der Bau neuer Netz-Infrastrukturen ist eine komplexe Aufgabe, die aber durchaus lösbar ist.

In Wegberg ist nun die Telekom mit dem VDSL-Netz präsent.

KAACK Die Bürger der Stadt profitieren von dem Wettbewerb zwischen der Telekom und der Deutschen Glasfaser. Wegberg ist eine der ersten Städte im ländlichen Raum, die mit Vectoring fast flächendeckend versorgt werden. Nur Anschlüsse im Umfeld von 600 Metern um den Verteilerschrank werden nach der Freischaltung der Vectoring-Technologie die volle Leistung von 100 Mbit/s erhalten, für den ländlichen Raum bleibt somit die Steigerung der Geschwindigkeit zum Beispiel in Straßendörfern mit längeren Anschlussstrecken zwischen Verteilerschrank und dem Hausanschluss auch in Zukunft begrenzt.

Der Glasfaserausbau bleibt also trotz flächendeckender VDSL-Ausstattung in Wegberg weiter Thema?

KAACK Ja, denn erst mit einem flächendeckenden Glasfaser-Anschlussnetz ist der nachhaltige Netzaufbau abgeschlossen und ermöglicht nahezu unbegrenzte Geschwindigkeiten bis in den Gbit/s-Bereich sowohl im Downstream wie auch für den Upload. Steigende Datenvolumina und die Entfernung zum Verteiler spielen dann keine Rolle mehr. Keine andere Technologie bietet so einfache Möglichkeiten für offene Netzzugänge, die auch kleinen und lokal tätigen Dienstebetreibern ermöglichen, ihre Produkte zu realisieren. Somit eröffnet die Glasfaser-Technologie neben der hohen Leistung auch die Chance auf einen zunehmenden Wettbewerb mit attraktiven Diensten.

Die Stadt darf sich also nicht zufrieden zurücklehnen.

KAACK Weil nun flächendeckend die Vectoring-Technologie verfügbar ist, eröffnet die Zeitdauer von bis zu 15 Jahren Chancen für den Aufbau der erforderlichen Infrastruktur für das neue Anschlussnetz. Diese Zeit sollte die Stadt Wegberg nutzen, um ein geeignetes Geschäftsmodells mit Kooperationsansätzen zu entwickeln und eine Betreiberinstitution für die entstehende passive Infrastruktur zu finden. Von den großen Netzbetreibern mit ihren Bestandsnetzen ist der Ausbau von Glasfaser-Anschlussnetzen allerdings aus wirtschaftlichen Gründen und den langen Amortisationszeiträumen nicht zu erwarten. Die Trennung von Netz und Diensten ist der Schlüssel für eine erfolgreiche Umsetzung. Kommunale Institutionen wie Stadtwerke können bei einer langfristigen Planung Synergien mit anderen Tiefbaumaßnahmen nutzen, so dass die erforderlichen Investitionen erheblich sinken.

Gibt es dafür gelungene Beispiele?

KAACK Ja, zum Beispiel in Norddeutschland. Dort hat das Unternehmen wilhelm.tel als Tochterunternehmen der Stadtwerke Norderstedt mit dem Bau von ringförmig verlegten Glasfaser-City-Netzen die strukturellen Voraussetzungen geschaffen. Auf dem hart umkämpften Telekommunikationsmarkt sind die Stadtwerke Norderstedt mit wilhelm.tel gut positioniert, da sie eigene Glasfasernetze einschließlich der "letzten Meile" bis zum Gebäude ihrer Kunden verlegt haben. Auch in den ländlichen Regionen in Schleswig-Holstein ist der Glasfaser-Hausanschluss offensichtlich wirtschaftlich darstellbar.

Wie sieht es mit der Lebensdauer von Glasfaserleitungen aus?

KAACK Leerrohre und die darin eingezogenen Glasfaserleitungen haben Lebensdauern von mehr als 50 Jahren. Damit ist eine ausreichende Nutzungszeit auf jeden Fall gegeben. Es sollten trotzdem Amortisationszeiten von zehn bis 20 Jahren nach Vermietung an einen Netzbetreiber angesetzt werden. Sollte sich später die Notwendigkeit ergeben, Glasfaserleitungen auszutauschen oder zusätzliche Leitungen einzuziehen, bedeutet dies bei den gängigen Leerrohrsystemen auf jeden Fall keinen größeren Aufwand.

MICHAEL HECKERS FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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